Rainer Dehe ist seit Anfang 2016 Patientenfürsprecher am Offenbacher Sana-Klinikum.
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Rainer Dehe ist seit Anfang 2016 Patientenfürsprecher am Offenbacher Sana-Klinikum.

Offenbach

"Es gibt vor allem Klagen über den Umgangston der Ärzte"

  • Agnes Schönberger
    vonAgnes Schönberger
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Rainer Dehe ist Patientenfürsprecher im Sana-Klinikum. Bei ihm beschweren sich Patienten über arrogante Ärzte und grobe Schwestern ? wenn sie sich überhaupt bei ihm melden.

Patienten sind das schwächste Glied im Gesundheitssystem. Patientenfürsprecher wollen ihnen eine Stimme geben. Aber besonders gefragt war das Angebot nicht. Niemand ist in Ihre Sprechstunde gekommen. Woran liegt das?
Es hängt wohl mit den inzwischen sehr kurzen Liegezeiten zusammen. Wenn sie nur fünf oder sechs Tage in der Klinik sind, ist die Toleranz größer. Die Leute wissen, dass sie bald wieder zu Hause sind.

Viele Patienten wenden sich direkt an das Beschwerdemanagement der Klinik statt an Sie. Ist ein Patientensprecher überhaupt noch sinnvoll?
Wenn er genutzt würde, ja.

Sie können keine Weisungen erteilen und haben auch keine rechtlichen Druckmittel. Ihnen bleibt nur die Möglichkeit, zu überzeugen. Reicht das?
Eigentlich schon. Denn alles andere würde irgendwann zu komplizierten Situationen führen.

Sie haben von 1981 an bis zu Ihrem Ruhestand im Offenbacher Klinikum gearbeitet. Beeinflusst das Ihre Tätigkeit als Patientenfürsprecher?
Es kann sein, dass ich die Angestellten manchmal in Schutz nehmen möchte und nicht ganz so kritisch sehe, weil ich die Abläufe und Probleme kenne.

Sie haben den Wechsel vom rein kommunalen Krankenhaus zur GmbH und zum Sana-Klinikum erlebt. Was hat sich verändert?
Das ist eine schwierige Frage. Im Bereich der Pflege und der Ärzte hat sich mit Sicherheit nichts geändert. Im Gegenteil. Zuletzt war mein Eindruck, dass Sana auch durch Fortbildungsveranstaltungen bemüht ist, mehr für das Personal zu machen. Man will attraktiv sein, denn der Stellenmarkt im Bereich der Pflege ist leergefegt.

Sie sprechen in Ihrem Bericht von einem ruhigen Jahr mit wenig Beschwerden. Hatten Sie das so erwartet?
Eher nicht. Ich hatte mir vorgestellt, dass sich die Patienten in Krisensituationen an mich wenden. Aber das ist bisher nicht passiert. Ich würde mich freuen, wenn das Angebot künftig stärker in Anspruch genommen würde.

Worüber klagten die Patienten?
Über schlechtes Essen. Aber die Kritik war immer sehr allgemein. Da konnte ich wenig tun und nur darauf hinweisen, dass ein Krankenhaus kein Hotel ist.

Und sonst?
Es gibt vor allem Klagen über Ärzte, über deren Umgangston. Manche Ärzte legen eine gewisse Arroganz an den Tag. Das schreckt Patienten ab. Immer wieder gibt es auch Klagen, dass die Ärzte sich zu wenig Zeit für Gespräche nehmen und deshalb die eigenen Vorerfahrungen nicht berücksichtigt werden. Da kann es passieren, dass jemand ein Antibiotikum erhält, das in der Vergangenheit nicht ausreichend gewirkt hat. Keiner hört so richtig zu.

Eine gute Gesprächskultur wäre die erste Voraussetzung, um die Arzt-Patienten-Beziehung zu verbessern.
Daran hapert es öfter.

