Offenbach

Echtes Gefühl für ein Getriebe

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Als Kapitän am Lenkrad eines Omnibusses gebührt dir Respekt, denn: Du bist das Gesetz. Aber du hast keinen Sicherheitsgurt. Eine Fahrstunde.

Aus dem Weg, aus dem Weg! Bahn frei, Kartoffelbrei, hier kommt der König der Straße! Na ja, oder zumindest der König dieser Offenbacher Industriebrache. Das einzige, was ich im Moment kaputtfahren könnte, sind Bauzäune und Geröllhalden. Aber hey: Immerhin kostet dieser Bus eine Viertelmillion Euro, den ich gerade in atemberaubendem Tempo (23 km/h) über den Asphalt steuere. Und ich habe wertvolle Fahrgäste: Journalisten. Also – aus dem Weg! Auch dieses alte Backsteingebäude dort!

Aber fangen wir von vorne an. Mittwochmorgen, mehrere Individuen mit Fahrerlaubnis für Personenkraftwagen nähern sich dem Stützpunkt der Offenbacher Verkehrsbetriebe (OVB). Sie werden heute einen Omnibus besteigen. Das tun zwar viele Menschen im Rhein-Main-Gebiet regelmäßig (in den vergangenen zwei Wochen etwas weniger regelmäßig), aber nur die wenigsten steuern als verantwortliche Fahrer einen solchen Omnibus auch (in den vergangenen zwei Wochen noch weniger).

Jetzt, da der Streik vorbei ist, kam den OVB die pfiffige Idee, einmal auf den anspruchsvollen, aber auch abenteuerlichen Alltag eines Busfahrers hinzuweisen. Damit das auch in den Medien ankommt, macht Stadtwerke-Sprecher Jörg Muthorst der Presse ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte: „Journalistenfahrschule“ – im Omnibus! Nix wie hin.

Aber vor das Busfahren hat der Gesetzgeber die Theorie gestellt. Da müssen wir zuerst durch – vier Männer und eine Frau, zu allem entschlossen und mit beachtlichen Vorkenntnissen. „Ich bin früher 7,5-Tonner gefahren“, sagt der Kollege vom Rundfunk. „Mein Onkel hatte einen Getränkevertrieb“, murmelt ein anderer, irgendwas mit „Bobbycar“ der nächste. Und ich? Habe mal bei einer Firma in der Großküche gearbeitet und musste mittags das Essen im Transporter zum nächsten Betriebszweig fahren. Also: alles Profis. Busfahrer stand außerdem längst auf der Liste potenzieller „Stillbauer-schafft“-Berufe. Allein schon wegen der Begriffe „Omnibus“ und vor allem „Gelenkbus“, zwei der besten Wörter, die uns das alte Rom günstig überließ (lateinisch omnibus: alle), obwohl es noch gar keinen Linienbusverkehr pflegte.

Jetzt aber Ruhe, der Unterricht beginnt. „Früher war der Busfahrer eine Respektsperson“, sagt OVB-Geschäftsführerin Anja Georgi. „Wenn der gesagt hat: durchrücken, dann wurde durchgerückt.“ Heute fehle dieser Respekt, kritisiert sie. „Ein Problem, das allgemein in der Gesellschaft zunimmt.“ Wir nicken ernst. Ja, der Respekt. Nicht nur uns Omnibusfahrern gegenüber.

Ulrich Urban wird uns anleiten. „Fahrlehrer aller Klassen seit 43 Jahren“, sagt er, Chef einer „Drei-Mann-Weltfirma“, die seit 1934 den Offenbachern in den Straßenverkehr hilft. Wir müssen nachher auf abgesperrtes Privatgelände ausweichen, erläutert der 65-Jährige. „Sonst wäre das eine Schwarzfahrt und würde auf uns alle in äußerst unangenehmer Weise zurückschlagen.“ Und machen wir uns nichts vor: Hätten gestern fünf Journalisten im Offenbacher Stadtverkehr ihre ersten Fahrversuche mit dem Omnibus gemacht, dann wären die Folgen wahrscheinlich schon am gleichen Abend der Aufmacher der „Tagesschau“ gewesen. Wenn nicht gar im „Brennpunkt“ um 20.15 Uhr.

