Mediziner aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet haben am Freitag in Offenbach für bessere Arbeitsbedingungen an den kommunalen Krankenhäusern demonstriert. Rund 150 Menschen beteiligten sich nach Polizeischätzungen an einem Demonstrationszug vom Klinikum Offenbach zum Marktplatz der Stadt.
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Mediziner aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet haben am Freitag in Offenbach für bessere Arbeitsbedingungen an den kommunalen Krankenhäusern demonstriert. Rund 150 Menschen beteiligten sich nach Polizeischätzungen an einem Demonstrationszug vom Klinikum Offenbach zum Marktplatz der Stadt.

Ärztestreik in Hessen

"Nachts mach ich's fast umsonst"

150 Ärzte aus dem Rhein-Main-Gebiet sind am Freitag demonstrierend durch Offenbach gezogen. Derzeit streiken in Hessen etwa 1000 Mediziner an kommunalen Krankenhäusern. Von Angelika Ohliger

Von Angelika Ohliger

Vorneweg läuft ein Notarzt. Er ist in diesem Moment nicht im Dienst. Genau so wie seine mehr als 150 Kolleginnen und Kollegen im Demonstrationszug, der sich am Freitagvormittag vom Erich-Rebentisch-Zentrum aus in Bewegung gesetzt hat. Einmal um die Klinik herum und dann in die Innenstadt bis zum Offenbacher Marktplatz.

Die Ärzte kommen aus dem Klinikum, unterstützt von Kollegen aus Hanau, Höchst, Groß-Gerau und Limburg. Sie wollen für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen.

Auffallend viele Demonstranten sind jung. So wie Jens Reuter, 32 Jahre, im vierten Berufsjahr Assistenzarzt in der Anästhesie des Klinikums. Rund 2000 Euro netto im Monat habe er im vergangenen Jahr verdient, "alles inklusive". Damit meint er die Zuschläge für Nacht-, Feiertags- und Bereitschaftsdienste.

Angst vor dem Burn-Out mit 50

Doch ob schließlich bei den Tarifgesprächen, die Anfang April gescheitert waren, drei oder fünf Prozent mehr Gehalt herausspringen werden, sei ihm gar nicht so wichtig. Er verlangt vor allem, dass die Stellen in den Kliniken mit Festangestellten besetzt werden. "Ich will genügend Kollegen, damit ich nicht mit 50 einen Burn-Out habe", sagt Reuter.

Der Anästhesist hat die Demonstration organisiert. Der Zug setzt sich mit lautem Getöse aus orangefarbenen Trillerpfeifen und Tröten in Bewegung. Die Mützen und die Schirme gegen die letzten Tropfen des kräftigen Schauers sind ebenfalls orange. Es ist die Farbe des Marburger Bunds, der Ärzte-Gewerkschaft.

"Nachts mach ich’s fast umsonst" hat ein junger Arzt auf sein Transparent geschrieben. "Wenn ich an Pfingsten zum Dienst gehe, verdiene ich weniger als an normalen Arbeitstagen", kritisiert Reuter die seiner Meinung nach völlig unzureichenden Zuschläge. Da verdiene er brutto 22,30 Euro die Stunde plus 1,28 Euro Nachtzuschlag.

Die Bezahlung ist das eine, der Stress das andere. "Die Belastung ist enorm", sagt Alexander Helfenbein, 53 Jahre alter Oberarzt in der Anästhesie. Noch könne persönliches Engagement den Mangel ausgleichen, aber irgendwann werde der er zu Lasten der Patienten gehen, prophezeit sein jüngerer Kollege.

Seit Montag vor einer Woche wird an kommunalen Kliniken in Hessen gestreikt. Die Offenbacher sind von Anfang an dabei. Rund 80 Ärzte befänden sich jeden Tag im Ausstand, sagt Reuter. In wechselnden Besetzungen, damit das Notwendige für die Patienten erledigt und die Lohneinbuße verteilt werden könne. Eine Streikkasse haben die Ärzte nicht.

"Seid doch froh, dass Ihr Arbeit habt", ruft ein Mann aus dem Fenster eines Hauses im Starkenburgring den Demonstranten zu. Sie winken freundlich zurück. Sie wissen, dass man ihnen vorwirft, auf hohem Niveau zu jammern. Tatsache sei aber, dass für alle die Arbeitsbelastung enorm sei, sagt eine Oberärztin aus dem Klinikum. "Der Streik hat auch den Vorteil, dass man mit Kollegen überhaupt mal wieder ins Gespräch kommt."

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