In Offenbachs Grundschulen haben 68 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund.
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In Offenbachs Grundschulen haben 68 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund.

Offenbach

Migrantenquote läuft ins Leere

  • Claudia Isabel Rittel
    vonClaudia Isabel Rittel
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Der Vorschlag von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), Quoten für Schüler mit Migrationshintergrund einzuführen, gilt in Offenbach als nicht umsetzbar.

Der Vorschlag von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), Quoten für Schüler mit Migrationshintergrund einzuführen, kommt in Offenbach nicht gut an.

Schuldezernent Paul-Gerhard Weiß (FDP) nannte den Vorschlag auf Anfrage der FR „völlig unpraktikabel“. In Offenbach haben im Durchschnitt bei allen Schulformen – von Grundschule bis Gymnasium – 61 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund. Bei den Grundschulen sind es 68 Prozent, in der Innenstadt sogar 80 bis 90 Prozent.

Eine Quote einzuhalten, die unter dem städtischen Durchschnitt liege, sei unmöglich. „Ich kann die Schüler ja nicht nach Kronberg bringen und von dort hierher“, meint der Stadtrat. Dies widerspreche völlig der Idee, dass gerade Grundschulkinder eine Schule in ihrem Wohnumfeld besuchen sollten. Die Vorstellung von Quoten nennt Weiß „weltfern“.

Wanka hatte vor einigen Tagen eine Quote ins Spiel gebracht, ohne sich jedoch auf eine feste Prozentzahl festzulegen. Nach Ansicht des Deutschen Philologenverbands führen Schulklassen mit einem Migrantenanteil von mehr als 35 Prozent zu Leistungsabfall und Integrationsproblemen.

„Weil die Bevölkerungsstruktur ist, wie sie ist, haben wir längst begonnen, damit umzugehen“, sagt Weiß. Etwa durch eine intensive Sprachförderung, Elternarbeit und die Begleitung der Schüler beim Übergang von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen.

Den steigenden Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund an den Offenbacher Gymnasien sieht er als Ausweis für einen zunehmenden Bildungsaufstieg. „Vielleicht gibt es Unterschiede in den Durchschnittsnoten bei den Abschlüssen im Vergleich zum Taunus“, räumt er ein. „Die sind aber nicht so drastisch, wie sich manche das vorstellen“.

Nichts mit der Lebensrealität auf Offenbacher Schulhöfen habe das Argument zu tun, die Schüler sprächen dort nur ihre Muttersprache. „Wir haben hier 140 Nationen, also ein bunt gemischtes Publikum. Die Kinder sprechen Deutsch. Sonst hätten sie ja auch gar keine Chance, sich zu verständigen.“ Selbstverständlich komme es vor, dass sich einzelne Schüler auch in anderen Sprachen unterhielten, ein Problem stelle das aber nicht dar. Einen aktuellen Antrag der AfD-Fraktion, „Deutsch als Pflichtsprache auf dem Schulgelände“ einzuführen, hält Weiß deshalb für überflüssig.

Von den in Offenbach geborenen Kindern, „durchlaufen inzwischen fast alle das Kindergartensystem“. Dadurch würden sie weit bessere Sprachkenntnisse erwerben als das bei vielen Einwandererkindern vor 20 Jahren der Fall gewesen sei.

Bei Kindern aus Familien, die erst in den vergangenen Jahren nach Deutschland kamen, sei dies schwieriger. Um das Niveau der Schüler in der deutschen Sprache zu messen, nehme die Stadt regelmäßig Sprachstandserhebungen vor. Für Kinder mit entsprechenden Problemen gebe es zwischen der dritten und vierten Klasse das Angebot einer zusätzlichen Förderung in den Ferien. Diesen sogenannten Deutsch-Sommer finanzieren überwiegend Stadt und Sponsoren, der Elternbeitrag ist gering. Zu einer „deutlichen Entspannung“ hat in Offenbach der Sozialstruktur-Index geführt, nach dem die hessische Landesregierung Schulen in einem schwierigen sozialen Umfeld seit 2013 zusätzliche Lehrerstellen zuweist. „Aber in den Innenstadtschulen reicht das nicht aus“, sagt Weiß. Die Integration von Schülern mit schlechten Deutschkenntnissen sei schon eine „enorme Herausforderung“ für die Stadt und die Lehrer.

Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache seien „ein komplexes Problem, das komplexe Ressourcen braucht“, sagt Michael Köditz vom Vorsitzendenteam des Gesamtpersonalrats der Offenbacher Lehrer. Johanna Wankas Vorschlag sei „keine seriöse zusätzliche Unterstützung“. Auch Köditz  hält den Sozialindex für eine gute Sache. „Doch der reicht längst nicht aus.“

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