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Anton Jakob Weinberger im Büsing-Park, wo Spazierwege nach Rabbinern benannt sind.

Offenbach

"Totalitär denkende Antidemokraten"

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Anton Jakob Weinberger über die AfD, deutsches Judentum und den Kulturpreis der Stadt.

Die Max Dienemann/Salomon Formstecher-Gesellschaft erhält den Kulturpreis 2018 der Stadt Offenbach. Er wird am 6. Februar verliehen. Die Initiative zur Gründung der nach zwei Reform-Rabbinern benannten Vereinigung war von Anton Jakob Weinberger ausgegangen. Der Journalist ist seit der Gründung 1995 ihr Vorsitzender. Im FR-Gespräch äußert sich der Sohn von Holocaust-Überlebenden über jüdisches Erbe, Antisemitismus, Polemik und seine Kindheit in einem DP-Lager (DP=Displaced Persons).

Ein Anliegen der Dienemann/Formstecher-Gesellschaft ist es, Juden nicht als Opfer darzustellen, sondern als Gestalter ihres Schicksals. Ist das gelungen?
Ich denke schon. Wir versuchen aufzuzeigen, welchen Beitrag das deutsche Judentum seit Beginn der Neuzeit für die Entwicklung der deutschen Kultur, Wirtschaft und Politik geleistet hat. Auch fragen wir, welches Erbe uns Nachgeborenen, Juden wie Nichtjuden, das in der Shoa vernichtete deutsche Judentum hinterlassen hat. 

Welcher Beitrag ging von Offenbach aus?
Offenbach hat mit der Israelitischen Religionsgemeinde schon im 18. Jahrhundert zu jenen wenigen Städten in Europa gehört, die einen hebräischen Buchdruck hervorbrachten und damit Buchdrucker aus ganz Europa anzogen. Eine weitere Besonderheit war der Beschluss der damaligen Religionsgemeinde, sich 1821 der noch jungen Reformbewegung anzuschließen. Bis zur Zerschlagung der Gemeinde durch die Nazis 1942/43 existierte dieses liberale Judentum in Offenbach. Von historischer Bedeutung ist die Ordination der orthodoxen Jüdin Regina Jonas zur weltweit ersten Rabbinerin im Dezember 1935 in Offenbach durch den Rabbiner Max Dienemann.

Oberbürgermeister und Kulturdezernent Felix Schwenke hat zur Begründung der Auszeichnung gesagt, das Judentum gehöre zu Offenbach. Er wollte damit wohl auch ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen.
Ich halte die Aussage für ehrenhaft, aber auch für selbstverständlich. Der Aufstieg des ehemaligen Fischer- und Bauerndorfs Offenbach zur Stadt verdankt sich Hugenotten und Juden. Beide sind fast zeitgleich vom Isenburger Grafen Johann Philipp in Offenbach angesiedelt worden. Fakt ist, dass Siegmund Merzbach, ein orthodoxer Jude, als Gründer des gleichnamigen Bankhauses die Industrialisierung Offenbachs im 19. Jahrhundert zum größten Teil finanziert hat.

Der Historiker Dan Diner sprach davon, dass Juden und Nichtjuden in Deutschland in einer „negativen Symbiose“ seit der Shoa zusammenlebten. Man sei durch den Zivilisationsbruch aneinander gebunden. Aber das Zusammenleben stehe auf „dünnem Eis“. Empfinden Sie das auch so?
Ich sehe es nicht ganz so dramatisch. Das Eis ist sicherlich nicht sehr dick. Aber die Entwicklung unserer Vereinigung zeigt doch, dass das Interesse an Fragen der jüdischen Geschichte, Kultur, Religion und des Zusammenlebens in den knapp 25 Jahren unseres Bestehens gewachsen ist. 
 
Als sich 2018 die Gruppe Juden in der AfD gründete, haben Sie sich öffentlich dazu geäußert und Höcke und von Storch als Neu-Nazis bezeichnet. Was hat Sie so wütend gemacht?
Dass Juden sich mit Leuten zusammentun, die vorgeben, Judenfreunde zu sein, aber im Kern Antidemokraten sind, die totalitär denken. Da sehe ich eine Analogie zu einer bestimmten Strömung in der deutschen Judenschaft zu Beginn der 1930er Jahre.