Sie sagen, die Psychiatrie sei das einzige Fach, in dem man als Arzt noch ausführlich mit den Patienten sprechen könne. Ist das so?
Ja. Weil es ein Missverhältnis gibt zwischen der Zeit, die man verwenden muss für die Untersuchungen und für die Bürokratie. Dann bleibt halt nur noch wenig Zeit für Patientengespräche.

Ist Ihrer Meinung nach ein gleichberechtigtes Arzt-Patienten-Verhältnis erstrebenswert?
Ich weiß nicht. Das geht meiner Ansicht nach nicht. Der Patient muss dem Arzt vertrauen und sich auf dessen Können verlassen. Denn er ist der Spezialist.

Sie berichteten von Problemen mit einer Krankenschwester. Worum ging es dabei?
Eine Patientin hatte sich bitter über die Frau beklagt und gemeint, sie wäre lieber als Tier im Tierheim als in diesem Zimmer.

Wieso?
Die Art und Weise, wie diese Schwester die Patienten behandelt hat, war heftig. Der Umgangston war rau. Ich habe das an die Pflegedirektion weitergegeben. Dort war die Schwester schon früher aufgefallen. Mit ihr wurde dann ein sehr strenges Gespräch geführt.

Sie erwähnen in Ihrem Bericht auch einen Konflikt zwischen einem Berufsbetreuer und einer Oberärztin? Worum ging’s?
Ein Mann sollte nach der Akutbehandlung freitags in eine Rehaklinik entlassen werden, die die Ärztin ausgesucht hatte. Der Betreuer, das war der Sohn des Patienten, hat diese Klinik aber wegen ihres angeblich schlechten Rufs abgelehnt. So blieb der Mann übers Wochenende im Klinikum und wurde erst am Montag entlassen. Die Ärztin hat dem Betreuer gedroht, sie werde das der Krankenkasse melden, da der Vater unnötigerweise in der Akutklinik geblieben sei und das viel Geld gekostet habe.

Häufig gab es Kritik an der Dauer der Aufnahmeprozedur.
Das ist ein Dauerthema. Aber das Sana-Klinikum ist eine Akutklinik mit vielen Notfällen. Da kann es manchmal Stunden dauern, bis man aufs Zimmer kommt. Die Klinikleitung hat versprochen, die Abläufe weiter optimieren zu wollen .

Es haben sich auch Patienten an Sie gewandt, die vom Gericht zwangsweise in der Psychiatrie untergebracht waren. Die wollten nach Hause. Konnten Sie denen helfen?
Nur bedingt. Den Beschluss zur Unterbringung kann ich nicht aufheben. Aber ich berate die Patienten darüber, dass sie selbst jederzeit Einspruch beim Landgericht Darmstadt erheben und beim Ausfüllen des Antrags Hilfe vom Sozialarbeiter auf Station erhalten können.

Wie haben die Mitarbeiter auf konkrete Fälle reagiert?
Ich hatte immer das Gefühl, dass die mich akzeptieren und sich freuen, dass es mich gibt. Die wenden sich auch an mich, wenn ein Patient aggressiv oder fordernd ist.

Sie hatten sich vorgenommen, Patienten mit Migrationshintergrund zu ermutigen, ihre Bedürfnisse zu formulieren. Ist Ihnen das gelungen?
Nein, bisher nicht. Es kommt keiner. Die beschweren sich nicht.

Woran liegt das?
Ich glaube, in ihren Herkunftsländern ist die Kluft zwischen Ärzten und Patienten noch enorm. Da oben steht der Herrgott in Weiß, und unten sind die armen Lämmchen, die von ihm abhängig sind. Es ist dort unüblich, die Autorität eines Arztes in Frage zu stellen.

Und Sprachprobleme?
Die gibt es mit Sicherheit auch. Deshalb will ich möglichst bald Flyer in mehreren Sprachen auslegen lassen.

Was könnte verbessert werden?
Es wäre ideal, wenn ein Patient für die Zeit des Klinikaufenthalts feste Bezugspersonen hätte. Ich habe den Eindruck, die Ärzte wechseln sehr oft.

Interview: Agnes Schönberger

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