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Lockmittel Führerschein

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Von: Agnes Schönberger

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Vorsitzender Leonhard Gallei (li.) mit Stellvertreter Norbert Hartmann und der ehrenamtlichen Helferin Edith Assmann.
Vorsitzender Leonhard Gallei (li.) mit Stellvertreter Norbert Hartmann und der ehrenamtlichen Helferin Edith Assmann. © Renate Hoyer

1951 ist die Verkehrswacht für Stadt und Kreis Offenbach gegründet worden. Der Festschrift ist zu entnehmen, dass der damalige Polizeidirektor jugendlichen Helfern ein verlockendes Angebot machte.

Vor 65 Jahren besaßen gerade einmal 716 000 Deutsche ein Auto. Aus heutiger Sicht – aktuell sind mehr als 45 Millionen Pkw registriert – müssen damals paradiesische Zustände auf den Straßen geherrscht haben. Dennoch empfanden die Bürger den Verkehr wohl als bedrohlich. In Offenbach jedenfalls wurde im August 1951 die Verkehrswacht für Stadt und Kreis gegründet. Das 65. Jubiliäum war für den Verein gestern Anlass, gemeinsam mit Gästen in der Geschäftsstelle an der Waldstraße zu feiern.

Auszeichnung für den „Schutzengel von Tempelsee“

Der kleinen Festschrift ist zu entnehmen, dass sich die Aufgaben der ehrenamtlichen Mitglieder bis heute ähneln. Die Verkehrssicherheit stand schon vor 65 Jahren im Vordergrund. Heute ist weiterer Schwerpunkt die Verkehrserziehung. Sie soll Unfälle vermeiden helfen. Langfristiges Ziel der Verkehrswacht ist die „Vision Zero“, also null Verkehrstote.

In einem Zeitungsbericht aus dem Jahre 1951, der in der Festschrift veröffentlicht ist, wird vom Besuch des damaligen Polizeidirektors in der Bach-Schule berichtet. Er wollte die Jugend für die Aufgabe als Verkehrslotsen begeistern. Da er wohl nicht darauf vertraute, die Schüler nur mit weißem Koppel mit Schulterriemen und Verkehrskelle für den „Dienst an dieser schönen und verantwortungsvollen Aufgabe“ gewinnen zu können, stellte er ihnen für die „regelmäßige“ Teilnahme an den Unterrichtsstunden nicht nur die Ausstellung eines „Fahrradführerscheins“ und die Teilnahme am Tagesstreifendienst der Polizei in Aussicht. Besonders verlockend dürfte in den Ohren der über 16-jährigen potenziellen Helfer das Angebot geklungen haben, kostenlos den Führerschein für leichte Krafträder zu erhalten.

Allerdings gab es damals auch Sorgen, dass die Jugendlichen als „Verkehrsschreck für alle Straßenbenutzer“ auftreten und, ausgerüstet mit der Kelle, Unfug anrichten könnten. Ein Lehrer schlug deshalb vor, die Schulen sollten die in Frage kommenden Helfer selbst auswählen.

Mit ihrer Anwesenheit bewiesen gestern der Präsident des Polizeipräsidiums Südosthessen, Roland Ullmann, Stadtkämmerer Peter Freier (CDU), Erste Kreisbeigeordneter Claudia Jäger (CDU) und Erste Stadträtin Claudia Bicherl (CDU, Seligenstadt) ihre Wertschätzung für die Arbeit der Verkehrswacht. Jäger sagte, mit 65 Jahren sei der Verein zwar im Rentenalter. Aber sie hoffe, dass die Mitglieder weitermachten. Verkehrsminister Tarek Al Wazir (Grüne) nannte in einem Grußwort, das verlesen wurde, die Mitgliedergewinnung eine große Herausforderung. Tatsächlich hat die Verkehrswacht ein Nachwuchsproblem. Bundesweit hat sie nur noch 70 000 Mitglieder.

Freier erinnerte daran, dass die Deutsche Verkehrswacht schon 1924 in Berlin gegründet worden war. Sie sei „Deutschlands älteste Bürgerinitiative“. Ullmann sorgte für eine Überraschung. Er verlieh Eduard Pogadl, „dem Schutzengel von Tempelsee“, die Anerkennungsurkunde des Polizeipräsidenten. Pogadl hatte nach dem Tod zweier Kinder, die auf dem Schulweg ums Leben gekommen waren, den Eltern-Schüler-Lotsendienst initiiert und diesen 25 Jahre geleitet.

Verkehrswacht-Vorsitzender Leonhard Gallei sorgte für Heiterkeit, als er erzählte, wie sein Vorgänger ihn überredet hatte, das Ehrenamt zu übernehmen. Da sei nicht viel zu tun, habe der zu ihm gesagt. „Und ich habe ihm geglaubt“, sagte Gallei und lachte über seine Leichtgläubigkeit.

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