Was meinen Sie damit?
Kurz nach Hitlers Machtübernahme wurde von nationalkonservativen Juden „Der deutsche Vortrupp. Gefolgschaft deutscher Juden“ gegründet. Das waren, um es diplomatisch zu sagen, verblendete jüdische Akademiker, zu denen auch der Religionsphilosoph und Initiator der Vereinsgründung, Hans Joachim Schoeps, gehörte. Der war glühender Preußen-Anhänger und extremer Nationalist. Seine einzige Kritik an den Nazis war, dass sie was gegen Juden hatten. Nur: Das eine konnte man nicht haben ohne das andere.

Geschichte wiederholt sich also?
Da möchte ich Karl Marx zitieren, der meinte, Geschichte wiederhole sich beim zweiten Mal als Farce. Und so ist es auch. Mir wurde Polemik vorgeworfen. Da kann ich nur sagen: Das ist eine ehrenhafte Gattung, die schon in der antiken Rhetorik auftaucht. 

Wenn Sie die Erfolge der AfD und die Ausschreitungen in Chemnitz sehen: Gibt es Parallelen zum Aufstieg der Nazis?
Das finde ich zu kurz gedacht. Es gibt Vorformen, aber noch sind wir nicht bei Meuchelmorden, Straßenschlachten und ähnlichem angelangt, wie es Ende der 1920er Jahre der Fall war. Ich warne davor, oberflächlich Parallelen zu dem historischen Geschehen zu ziehen. 

Wieso?
Die Dynamik heute ist eine andere. Damals hatte man noch mit den Folgen der Niederlagen des Ersten Weltkriegs und des Versailler Vertrags zu tun. Das war ein Trauma, das haben wir heute nicht.

Laut einer Studie sprechen neun von zehn befragten Juden von zunehmendem Antisemitismus in Europa. Ist das so?
Ich höre und lese davon, aber ich erlebe das nicht. Ich habe in meinem Leben nur zweimal Antisemitismus selbst erfahren. Kurz nach der Geburt unseres Sohnes bekamen meine Frau und ich zwei üble anonyme Briefe. Das ist jetzt fast 30 Jahre her. 

Viele Juden denken ans Auswandern. Sie auch?
Nein. Wohin sollte ich denn auswandern? Ich bin in Deutschland geboren und habe Anfang der 1970er Jahre die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Meine Muttersprache ist Deutsch. 

Sie wurden im DP-Lager Feldafing geboren und kamen über das DP-Lager Föhrenwald 1956 nach Frankfurt. Sie haben das selbst öffentlich gemacht. Wie waren die Reaktionen?
Überraschend positiv. Ich muss dazu sagen, es war nicht mein Äußerungsdrang gewesen, darüber zu reden. Ich war von der Frankfurter „Initiative 9. November“ im Zusammenhang mit einer Ausstellung zu dem Thema gefragt worden und habe zugesagt, weil ich nicht möchte, dass diese Episode der Nachkriegsgeschichte in der Erinnerung verlorengeht. 

Haben Sie Ihre Offenheit bereut? 
Nein. Meine Familie gehörte zu den letzten 120 Bewohnern des DP-Lagers in Föhrenwald. Die historische Pointe ist, dass der zuständige Minister dafür ein gewisser Theodor Oberländer war, ein Altnazi und Vordenker für die Eroberung des osteuropäischen Raums durch Hitler. Seine Strategie bei der Auflösung des DP-Lagers Föhrenwald war, salopp gesagt: Die Judde müsse raus. 
 
Wie haben Sie die Zeit erlebt?
Es gibt Leute meiner Generation, die davon schwärmen, es sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Das ist zu einem gewissen Grad wahr. Jeder kannte jeden. Das war, so würde man heute sagen, eine kleine Parallelgesellschaft. Ich habe eher in Erinnerung, dass es ein abgegrenztes Viertel mit Stacheldrahtzaun war.

Interview: Agnes Schönberger

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