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Die Studenten Nicolas Kremershof (links) und Lorenz Klingebiel im Archiv.
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Die Studenten Nicolas Kremershof (links) und Lorenz Klingebiel im Archiv.

Kunst

Die Kopie von der Kopie

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Studenten des Fachbereichs Visuelle Kommunikation der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) organisieren ein Kunst-Happening im Archiv des Klingspor-Museums.

"Ein echter Jan Tschichold!“ Alexander Lis stößt einen Überraschungsschrei aus. Tschicholds Schriftkunst hatte der Frankfurter Grafikdesigner bisher nur in Fachbüchern gesehen. Und nun hält er ein Original in Händen. Die Buchstaben begeistern ihn so, dass er das Blatt sofort zum Fotokopierer trägt. Dort stehen Nicolas Kremershof und Lorenz Klingebiel (beide 24) in weißen Schürzen und kopieren, was die befreundeten Gestalter aus London, Luzern und Frankfurt vervielfältigt haben wollen.

Gestern luden die beiden Studenten des Fachbereichs Visuelle Kommunikation der Hochschule für Gestaltung zum Kunst-Happening ins Archiv des Klingspor-Museums ein. Die Idee ihres Projekts „Raus Kopieren“ ist etwas schräg: Junge internationale Gestalter durchsuchen Regale, Schränke, Kisten und Bände des Archivs nach typografischem Material, das sie spontan in den Bann zieht. Das Material wird kopiert, später ausgestellt, Besuchern mitgegeben. Am Ende steht eine Semesterarbeit.

Kopiergeräte gibt es seit 50 Jahren. Typografie-Professor Sascha Lobe nimmt das als Anlass für ein Seminar, das die Kopie unter dem soziologischen, philosophischen und künstlerischen Blickwinkel betrachtet.

„Letztendlich ist alles Kopie“, sagt Student Klingebiel. „Niemand erfindet etwas von Grund auf Neues.“ Formen, Darstellungen und Motive werden immer wieder entlehnt. „Nur die Zusammenstellung ist unterschiedlich“, sagt Klingebiel.

Museumsleiter Stefan Soltek sieht noch einen anderen Denkansatz: Jenseits aller Transportierbarkeit leisteten Kopien doch nie das Gleiche wie das Original, findet er. Es gehe immer etwas verloren. Die Freude von Claudio Barandun aus Luzern, einen echten Dieter Rot hervorgekramt zu haben, scheint diese Einschätzung zu bestätigen: Gekritzel, wie während eines Telefonats gemalt – und produziert Wohlgefallen. Ab in den Kopierer damit. Auch die Grafikdesigner Catrin Altenbrandt und Adrian Niessler aus Frankfurt sind von Originalen bezaubert: Theo van Doesburg und Filippo Marinetti haben es ihnen angetan.

„Da findet man selber noch Schätze“, sagt Bibliothekarin Helga Horschig. 70 000 Medien, darunter Bücher, Schriftblätter, Muster und Buchobjekte beherbergt das Klingspor-Archiv. Unmöglich, alle zu kennen. „Haben Sie noch etwas Interessantes aus der Zeit?“, fragt Niessler.

Der Filippo Marinetti aus dem Jahr 1919 ist derart empfindlich, das Papier so brüchig, dass er nicht fotokopiert werden darf – aus Angst, das Büchlein könnte auseinanderfallen. Kremershof und Klingebiel fotografieren stattdessen das Stück, übertragen es in den Computer und drucken es dann aus. Mehrere Hundert Blatt Umweltpapier sind dabei schon durch den Drucker gelaufen. Museumsleiter Stefan Soltek freut sich über das Interesse an seinem Haus.

Das unterstreiche seine oft unterschätzte Bedeutung.

Trotz der Nähe nutzten die Studenten der HfG das Archiv leider nicht. „Wie gut, dass zwei Professoren die Kontakte neu aufbauen“, sagt er. Früher sei die Verbindung intensiver gewesen, bedauert er.

Es ist staubig im Archiv. Die Grafikdesigner stöbern eifrig weiter – die meisten tragen weiße Handschuhe, um die kostbaren Originale zu schützen. „Man bräuchte eine Woche Zeit“, stöhnt Barandun. „Es ist so ziellos und schön.“

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