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Die Lyrikerin Safiye Can lebt in Offenbach.

Lyrikerin Safiye Can

"Wir dürfen nicht schweigen"

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Die Lyrikerin Safiye Can spricht Interview über die Hetzjagd in Chemnitz, Ausgrenzung in der Schule und ihren Erfolg als Dichterin.

Die Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum hat Sie zur Jahrestagung im Mai 2019 eingeladen. Sie sprechen von einer großen Ehre, Ihre Texte dort vorzutragen, haben aber abgesagt. Warum? 
Weil die Tagung in Chemnitz stattfindet. Durch Ostdeutschland möchte ich aufgrund der Vielzahl von rassistischen Ereignissen nicht fahren. Ich bin durchaus kein ängstlicher Mensch, aber als Einzelner hat man keine Chance gegen eine Gruppe von Neonazis. Nur auf der Bühne wäre ich sicher. Das ist der einzige Grund. Wie sonst könnte man als Autor ein solches Angebot ausschlagen?

Sie klingen wütend. 
Ja. Das bin ich auch. Wir alle müssen begreifen: Jeder Angriff auf einen Menschen in diesem Land ist ein Angriff auf uns alle. Auf die Demokratie. Auf den Rechtsstaat. Wir dürfen nicht schweigen, wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder ihrer sexuellen Orientierung angegriffen werden. Wer heute schweigt, ist morgen selbst betroffen. Es ist ein Armutszeugnis, dass nach der Hetzjagd in Chemnitz die Politik wochenlang darüber debattierte, ob das überhaupt eine Hetzjagd war. Vor einigen Jahren hätten wir uns nicht erträumen lassen, dass ein Bundesverfassungspräsident solche Worte sagt. Jüdische und ausländische Geschäfte werden angegriffen, und der Hitlergruß taucht zunehmend im Alltag auf. Man hat offensichtlich keine Angst vor Sanktionen.

Ihre Eltern sprachen mit Ihnen nur Türkisch. Als Sie eingeschult wurden, konnten Sie kaum Deutsch. Wie wird man unter dieser Voraussetzung eine mit Preisen ausgezeichnete Lyrikerin? 
Die Sprache ist Mittel zum Zweck. Das Lyrische hat man von Geburt an. Es ist etwas, das sich erst einmal fernab jeder Sprache bewegt.

Können Sie von Lyrik leben? 
Ja. Ich bin oft auf Lesereisen, bin als Gastdozentin an Universitäten tätig und leite auch Schreibworkshops an Schulen. Hierfür habe ich die Schreibwerkstatt „Dichter-Club“ gegründet, die kommendes Jahr in der Schweiz ist. Auch bin ich Kuratorin der „Zwischenraum-Bibliothek“ der Heinrich-Böll-Stiftung, für die ich Autoreninterviews führe. Ich habe kein Auto, die Wohnung ist klein. Ich lebe also keineswegs im Luxus. Dafür mache ich das, wofür mein Herz schlägt und wofür ich mich berufen fühle.

Gab es bei Ihnen Bücher? 
Es gab keine Bücher, aber sehr viele Hörkassetten, etwa Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg. Die haben meine Fantasie auch mit angeregt. Meine Eltern mussten wie alle Gastarbeiter hart arbeiten. Mein Vater ist Schreinermeister, aber er konnte seinen Beruf nicht ausüben, sondern arbeitete wie meine Mutter, die Schneiderin ist, größtenteils in einer Fabrik.

Wann haben Sie mit Schreiben angefangen? 
Meine erste Geschichte schrieb ich in der Grundschule. Ich hatte eine wundervolle Klassenlehrerin. Sie war von einer Erzählung so beeindruckt, dass sie diese an eine Zeitung schickte.

Sie hatten aber auch andere Lehrer, die Ihnen nicht viel zutrauten? 
Leider. Eine Lehrerin sagte mir vor versammelter Klasse: Damit Du den Realabschluss schaffst, müssen sich Welten ändern.

Die hat sich aber gewaltig geirrt. Sie haben Abitur gemacht, Ihre Magisterarbeit über Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ geschrieben und das Studium mit der Note eins abgeschlossen. Wie kam es, dass Sie sich gegen Widerstände durchgesetzt haben? 
Durch eine gute Mischung aus Ehrgeiz, Selbstvertrauen und Trotz. Ich musste dreifach so gut sein wie andere, um meine Noten zu bekommen.

