Heinrich-Krumm-Mausoleum

Morbider Charme und Glanz

Das restaurierte Heinrich-Krumm-Mausoleum ist das Prunkstück auf dem Alten Friedhof

Von Jörg Muthorst

Die schweren, kunstvoll beschlagenen Metalltüren sind weit geöffnet und geben den Blick ins Innere des Grabtempels frei. Am blauen Mosaik-Firmament des Kuppelbaus funkeln die Sterne. Darunter empfängt „Die Ewigkeit“ den Besucher: Mit ausgestreckten Armen weist die weibliche Aktfigur den Weg hinab in die Unterwelt, eine bis zur Decke mit goldbedampftem Glasmosaik verkleidete Gruft.

Marie und Heinrich Krumm, Begründer der legendären, nach dem britischen Schnellzug „Golden Arrow“ benannte Goldpfeil-Lederwaren-Dynastie, fanden in dem vor hundert Jahren begonnenen und 1919 fertiggestellten Kleinod deutscher Grabmalkunst ihre letzte Ruhestätte. Wer sie betritt, ahnt etwas von dem selbst für damalige Verhältnisse ungeheueren, heute längst verblichenen Glanz des einstigen Offenbacher Großbürgertums.

Am Sonntag war das Heinrich-Krumm-Mausoleum nach seiner aufwendigen Restaurierung durch die städtische ESO-Friedhofsabteilung erstmals seit Jahren wieder öffentlich zugänglich. Und es wird sogleich zum Anziehungspunkt an diesem Tag des offenen Denkmals. „Wir sind überwältigt“, freut sich ESO-Sprecher Oliver Gaksch.

Rund 100 Menschen, so viele wie selten zuvor, begaben sich zudem auf Erkundungstour kreuz und quer über den natur- und denkmalgeschützten Friedhof. Unter den ausladenden, an diesem hochsommerlichen Tag wohltuend Schatten spendenden Kronen der über 100 Jahre alten Baumriesen folgten sie Hans-Georg Ruppel durch die parkähnliche Anlage. Trauerversunkene Jungfrauen und verspielte Engelsfiguren, von Efeu umrankte Schmiedekunst und moosbewachsener Sandstein entwickeln inmitten von Grabtempeln und Monumenten zwischen Spätbarock und Neoklassizismus einen faszinierend morbiden Charme. Spuren des Verfalls sind unübersehbar. Bei ESO wird deshalb über einen Förderverein zum Erhalt des Alten Friedhofs nachgedacht.

Ruppel, von 1980 bis 2005 Stadtarchivar, kennt dieses Gesamtkunstwerk wie kein anderer, leitet jährlich sechs bis zehn Führungen. Und er weiß Geschichte und Geschichten zu erzählen, die sich hinter diesen Grabstätten verbergen. Denn hier ruhen sie alle, die früher Rang oder zumindest Namen hatten in Offenbach, die Originale wie der nur 1,30 Meter groß gewordene Martin Winterkorn, das im Armenhaus gestorbene „Streichholzkarlchen“, oder Fechtmeister Arturo Gazzera und Historienmaler Leopold Bode, aber auch die Tabakfabrikanten Büsing, d’Orville, Bernard und Krafft. Die Begründer der Lederwaren- und der Chemieproduktion, Mönch und Oehler, sind hier beigesetzt, ebenso Schwanenapotheker und Vogelkundler Bernhard Meyer, Sprachforscher Karl Ferdinand Becker, in dessen Sprachschule am Linsenberg Schüler aus ganz Europa kamen, Bankier Friedrich Metzler, von dessen repräsentativem Sommersitz heute noch der Badetempel (Lili-Tempel) am Main kündet, und Hessens erster Staatspräsident, der Sozialdemokrat Carl-Ulrich.

Kaum bekannt ist, dass 16 Mitglieder der fürstlichen Familie zu Isenburg-Birstein laut Ruppel in einer Nacht-und-Nebel-Aktion hierhin überführt wurden, weil in die Gruft der Schlosskapelle das Grundwasser drückte.

Und dann gibt es auch Zeugnisse von Unglücken, etwa der Explosion beim Granaten-Abfüllen 1916 im Griesheim-Elektron-Zweigwerk in Heusenstamm mit zehn Toten, dem Schleusenunglück von 1909, als bei einem Schulausflug sechs Mathildenschülerinnen und ein zu Hilfe eilender Bauarbeiter im Main ertranken, weil Bornheimer Lausbuben den Schieber der Schleuse öffneten. Oder der Eisenbahnkatastrophe von 1900, als zwischen Mühlheim und Offenbach im gasbeleuchteten Speisewagen zehn Menschen verbrannten.

Offenbachs erster italienischer „Gastarbeiter“ war übrigens Giorgio Pirazzi, der 1798 eine Darmsaiten-Fabrik gründete. Und auch die Türken waren schon früh hier: Ein 20-jähriger Austausch-Student starb 1920 in Offenbach an Lungenentzündung und wurde hier in fremder Erde, aber nach islamischem Ritus beigesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare