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Ein Ort voller Erinnerungen: „Berry Blue“ alias Siegfried Bäuerle-Keßler vor dem Schlachthof.

Offenbach

„Jazz hat auch in Offenbach Tradition“

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Seit 50 Jahren macht der Offenbacher „Berry Blue“ alias Siegfried Bäuerle-Keßler Musik. Im FR-Interview äußert sich der Musiker, der als Apotheker sein Geld verdiente, über Schlager, Glücksgefühle und tote Schweine neben dem Proberaum.

Sie sind als Sänger mit der rauchigen Stimme bekannt. In Offenbach kennen viele Leute Sie nur als Apotheker. Ließ sich das gut vereinbaren: tagsüber Pillen drehen und abends ins Mikro röhren?
Das mit der rauchigen Stimme ist nicht mehr ganz richtig, weil ich seit mehr als 20 Jahren Jazzmusik mache. Und da muss ich anders singen. Laut ist out.

Wie stand es um die Vereinbarkeit von Beruf und Musik?
Ich hatte früher sicher weit mehr als 60 Auftritte im Jahr. Da ich aus familiären Gründen Teilzeit gearbeitet habe, ging das.

Was waren das für Gründe?
Meine Frau und ich wollten unseren Sohn gemeinsam großziehen. Das war damals allerdings fast unmöglich. Ich wollte bei Hoechst Teilzeit arbeiten, aber das wurde abgelehnt. Auch von anderen Firmen, bei denen ich mich beworben hatte, bekam ich ein kategorisches Nein zu hören. Also habe ich mit 34 Jahren begonnen, Pharmazie zu studieren. Ich dachte, da ist Teilzeit möglich, und so kam es dann auch.

Wie erging es Ihnen in der Apotheke am Morgen nach einer langen Session? Haben Sie sich erst einmal selbst im Laden bedient, um fit zu sein?
Nein. Selbst wenn ich auswärts gespielt hatte, war klar: Um 8 Uhr stehe ich in der Apotheke. Vielleicht mit dickem Kopf und kratzigem Hals, weil damals noch geraucht wurde. Halbe Sachen mache ich nicht.

Wie kamen Sie zur Musik?
Ich machte bei den Farbwerken Hoechst Mitte der sechziger Jahre eine Ausbildung vom Chemielaboranten bis zum Ingenieur der Chemie. Im Lehrlingsheim, in dem ich zunächst wohnte, gab es einen Raum, in dem Musikinstrumente standen. Und dort entdeckte ich das Schlagzeug, und kurz darauf spielte ich in meiner ersten Band.

Seit 2010 sind Sie hauptberuflich Musiker. Ist damit ein Lebenswunsch in Erfüllung gegangen?
So würde ich das nicht nennen. Ich war auch vorher schon semiprofessionell unterwegs. Aber als ich mit 63 in Rente gegangen bin, habe ich mir gesagt: Jetzt machst Du weiter Musik. Der Unterschied zu früher ist, dass ich heute fast nur noch mit Profis zusammenarbeite. Nebenher gebe ich aber auch noch Unterricht für Arzneimittel in der Altenpflegeschule am Hessenring. Auch das macht mir Spaß.

1976 sind Sie wegen der Musik nach Offenbach gezogen. Von Frankfurt ist bekannt, dass es dort eine vielfältige Musik- und Jazzszene gab. Aber Offenbach?
Das hatte mit dem Musikclub im Schlachthof zu tun. Da hatten wir einen Proberaum. Es gab und gibt auch hier eine Jazzszene. Nehmen Sie die Offjazzgroup, die seit 50 Jahren Bestandteil des zeitgenössischen Jazz in Offenbach ist.

Wie sah die Musikszene in Offenbach aus?
Nun, ich war neu in Offenbach und kannte nur die Szene im Schlachthof; dort haben mehrere Gruppen Rock gespielt. Manchmal wenn wir probten, lagen im Hof noch tote Schweine herum.

Wissen Sie, dass es in Offenbach nach dem Krieg einen Jazzkeller gab, weil hier Amerikaner stationiert waren?
Freunde der Offenbacher Jazzszene erzählten mir von Swing- Veranstaltungen im Club 51 in der Luisenstraße und später am Bieberer Berg. Der Jazz hat also auch in Offenbach eine Tradition, denken Sie nur an Conny Jackel, Red Hot Beans und andere.

Ein Kristallisationspunkt ist seit 25 Jahren der Jazz e.V..
Durch diverse Leute in dem Verein bin ich eigentlich erst richtig auf den Jazz gekommen und habe damals die Berry Blue Band gegründet. In Offenbach gibt es außerdem noch die Jazzsession und das KJK Sandgasse. Dort wird aber mehr Rock und Blues gespielt.

