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Einsatz der Werkzeugbox im nordgriechischen Flüchtlingslager Katsikas. Im Nu ist sie zu einem Arbeitstisch umfunktioniert.

Offenbach

Hilfe zur Selbsthilfe im Flüchtlingslager

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Der Offenbacher Produktdesignstudent Thomas Jäger hat einen mobilen Arbeitsplatz für Menschen in Massenunterkünften entwickelt.

Inmitten langer Reihen identischer weißer Wohncontainer hat eine Familie einen kleinen Vorgarten angelegt. Neben dem Eingang zu ihrer Notunterkunft im Norden Griechenlands wächst etwas Mais und Gemüse. Ein mit roten Herzen bemalter Zaun aus Holz trennt das Stück Grün von einer kargen Schotterfläche davor. Ein kleiner Gemüsegarten – was andernorts ganz normal ist, spendet an einem Ort wie dem Flüchtlingslager Katsikas Hoffnung und Zuversicht.

Mit der Werkzeugkiste können die Flüchtlinge selbstständig arbeiten.

Die Idee, einen Garten anzulegen, hatten die Menschen vor Ort selbst. Den Bau ermöglicht hat eine Gruppe zumeist junger Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Europa, die in der Nähe des Lagers eine Art offener Werkstatt mit dem Namen „Habibi.Works“ betreiben. Einer dieser Menschen ist Thomas Jäger – ein schlanker 25-Jähriger, der im 1900 Kilometer entfernten Offenbach Produktdesign studiert.

Dort sitzt er an einem milden Januartag nahe der Hochschule für Gestaltung (HfG) in einem Café und erzählt von seinem eigenen Projekt „Home.Work“. Die Idee: Menschen in Flüchtlingslagern bauen mit ihm zusammen eine clever designte portable Holzkiste samt Werkzeug, mit der sich vieles machen lässt. Im Nu ist die Box von der Werkzeugkiste zum Arbeitstisch umfunktioniert, auf dem sich schrauben, sägen oder hämmern lässt, auf dem man aber auch eine Nähmaschine montieren kann. Werkzeug und Gartengerät sind in der flachen, zwei Meter langen Kiste enthalten. So verleiht die Box denjenigen, die Zugriff darauf bekommen, ein Stück Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit – keine Selbstverständlichkeit in einem Flüchtlingslager.

Thomas Jäger in der Holzwerkstatt der HfG. Er studiert Produktgestaltung.

Angefangen hat alles an der HfG in einem Hochschulkurs mit Petra Kellner, die bis zu ihrer Emeritierung in Offenbach Interkulturelles Design lehrte. In einem ihrer Seminare lernte Jäger „Habibi.Works“ kennen. Er fand die Idee, mit Geflüchteten in einer großen, modernen Werkstatt zu arbeiten, gut – und blieb dort.

Bei Habibi können die Menschen aus dem Lager Katsikas gemeinsam mit Freiwilligen in einer Küche arbeiten, in Metall-, Holz- und Siebdruckwerkstätten stehen ihnen Nähmaschinen, Lasercutter, 3D-Drucker und Laptops zur Verfügung. „Die Leute entwickeln hier nicht nur Projekte und Ideen, sondern auch Perspektiven“, heißt es bei „Habibi“. Und: „Statt passiv auf Lösungen zu warten, haben die Menschen hier die Möglichkeit, selbst innovative Lösungen zu finden.“ Die Flüchtlinge,von denen viele gerne nach Nordeuropa weiterziehen würden, können so für ein paar Stunden am Tag der lähmenden Fremdbestimmtheit entkommen, die im staubigen Lager herrscht.

Das Projekt

„Home.Work“ist aus „Habibi.Works“ entstanden – einer Art offener Werkstatt nahe dem nordgriechischen Flüchtlingslager Katsikas, die wiederum von der NGO „Soup and Socks“ gegründet wurde. Mehr Infos dazu auf der Internetseite: habibi.works.