Sie hatten einen guten Draht zum früheren Leiter der Offenbacher Stadtbibliothek, Ernst Buchholz. Welchen Einfluss hatte er? 
Er ist ein ganz besonderer und weiser Mensch, der mir nach wie vor sehr viel bedeutet. Ich wusste damals nicht, wohin mit meinen Texten, also ging ich in die Stadtbibliothek und habe nach dem Literaturtelefon gefragt, um dort Gedichte von mir auf Band zu sprechen. Doch das gab es nicht mehr. Ernst Buchholz las meine Gedichte und hat mich in meinem Schreiben bestärkt. Er ist mein erster Förderer.

In Ihrem jüngsten Band „Kinder der verlorenen Gesellschaft“ umkreisen Sie auch die Themen Heimat und Zugehörigkeit. Wer sind diese Verlorenen? 
Um dieser Frage gerecht zu werden, müsste ich mehrere Bände dazu schreiben. Der Titel ist dem gleichnamigen Langgedicht am Ende des Buches entnommen und ist übertragbar auf jedes andere Gedicht aus dem Buch. Der Leser geht selbst auf die Reise und findet die Antwort zuerst auf eigener Gefühlsebene. Überall begegnen wir den Kindern der verlorenen Gesellschaft, zumal wenn wir uns selbst begegnen.

In einem Gedicht schreiben Sie: ‚Vielleicht ist Heimat eine Zeile Kurt Cobain. Vielleicht aber ist sie Frau Grün/vom Erdgeschoss, die über alle schimpft/vielleicht.‘  
Heimat kann viel mehr sein als der Name eines Landes. Zum Beispiel ein Duft, der Erinnerungen hervorruft, oder eine Menschenstimme. Vielleicht ist der hässlichste Ort für sie der allerschönste. Weil die Menschen, die dort leben, ihre allerschönsten sind.

Ihr erster Gedichtband hat sechs Auflagen erlebt, der zweite drei, und der neue Band geht jetzt in die zweite Auflage. Sie sind quasi eine Bestsellerautorin. Haben Sie eine Erklärung dafür? 
Diese Frage ist für mich schwer zu beantworten. Ich wollte immer nur wissen, was ich wie phonetisch, stilistisch, visuell ausdrücken kann. Meine Leser wissen, dass das, was ich schreibe, aufrichtig ist. Ein Herausgeber sagte einmal: Du berührst die Leser, und sie berühren dich zurück. Vielleicht ist das eine mögliche Antwort.

Der verstorbene Lyriker Michael Starcke hat Sie mit Ingeborg Bachmann und Marie Luise Kaschnitz verglichen. Ist das Ermunterung oder Last? 
Ich fühle mich sehr geehrt. Das sind wertvolle Autorinnen und starke Persönlichkeiten, die auch gekämpft haben.

Sie haben als Mitherausgeberin für die Zeitschrift „die horen“ gearbeitet, eine der renommiertesten Literaturzeitschriften im deutschsprachigen Raum. Zur Buchmesse 2018 sind zwei Hefte zum Thema „Konkrete und andere Spielformen der Poesie“ erschienen. Wie ist die Resonanz? 
Die Rückmeldungen sind erfreulicherweise durchweg positiv. Das Besondere an den „horen“ ist mitunter, dass nur Erstpublikationen veröffentlicht werden. Zum ersten Mal gibt es hier einen Doppelband zu einem Thema. Die konkrete Poesie bewegt sich im Grenzgebiet zwischen Lyrik und Kunst. Viele Leser kennen sie noch gar nicht.

Wie lange haben Sie daran gearbeitet? 
An den Bänden 271 und 272 haben Jürgen Krätzer und ich drei Jahre gearbeitet. Und die Mühe hat sich gelohnt. Es sind grandiose zeitgenössische Autoren und Künstler versammelt. Dazu kommen noch essayistische Beiträge. Wir haben zum Beispiel den Autor Sebastian Winkler entdeckt, der jetzt zum ersten Mal publiziert wurde. Wir haben ein Standardwerk geschaffen. Das war uns die Arbeit wert. 

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