Früher hatten die Jazzer regelmäßige Auftritte auf dem Gelände der Rudergesellschaft Undine.
Ja, das ist immer noch ein wunderbarer Ort. Im Sommer haben dort alle zwei Wochen Jazzgruppen gespielt, und es war jedes Mal proppenvoll. Man hat am Fechenheimer Mainufer gesessen und die Atmosphäre genossen. Doch dann ist der Standort aufgegeben worden, die Kultur sollte wohl im Offenbacher Kulturcarré stattfinden.

Wo treten Sie in Offenbach auf?
Ab und zu beim Jazz e.V. und beim Oldieclub, zuletzt auch im Café Cuore. Außerdem organisiere ich jedes Jahr im Ledermuseum ein Neujahrskonzert, zahle selbst die Saalmiete, die Gema und meine Musiker. Manchmal bleibt da für mich wenig übrig, aber ab und zu unterstützten mich auch Sponsoren. Und die Zusammenarbeit mit dem DLM ist hervorragend.

Sie haben mit Rockmusik mit deutschen Texten angefangen, dann Blues gespielt und zuletzt zum Jazz gefunden. Hat Ihr Sohn Julian Keßler Sie da beeinflusst?
Ja sehr. Julian hat in Köln Jazz studiert, war in den USA und in Lateinamerika, und wir spielen ja bis heute zusammen. Durch ihn und Musiker des Jazz e.V. bin ich zum Jazz gekommen. Ein wichtiger Freund und Jazzmusiker aus Frankfurt, mit dem ich oft spiele, ist Christoph Aupperle – neben weiteren exzellenten Mitmusikern.

Sie haben schon erwähnt, dass Sie sich beim Jazz stimmenmäßig beherrschen müssen.
Ja, da muss man anders singen. Die Sänger klassischer Rockbands haben ja eher geschrien, und das habe ich ähnlich gemacht, laut und kräftig gesungen.

Das muss man sich aber auch erst einmal trauen.
Sicher. Beim Jazz muss man die Töne anders formen, phrasieren und sich als Instrument begreifen. Das hört sich leicht an, ist es aber nicht immer.

Wie verändert sich die Stimme im Alter?
Ich singe jetzt ungefähr eine Terz tiefer. Wenn ich früher G-Dur gesungen habe, singe ich heute Es.

Üben Sie jeden Tag?
Nicht immer, aber so oft es geht. Beim Jazz ist es wichtig, auf die anderen Musiker zu hören. Du musst kommunizieren, wenn sich vielleicht der Ablauf eines Stücks ändert. Das können nicht alle. Das ist bei Jam Sessions manchmal schwierig. Manche hören einfach auf, ohne einem ein Zeichen zu geben. Einer hat sogar mal im Hintergrund ein Lied geübt, während ich auf der Bühne gesungen habe. Das geht natürlich überhaupt nicht.

Ihr Sohn ist freier Musiker. Haben Sie ihm nie geraten, doch was „Anständiges“ zu lernen?
Wir diskutieren oft, ob das Lehramt eine Option für ihn wäre, weil er sehr gut mit Kindern umgehen kann. Aber er will momentan vor allem spielen. Es ist sein Leben, und er soll das machen, was ihm gefällt. Von mir bekommt er jedenfalls alle mögliche Unterstützung.

Kann man von der Musik leben?
Irgendwie geht es, aber der Konkurrenzkampf ist härter geworden. Die Hochschulen produzieren so viele Musiker. Fast jeder, der studiert hat, gibt Unterricht und will natürlich irgendwo spielen. Daneben gibt es Unmengen von Semiprofessionellen und Hobbymusikern, die auftreten. Dadurch ist der Markt für alle schwieriger geworden.

Sie lieben Jazz, spielen aber auf Wunsch auch Schlager. Dünkel haben Sie wohl nicht?
Manche Leute lachen und sagen, Dir gefällt ja jedes Lied. Dann lache ich auch und sage Ja. Ich finde, fast jedes Lied hat seinen Wert und Respekt verdient. Wenn mich jemand bittet, ein bestimmtes Lied zu spielen, und ich kann es, mache ich das. Aber ich weiß auch, dass viele Musiker das nicht mögen.

Was bedeutet Ihnen Musik?
Das ist Glück. Nach einem Auftritt bin ich zwar müde, aber es geht mir saugut. Auf der Bühne zu stehen, ist wie eine Sucht. Da können Sie jeden Musiker fragen.

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