Die graue Theorie, Fahrschüler kennen das, enthält viele Wörter wie „Berufskraftfahrer-Qualifikationsgesetz“ (BKrFQG). Wer jetzt also kurz ein Nickerchen macht, solange Ulrich Urban gekonnt durch die Fahrschülerausbildungsordnung navigiert (58 Fahrstunden, Theorieprüfung mit 819 möglichen Fragen), der schreckt vielleicht kurz auf beim Punkt „Vorlage Führungszeugnis“. Urban: „Wer Busfahrer werden will, darf nicht vorbestraft sein.“ Als wäre das nicht schon Hinderungsgrund genug, folgen die „besonderen Anforderungen“ an Busfahrer: 1. Belastbarkeit, 2. Orientierung, 3. Konzentrationsleistung, 4. Aufmerksamkeit, 5. Reaktionsfähigkeit. Die ersten Mitglieder der Journalistenfahrschulklasse stecken entmutigt ihre Kugelschreiber ein und gehen zurück in die Redaktionen.

Neinnein, das war natürlich ein Scherz. Diese fünf Anforderungen sind ja die Grundausstattung eines jeden Redakteurs. Also weiter – was kost’ mich der Spaß, Busfahrer werden als Seiteneinsteiger? „Rund 10.000 Euro alles zusammen“, sagt Ulrich Urban. Bitte? Kriege ich das vom Arbeitgeber zurück, wenn ich den Job antrete? Da schüttelt Anja Georgi nur traurig den Kopf.

Gleich: Erleben Sie, wie der FR-Redakteur in einem Bus durch Offenbach rast und vergleichen Sie die Szene mit dem Actionfilm „Speed“ (USA 1994). Bleiben Sie dran.

Man kann aber auch als Auszubildender im Busfahrergewerbe loslegen. Dann zahlt’s die Firma. Wie viele Azubis haben die OVB? Einen, sagt Frau Georgi. Einen? „Und einen Stapel Bewerbungen von Busfahrern mit abgeschlossener Ausbildung. Es ist nicht so, dass Mangel herrscht.“

Na denn. Ruhe, Gelassenheit, charakterliche Ausgeglichenheit betrachtet Ulrich Urban als wichtigste Eigenschaften eines Busfahrers. „Nicht gleich auf die Palme gehen.“ Frage: Wenn der Busfahrer am Bahnhof die drei Minuten wartet, die die S-Bahn Verspätung hat, damit die Leute noch mitkommen – liegt das dann daran, dass er einfach ein guter Typ ist, oder daran, dass man ihm das in der Ausbildung beigebracht hat? Antwort: „Wissen Sie, er muss ja auch darauf achten, dass er im weiteren Verlauf der Fahrt die Anschlüsse schafft, und …“ Also Klartext: guter Typ.

Was noch für den Job als Busfahrer spricht: „Er hat das Hausrecht im Fahrzeug“, sagt Hugo Reinhardt, OVB-Projektleiter Busschule. „Er ist das Gesetz.“ Was dagegen spricht: Er verdient maximal 2500 Euro – brutto. Er hat also ungefähr nach der Hälfte seines Berufslebens die Ausbildungskosten wieder drin, aber nur, wenn er seine Grundnahrungsmittel beim Discounter holt. Okay, übertrieben. Aber ich bin noch nicht überzeugt. Vielleicht reißt es nachher das Fahrgefühl raus. Bleiben Sie dran.

„Der Busfahrer“, sagt Hugo Reinhardt, „muss mit guten und schlechten Fahrgästen umzugehen wissen. Er muss den Überblick haben: Wo befinde ich mich – wo will der Fahrgast hin.“ Das traue ich mir zu. „Er muss auch Streckenkunde lernen und technische Fertigkeiten.“ Dabei deutet er auf die Omnibusreifen im Schulungsraum, fast so groß wie OVB-Schülerpraktikant Abel. „Keiner muss planlos durch die Gegend fahren.“

Alles klar. Können wir dann endlich planvoll loslegen? Jawoll. Unten, beim Schulungszentrum um die Ecke, steht ein Traum von einem Gelenkbus. 18 Meter lang, nagelneu, Digital-Innenraum-Temperaturanzeige (elf Grad) – aber da dürfen wir uns nur mal kurz in den Fahrerbereich setzen, der ein bisschen wirkt wie ein Kaufladen. Wegen der Fahrkartenkasse. Die Kollegin darf sogar mal was ins Mikrofon sprechen. Was wird sie sagen? „TÜREN FREIMACHEN, BITTE!“ Sofort genießt sie spürbar mehr Respekt in der Gruppe.