Um „Home.Work“zu finanzieren, ist Thomas Jäger auf Fördermittel und Spenden sowie auf Kooperationen – mit Werkzeugfirmen – angewiesen. Wer mehr über seine Arbeit in Griechenland erfahren oder das Projekt unterstützen möchte, findet alle Informationen auf dieser Seite: habibi.works/home-work/

Thomas Jäger leitete bei „Habibi.Works“ von 2018 an ein Jahr lang die Holzwerkstatt. Dabei entstand die Idee für sein eigenes Projekt. Denn die Habibi-Werkstätten gibt es nur in Katsikas, Flüchtlingslager gibt es mittlerweile aber auch in den entlegensten Ecken Griechenlands.

Um auch die Menschen dort zu erreichen, hat der Offenbacher seine flexibel einsetzbare Toolbox entwickelt. Eine Nichtregierungsorganisation hat ihm einen Van geliehen. Seitdem bringt Jäger die Box nach und nach zu weiteren Camps. Beziehungsweise das Material. Denn er legt Wert darauf, die Box mit den Leuten vor Ort zu bauen und weiterzuentwickeln. „Im Endeffekt wissen sie am besten, was sie brauchen.“ Und: „Wenn du die Kiste mit ihnen gemeinsam baust, gehen sie auch ganz anders damit um.“ Und so entsteht – oft aus in der Umgebung der Lager aufgelesenen Holzresten – alles Mögliche: Möbel, Schneidebretter, Hühnerställe oder eben ein kleiner Garten mit Gartenzaun. „Die Leute bauen mit der Kiste alles, was du dir vorstellen kannst“, erzählt Jäger. Auf seiner Homepage schreibt der Student, die Kiste sei „eine einfache Idee, die Menschen dazu befähigt, aus ihrer Unterkunft ein Zuhause zu machen“.

Wie andere Flüchtlingslager in Griechenland wächst auch das Lager Katsikas im abgelegenen Norden des Landes stetig – wohl auch wegen Verlegungen aus den notorisch überfüllten Insellagern in der Ägäis. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) lebten im Dezember vorigen Jahres 1064 Menschen in Katsikas, im Sommer waren es noch rund 800 gewesen. Aktivisten vor Ort zufolge müssen sich immer mehr Menschen die Wohncontainer teilen, weshalb es im Herbst schon zu Protesten kam. Der griechische Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der das Lager betreibt, antwortete auf eine Anfrage der FR zum Thema nicht.

Aus Thomas Jägers Jahr in Griechenland sind mittlerweile, mit Unterbrechungen, zwei geworden. Gerade ist er wieder in Offenbach, er muss an seinem Hochschulabschluss arbeiten. Doch das Projekt in Griechenland soll weiterlaufen. Deshalb sind in jedem Camp sprachlich versierte Bewohnerinnen und Bewohner Ansprechpersonen für die Home-Work-Box geworden. „Auf dieser Weise kann man mit einer Box 500 Leute erreichen“, sagt Jäger. Als nächstes soll im April eine App an den Start gehen, mit der die Ausleihe der Boxen besser organisiert werden soll.

Mit Zugang zu Werkzeug und Material lässt sich auch in einem Lager eine Art Zuhause schaffen.

Das Geld für all das hat der Offenbacher bislang über Crowdfunding im Internet organisiert, ein Unternehmen hat zudem Werkzeug gespendet. Doch so langsam seien sowohl dieses Geld als auch seine Ersparnisse aufgebraucht, berichtet Jäger. Er sucht deshalb nach weiteren Sponsoren und Leuten, die sein Projekt unterstützen wollen.

Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, komme im humanitären Sektor immer noch zu selten vor, findet er. Gerne würde er mit seiner Box dazu beitragen, dies zu verändern. Das gelte auch für seine Hochschule, an der „humanitäres Produktdesign“ immer noch ein Nischendasein führe. Kaum zurück aus Griechenland, hat er deshalb eine studentische Arbeitsgruppe zum Thema gegründet. Es gibt noch viel zu tun.

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