Offenbach

Fünf Tage im März

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Die Nazis sprengen die Mainbrücke und suchen rechtzeitig das Weite, bevor die sechste Panzerdivision der Amerikaner vor genau 70 Jahren nach Offenbach einrückt. Den Befreiern gelingt es rasch, die öffentliche Ordnung herzustellen. Zuerst setzen sie einen Bürgermeister ein.

Kurz bevor am heutigen 26. März vor 70 Jahren die Amerikaner Offenbach von der NS-Terrorherrschaft befreien, hat Bäckermeister Wilhelm Krebs so viel Brot gebacken, wie er nur konnte. Er versorgt die Hausfrauen damit, die ihren Männern vom „Volkssturm“, wie die Nazis die Truppen in der Endphase des Zweiten Krieges nannten, die Lebensmittelkarten mitgegeben hatten. Der „Volkssturm“ war am 25. März 1945 vor den anrückenden amerikanischen Soldaten getürmt.

Bäcker Krebs ist so verantwortungsvoll, dem Krankenhaus zu melden, dass sein Geschäft in der Bieberer Straße 20 die Gefechte der vergangenen Tage überstanden hatte und er weiter Brot backen könne. Dies ist in der Dokumentation 45 des Offenbacher Geschichtsvereins zu lesen.

Fritz Reinicke als Oberbürgermeister eingesetzt

Ende März 1945 vollzieht sich in Offenbach innerhalb weniger Tage ein dramatischer, aber seltsam geordneter Herrschaftswechsel. Am Freitag, 23. März, verherrlicht die Offenbacher Zeitung, die amtliche Tageszeitung der Nationalsozialistischen Partei Gau Hessen-Nassau in einer ihrer letzten Ausgaben noch die Verteidigung des „Volkssturms“ und berichtet mit Propaganda-Getöse von „unvorstellbaren Schandtaten und Willkürakten“ beim Vormarsch der Alliierten.

Am Abend des 24. März wird die Bevölkerung aufgerufen, die Stadt zu verlassen, ein Aufruf, dem Bäcker Krebs nicht nachkommt. Am 25. März sprengen die abrückenden deutschen Soldaten noch die Mainbrücke, die heutige Carl-Ulrich-Brücke, damit sie nicht verfolgt werden können. Am Nachmittag des Folgetages sind die Amerikaner schon in der Stadt und setzen sofort einen neuen Oberbürgermeister ein, Verwaltungsdirektor Fritz Reinicke.

Die Amerikaner waren von Süden angerückt. Am 22. März setzen sie samt Panzer bei Oppenheim über den Rhein. Die sechste US-Panzerdivision nimmt Offenbach aus zwei Richtungen ein. Nachdem sich eine Einheit bei Langen aufgeteilt hatte, gelangt die eine Säule über Neu-Isenburg und die andere über Dietzenbach und Heusenstamm in die Stadt. Eine weitere Einheit stößt über Ober-Roden nach Offenbach vor.

Der inzwischen verstorbene Historiker Alfred Kurt beschreibt diese Tage in seinem Buch „Stadt und Kreis Offenbach in der Geschichte“. Nachdem die NS-Leute Hals über Kopf die Flucht ergriffen hatten, „taten sich in mehreren Gemeinden beherzte Männer zusammen, um eine kampflose Übergabe vorzubereiten“. Sie wollen sinnlose Opfer vermeiden. Oft gelingt ihnen dies, aber nicht immer. In Mühlheim, berichtet Kurt, stürmen SS-Leute den Raum, wo Männer über eine friedliche Übergabe beraten, und töten vier von ihnen. In Heusenstamm zwingen die Amerikaner eine kleine deutsche Einheit zur Kapitulation, wobei acht deutsche Soldaten sterben, und in Dietzenbach kommt ein deutscher Soldat ums Leben.

Nur 1000 Gramm Brot pro Woche

Wie die Amerikaner Offenbach vorfinden, berichtet der frühere Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel in den Offenbacher Geschichtsblättern. Er stützt sich dabei auf einen Bericht der amerikanischen Militärregierung. Demnach sind 32 Prozent der Wohnungen zerstört. Große Teile der historischen Altstadt liegen in Schutt und Asche, darunter das Büsingpalais, das Isenburger und das Rumpenheimer Schloss und zahlreiche Kirchen.

Etwa 10 000 „Displaced Persons“, Zwangsarbeiter und ehemalige Kriegsgefangene, sind in Stadt und Kreis plötzlich frei, die Amerikaner bringen sie in Lagern unter und verpflegen sie. Alle Nazi-Gesetze werden aufgehoben und eine Nachrichten- und Ausgangssperre erlassen, die öffentliche Ordnung gesichert und Lebensmittel besorgt.

Für die Offiziere wird das Hotel Kaiserhof am Hauptbahnhof beschlagnahmt und im Amtsgericht das Hauptquartier der Militärverwaltung eingerichtet. Am 29. März wird eine 200 Personen starke zivile Polizeitruppe gebildet, und das amerikanische Militärgericht nimmt seine Arbeit auf. Bäcker Krebs berichtet, dass die Brotrationen für Erwachsene Ende Mai bei 1000 Gramm pro Woche liegen und er an Weihnachten wieder Kuchen backen kann.

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