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Bunker-Besitzer Kurt Dunsch (links) und Wilhelm Ott von den Freunden Sprendlingens unter 1,5 Metern Beton.

Dreieich

Kaum Platz für 30 Menschen

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Die „Freunde Sprendlingens“ haben ehemalige Bunkeranlagen untersucht.

Viele Gedenkfeiern erinnern in diesem Jahr an das Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945. In Dreieich ging die NS-Zeit schon zwei Monate früher zu Ende, als fast auf den Tag genau vor 70 Jahren, am 8. März, die Amerikaner einmarschierten. Arno Baumbusch, Ehrenmitglied der „Freunde Sprendlingens“ und heute 84 Jahre alt, erinnert sich noch genau an diese chaotischen Tage.

Er kann erzählen von Bombenkratern und Panzersperren, von Jugendlichen, die versuchen mussten, die vorrückenden Alliierten aufzuhalten und von einem Panzerwrack, das noch Jahre nach Kriegsende in der Frankfurter Straße stand. So lange ist das eben doch noch gar nicht vorüber, 70 Jahre.

Immer weniger Zeitzeugen

„Es werden aber immer weniger Menschen, die noch von dieser Zeit berichten können“, sagt Wilhelm Ott, Vorsitzender der Freunde Sprendlingens. Der 1976 gegründete Verein für Heimatkunde sammelt deshalb seit vielen Jahren Zeitzeugenberichte, seine Mitglieder haben sich verdient gemacht um die Erforschung des Schicksals der Sprendlinger Juden oder der NS-Geschichte ihrer Heimatstadt.

Jetzt hat der Verein – gut passend zu den vielen Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Kriegsendes – ein weiteres beachtliches Projekt veröffentlicht. Die „Freunde Sprendlingens“ haben seit 2013 ehemalige Bunker und umgebaute Luftschutzkeller aus der Kriegszeit erforscht, nachdem ein Bürger sie auf einen überwucherten Schutzraum hingewiesen hatte.

Beim Ausgraben der mit zähem Schlamm vollgelaufenen Anklage kamen auch ein Dutzend verrottete Gasmasken zu Tage. Im eigentlichen Schutzraum stand das Wasser 80 Zentimeter hoch. Auch auf einen Tonnenbunker in der Darmstädter Straße, den zwei Nachbarn gemeinsam angelegt hatten, wurde der Verein aufmerksam gemacht.

Besonders interessant war aber wohl eine Entdeckung in der Liebknechtstraße, die kaum zu erwarten war. Denn die meisten der in der ruhigen Wohnstraße stehenden Ein- und Mehrfamilienhäuser sind keine 50 Jahre alt. Historische Zeugnisse aus der Zeit davor wären hier eigentlich kaum zu erwarten.

Von der Straße aus sieht man nur einen Teil des Gartens, doch was man erkennen kann, sieht prächtig aus. Ein Hügel mit einem ungewöhnlich großen und schönen Steingarten wölbt sich hier. Nur wer genau hinsieht, entdeckt einen schmalen Lüftungskamin, der scheinbar zusammenhanglos zwischen den Steinplatten und Blumenbeeten hervorlugt.

Eine schmale Treppe führt vom Garten aus in einen engen Raum, der unter einer 1,7 Meter dicken Betonkuppel liegt. Sie ist heute der Sockel für den Steingarten. „Eine Nachbarin, die selbst hier als Kind Schutz vor Bombenangriffen gesucht hat, erzählte mir, dass sich hier bis zu 30 Menschen drängten“, berichtet Kurt Dunsch, dem der Garten mitsamt dem historischen Erbe heute gehört.

Schutzraum erinnert noch an die Bach-Werke

Vielleicht zehn, vielleicht zwölf Quadratmeter klein ist die beklemmend enge, feuchte und dunkle Kammer. Dunsch lagert dort seine Weinflaschen. „Wir erzählen Besuchern immer, die Initialen WB an der Türe oben im Garten stünden für Wein-Bunker“, sagt er. In Wirklichkeit stehen sie für Wilhelm Bach, den einstigen Besitzer der Bach-Werke, die hier auf dem Gelände kriegswichtige Maschinenteile produzierten. Die Firmengebäude sind verschwunden, das Gelände ist heute mit Wohnhäusern bebaut.

Als die Dunschs vor 15 Jahren die Erdgeschosswohnung samt Garten kauften, gehörte auch der damals mit Brombeeren überwucherte Hügel dazu. Beim Umgraben stießen sie immer wieder auf schöne Steine, und Kurt Dunschs Vater, ein gelernter Maurer, zeigte seinem Sohn damals, wie man Bruchsteinmauern errichtet.

Der Steingarten auf der Bunkerkuppel lässt deshalb kaum noch erahnen, was unter ihm schlummert. „Da haben Sie sicher den ungewöhnlichsten Garten von Dreieich“, sagt Ott.

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