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Kann zu allen seinen Bildern und Skulpturen eine Geschichte erzählen: Michael Karminsky in seiner Offenbacher Wohnung.

Offenbach

Sammler lädt zum Blick hinter die Fassaden

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Michael Karminsky hat im Offenbacher Nordend ein Privatmuseum mit regimekritischer sowjetischer Kunst aufgebaut. Diesen Donnerstag gibt es dort eine Führung.

Wer Michael Karminskys Wohnung im Offenbacher Nordend betritt, der taucht ein in eine andere Welt. In mehreren großen ehemaligen Fabrikräumen hat der 60-jährige Kunstliebhaber vor allem nonkonformistische Kunst aus der Sowjetunion bis unter die hohen Decken an die Wände gehängt – also Bilder und Skulpturen von Künstlern, die ihre Regimekritik in versteckten Moskauer Ateliers und Untergrundgalerien verborgen hatten. Sie lehnten sich gegen den staatlich verordneten Sozialistischen Realismus auf, der die sowjetische Gesellschaft im besten Licht darstellen sollte. Die Nonkonformisten zeichneten ein anderes, ein düstereres und widersprüchlicheres Bild.

„Diese Bilder zeigen die eigentliche Realität“, sagt Sabine Schmidt vom Offenbacher Amt für Kulturmanagement. Sie ist eine Kennerin russischer Kunst und lebte und arbeitete während ihres Kunststudiums eine Zeit lang in Moskau. Gemeinsam mit Karminsky führt sie diese Woche durch dessen mehrere Hundert Werke umfassende und sich ständig wandelnde Privatsammlung. Es sind Kunstwerke dabei, deren Pendants in Häusern wie der Londoner Tate Modern oder im Kölner Museum Ludwig hängen.

Die Führung passt zum Jahresthema der Kulturregion „Geist der Freiheit – Freiheit des Geistes“. Schmidt sagt dazu: „Das Thema ist heute so aktuell wie nie.“ Schließlich kann freie Meinungsäußerung auch im heutigen Russland noch äußerst schwierig sein – siehe zum Beispiel die Band Pussy Riot.

Karminsky ist in der Sowjetunion aufgewachsen und kam vor etwa 30 Jahren nach Offenbach. „Die Freiheit“, sagt der leidenschaftliche Kunstfreund, Motorradfahrer und Espressotrinker, das freie Lebensgefühl sei es gewesen, das ihn damals in den Westen gelockt habe. Er wollte eigentlich nach Kanada – ist aber im Rhein-Main-Gebiet hängen geblieben, wo er zunächst einige Jahre als Maschinendreher und später als Gastronom tätig war. In Offenbach lernte er auch den ebenfalls aus der Sowjetunion emigrierten Maler Eduard Gorokhovsky kennen, der ihn weiter an die regimekritische Kunst heranführte.

„Jedes dieser Bilder ist ein Stück von meinem Leben“, sagt Karminsky heute. Es sprudelt geradezu aus ihm heraus, wenn er – mit einer vorgewärmten Tasse Kaffee in der Hand und Jazzmusik im Hintergrund – beginnt, die Geschichten hinter den Bildern zu erzählen. Da ist etwa eines, das Gorokhovsky in seiner Offenbacher Wohnung gemalt hat: Es zeigt eine russische Mittelschichtfamilie, die vor einer leuchtend roten Tapete sitzt. „Das ist der rote Terror“, sagt Karminsky. Zwei der drei Personen auf dem Bild sind nur schemenhaft zu erkennen – so als wären sie schon nicht mehr Teil dieser Welt. Auch aktuelle Bilder hängen in Karminskys loftartiger Wohnung – zu allen kann er eine oft dunkle Geschichte erzählen, die sich hinter einer manchmal leuchtenden Fassade verbirgt.

Über die Jahre hat der Sammler mit einigen der Künstler, deren Bilder er besitzt, Freundschaften aufgebaut. Zu dem in Frankreich lebenden Oskar Rabin etwa, der 1974 eine Avantgarde-Ausstellung in einem Moskauer Park mitorganisiert hatte, die brutal aufgelöst und von Planierraupen niedergewalzt wurde, wie Schmidt erzählt. Oder zu Youri Jarki, dessen bisweilen schaurige Bilder an Francis Bacon erinnern. Und natürlich zu Gorokhovsky. Schaut man genau hin, entdeckt man in Karminskys Wohnung auch die alte Staffelei des Offenbacher Künstlers – samt einem mit Pinseln befüllten Gurkenglas. „Er war für mich wie ein Vater“, sagt Karminsky.

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