Es folgt der Lohn der Geduld: unser Bus – der Bus, mit dem wir fahren dürfen! Zwölf Meter lang, zwölf Jahre alt, mehr als 300 PS. „Das ist noch ein richtiges Werkzeug“, schwärmt Fahrlehrer Ulrich Urban, „mit Sechs-Gang-Schaltung, wo die Fahrschüler noch echtes Gefühl für ein Getriebe entwickeln.“ Oh. Ich hatte ein bisschen auf Automatik gehofft. Dagegen wirft sich der forsche Kollege vom „Darmstädter Echo“ gleich als erster hinters Steuer, die Worte skandierend: „Ich hab’ gestern beide Außenspiegel meines Golfs abgefahren, ich bin in Übung!“ Die Besatzung in den hinteren Sitzreihen zuckt zusammen. „Nur Spaß!“, ruft der Kollege. „Uuund festhalteeeen!“

Trotz allem überlebt die Gruppe diese Tour, die nächste (Hessischer Rundfunk) ebenfalls. Und jetzt, liebe Fahrgäste, übernimmt die Frankfurter Rundschau das Steuer des Busses „Temsa Safari“. Türkisches Fabrikat mit Teilen von MAN, kein typischer Linien-, sondern ein Überlandbus, zwölf Meter lang, Radio mit Kassettenrekorder, Propeller zur Fahrerbelüftung überm Einstieg (augenscheinlich Sonderausstattung). „Sie sehen“, sagt Fahrlehrer Urban, „das Bremspedal hat einen langen Weg.“ Das kann man wohl sagen. Ich muss das Knie bis unters Kinn anziehen und ganz oben aufs Pedal treten, damit es sich bewegen lässt. Ähnlicher Befund bei der Kupplung: Um sie ganz durchzutreten, darf man kein Dackel sein. Aber: Sanft kommen lassen, ohne Gas – und der Bus fährt!

Majestätisch rollt er dahin, vorbei an Erdhügeln und Schotterhaufen, der Blick schweift über den zerbröselten Glanz des Offenbacher Industriezeitalters. Zweiter Gang, dritter Gang. Ich spüre ganz deutlich, wie ich gerade echtes Gefühl für ein Getriebe entwickle. Sanft hebt und senkt sich die Hydraulik des Fahrersitzes, während wir Geländeunebenheiten meistern, der Temsa Safari und ich. Eigentlich ist es technisch nichts anderes, als mit der ganzen Familie in Urlaub zu fahren – nur eben mit einer sehr großen Familie, einem sehr großen Kofferraum, in ein Urlaubsland, das durch eine verheerende Dürre verwüstet wurde und mit einem Beifahrer, der immer lauter auf mich einredet: „… und bremsen … und breemseeen … UND BREMSEN!“ Pardon. Das muss der Rausch der Geschwindigkeit gewesen. Sicherheitsgurt gibt’s übrigens keinen. Angeblich, weil man sich sonst nicht schnell genug befreien kann.

Am Ende der Geraden leuchtet eine digitale Tempo-Anzeige, die kurz 25 km/h überschreitet, ehe ich in die Eisen gehe. Spitze Schreie von den billigen Plätzen, erste Stillbauer-raus-Rufe. Beim Wenden hilft Hugo Reinhardt, der aus dem Heckfenster schaut und „als noch, als noch!“ ruft (nicht serienmäßig erhältlich). Auf dem Rückweg schalte ich verwegen vom zweiten in den fünften Gang (Pfiffe aus dem Fond), bremse, fahre hoppelnd wieder an und richte das Gefährt mit dem schlanken Wendekreis eines Flugzeugträgers wieder auf den nächsten Start ein. Hat mal schnell jemand 10.000 Euro?

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