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Geknüpftes Relief: Teppich von Hans Schmidt.

Offenbach

Gesägt, genäht, geschnitten

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In der Ausstellung „SchriftStücke“ im Klingspormuseum werden Buchstaben zu Objekten und Skulpturen. In der Schau sind auch Palmblätter, beschriftet mit kambodschanischen Buchstaben, zu sehen. Was sie besagen, weiß man nicht. Wer die Schrift lesen kann: Bitte im Museum melden.

Wüste Beschimpfungen empfangen den Besucher im ersten Stock. „Schrumpfgermanen, Flegel, Schießbudenfiguren“ ist auf einem Stoffteppich zu lesen – kommt Ihnen das bekannt vor? Dann erinnern Sie sich vermutlich an Peter Handkes Theaterstück „Publikumsbeschimpfung“. Denn daraus zitiert Barbara Habermann in ihrem „Schimpfteppich“, einem Werk, das die Künstlerin extra für die neue Schau „SchriftStücke“ im Klingspormuseum geschaffen hat.

Habermann verbindet in ihren Arbeiten Text und Textilien – nicht zufällig ähneln sich die Begriffe. Habermanns Schimpfteppich besteht aus einer Collage von Stoffabschnitten, ein wildes Stückwerk, auf dem sie Teile der Publikumsbeschimpfung aufgenäht hat. Arbeit mit Textilien, sagt die Künstlerin bei der Vorstellung der Schau am Donnerstag, werde „Frauen zugeordnet und als Kunst nur bedingt ernst genommen“. In der traditionellen Verbindung von Text und Stoff, sei es „beschaulich“ zugegangen. Wie bei den bekannten Sinnsprüchen auf Behängen, wie „Trautes Heim, Glück allein“.

Sie konterkariert diese Tradition mit irritierenden Texten. Barbara Habermann zeigt drei Werke in der Ausstellung, die rund 100 Objekte in einer großen Bandbreite umfasst. Die Werke von 30 Künstlern und Künstlerinnen stammen überwiegend aus den Beständen des Museums und reichen vom frühen 20. Jahrhundert bis heute, wie Direktor Stefan Soltek sagt. Ihnen allen ist gemein, dass Schrift und Papier nicht in der üblichen Form zusammenkommen. Geschrieben wird nicht. Die Buchstaben werden zu Objekten, Papier zu Gestaltungsmaterial. „Die Lust auf Materie hat uns getrieben“, sagt Soltek. Herausgekommen sei eine Ausstellung, die für das Auge abwechslungsreich sei. Und wie! Was gibt es nicht alles zu sehen: Den Teppich von Hans Schmidt aus den 70er Jahren, in dem die Worte hochflorig aus dem flachgewebten Untergrund herausgeknüpft sind.

Oder eine jüngere Arbeit des ehemaligen HfG-Dozenten: „Nackt“,; abstrakt sind die Buchstaben aus pink gestrichenem Sperrholz geschnitten. Die Fotoserie „Alphabet Truck“ von Eric Tabuchi zeigt ein Alphabet aus Lastwagen-Rückansichten, jede mit einem auffallenden Einzelbuchstaben – von A bis Z eben.

Tanja Leonhardt hat mit der Kettensäge aus einem Holzstück eine Buchstabenskulptur geschnitzt: „Worte“ heißt es schlicht. Ebenso schlicht wie eindrucksvoll das Werk „Zweifellos“ von Corinna Krebber. Sieben Stapel aus weißem Din-A4-Druckerpapier bilden das Wort Zweifel. Die Buchstaben sind aus dem Papier herausgeschnitten – 30 000 Schnitte sind es, sagt Museumsdirektor Soltek.

Der um Mithilfe bei der Lösung eines Rätsels bittet: In der Schau sind auch vergoldete Palmblätter, beschriftet mit kambodschanischen Buchstaben, zu sehen. Doch was sie besagen, weiß man nicht. Wer also kambodschanische Schrift lesen kann: Bitte im Museum melden.

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