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Noch landet ein Teil des Klärschlamms im Müll. Von November an soll er aber separat verbrannt werden.

Verwertung

Klärschlamm wird verbrannt

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Die EVO investiert in ihrem Müllheizkraftwerk in Offenbach rund 50 Millionen Euro in eine neue Anlage, in der pro Jahr 80.000 Tonnen Klärschlamm verbrannt werden können.

Im Müllheizkraftwerk an der Dietzenbacher Straße im Offenbacher Stadtwald wird künftig nicht nur Abfall verbrannt, sondern auch Klärschlamm. Ab November sollen dort 80 000 Tonnen pro Jahr thermisch verwertet werden und somit von den Landwirten nicht mehr als organischer Dünger auf die Felder aufgebracht werden. Die Energieversorgung Offenbach (EVO), die das Müllheizkraftwerk betreibt, ist dabei Wegbereiter für eine Technik, die bisher in Deutschland noch nicht zum Einsatz kam.

Seit Mitte August modernisiert die EVO ihr Müllheizkraftwerk im laufenden Betrieb für die monothermische Verwertung von Klärwerkrückständen – und schafft sich damit ein Alleinstellungsmerkmal im Rhein-Main-Gebiet. „Die nächste Klärschlammverbrennung findet sich erst in Witzenhausen bei Kassel“, sagt Kraftwerksleiter Markus Gegner bei einer Baustellentour durch das Offenbacher Müllheizkraftwerk.

Technik ist einzigartig

Wie EVO-Technikvorstand Günther Weiß erklärt, werden die Nachbarstädte eine solche Anlage schwerlich verwirklichen können. „Die Frankfurter haben heute schon mehr Anlagen installiert, als sie betreiben können“, sagt er. Außerdem unterliege das Frankfurter Müllheizkraftwerk durch seine Lage in der Nordweststadt starken Restriktionen beim Lastwagenverkehr. Auch beim Müllheizkraftwerk in Darmstadt, das mitten in der Stadt liegt, gebe es heute schon Beschwerden von Anwohnern.

Klärschlamm

Klärschlamm bleibt bei der Abwasserreinigung zurück. Deutschlandweit fallen jährlich sieben Millionen Tonnen an.

Die Mischung aus Feststoffen und Wasser dient in der Landwirtschaft und im Landschaftsbau wegen ihres hohen Stickstoff- und Phosphorgehalts als Düngemittel. Die Kläranlagenbetreiber verkaufen den Schlamm für 15 bis 20 Euro pro Tonne. Die Klärschlammverordnung lässt es aber nicht mehr zu, ihn in die Böden einzubringen, weil auch Schadstoffe eingetragen werden.

Rund 60 000 Tonnen pro Jahr – das sind etwa zehn Prozent der in Hessen anfallenden Menge – werden darüber hinaus aktuell noch im Kohlekraftwerk Staudinger in Großkrotzenburg (Main-Kinzig-Kreis) verbrannt. Wegen des Kohleausstiegs des Bundes soll das Kraftwerk aber spätestens 2025 abgeschaltet werden.

In kleinen Mengen wurde Klärschlamm auch schon seit Jahren zusammen mit dem Müll im Offenbacher Müllheizkraftwerk verbrannt. ann

Rund 50 Millionen Euro investiert der Offenbacher Energieversorger laut Projektingenieur Robert Krug in die Technik – obwohl Offenbach noch nicht einmal eine Kläranlage hat. Die Stadt lässt ihre Abwässer in Frankfurt klären. Das Unternehmen rechnet aber mit großen Mengen aus dem Kreis Offenbach, dem Main-Kinzig-Kreis, dem Vogelsberg und der Wetterau. „Wir haben mit einzelnen Kommunen auch schon Verträge abgeschlossen“, sagt Sprecher Harald Hofmann.

Die EVO betritt mit ihrer Verbrennungsanlage Neuland. Die installierte Technik wurde bisher in Deutschland noch nicht verbaut; nur in der Schweiz gibt es eine solche Anlage. Die Klärwerkrückstände werden in zwei sogenannten Drehrohren verbrannt – 20 Meter lang und 2,50 Meter im Durchmesser. Zwei der drei Müllverbrennungskessel, in denen der Hausmüll bei 950 Grad in Flammen aufgeht, werden mit den riesigen Drehrohren verschaltet. „Wir ziehen uns das heiße Rauchgas aus dem Müllverbrennungskessel in das Drehrohr“, sagt Weiß. Der Klärschlamm wird so erst mit der Wärme der Rauchgase getrocknet. Danach wird er in den Rohren bei 900 Grad verbrannt. Die Restgase werden in den Kessel zurückgeführt und dort ebenfalls verbrannt. Bei der Verbrennung wird künftig noch mehr Energie als bisher in Fernwärme und Strom verwandelt.

Klärschlämme enthalten wertvollen Phosphor, aber auch Mikroplastik, Medikamentenreste, Hormone sowie Metalle wie Blei, Cadmium, Kupfer oder Zink. Die Schadstoffe werden bei der Verbrennung unschädlich gemacht beziehungsweise in unschädliche Bestandteile aufgespalten.

Der Phosphor dagegen ist ein willkommener Rohstoff, der aktuell noch größtenteils importiert werden muss. Aus den 80 000 Tonnen Klärschlamm jährlich werden bei der Verbrennung 13 000 Tonnen Asche entstehen. Darin sind dann zehn Prozent hochkonzentrierter Phosphor enthalten, also rund 1300 Tonnen.

Die EVO modernisiert ihr Müllheizkraftwerk für 50 Millionen Euro.

Genau deshalb wolle der Gesetzgeber, dass der Klärschlamm nicht mehr mit dem Müll verbrannt wird und als Schlacke und Staub in Tagebaugruben landet, sondern in einer eigens konzipierten Anlage, sagt Weiß. Die EVO trifft jetzt schon Vorbereitungen, den Phosphor in der nächsten Projektphase wiederzuverwerten.

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