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Luigi Galbusera vor seinem Werk "Bruno", Installation aus medizinischen Schläuchen.

HfG in Offenbach

Ausstellung erinnert an Rosalie

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Rund 700 Studierende zeigen am Wochenende ihre Arbeiten an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach im Gedenken an die kürzlich verstorbene Professorin. Unser Autor hat sich vorab umgesehen.

Noch zupfen sie die Kostüme für eine Theaterinszenierung zurecht, arrangieren die Keramiken und verwirbeln einen riesigen Schlauch, der leuchten wird wie die Lichtarbeiten der kürzlich verstorbenen HfG-Professorin Rosalie. Vor der Eröffnung des traditionellen Rundgangs an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (HfG) herrscht „work in progress“, sagt Bernd Kracke, der Präsident der Kunsthochschule, der durch die labyrinthischen Räume führt.

In der Aula (Schlossstraße 31, Hauptgebäude, 1. Stock, A1) sind Designobjekte zu sehen, die für die Autoindustrie oder die Fertigung von Sitzmöbeln taugen könnten. Absolventin Teresa Mendler hat Industrieschaum mit Stoffen überzogen und aufquellen lassen. Manche Schäume sind weicher, andere fester, alle sind zum Anfassen gemacht. Sie sehen aus wie Autositze oder Luftmatratzen. Aus solchen Studien ließen sich Produkte für die Industrie generieren, sagt sie. Das Schwierigste sei, die Blasen aus dem Material herauszubekommen.

Britta Thie kommt aus der Berliner Blase. Noch bis Ende des Semesters ist sie Stiftungsprofessorin an der HfG. Mit ihren Studierenden hat sie ein Virtual-Reality-Projekt umgesetzt. Es ist ein selbstreferenzieller Rundgang durch den Rundgang. Thie kniet auf dem Boden und wischt über den Laptop, sie projiziert stillstehende Bilder an die weiße Wand. Es sind 360-Grad-Aufnahmen der Studierenden, wie sie sich am Ludo-Mayer-Brunnen räkeln, an anderen Orten in der Kunsthochschule fummeln, rasieren, mit Soundsystem abhängen. Aus Lautsprechern erklingt dazu Geräusch und Musik.

„Wir haben eine Parallelwelt erzeugt, verschiedene Räume abgescannt und einzelne Szenen inszeniert“, sagt Thie.

Es sind eingefangene Momente, durch die Besucher sich virtuell bewegen können, hoch und runter und zur Seite, bis sie Kunstwerke von Studierenden anklicken oder den Ausgang zum nächsten Raum gefunden haben. Noch sind diese Ausgänge mit blauen Pfeilen markiert, die Links zur Kunst mit Blasen, aber daran werde gearbeitet, sagt Thie, „work in progress“ eben.

Viele Stunden könnten Besucher in den virtuellen Räumen verbringen, entweder mit den VR-Brillen, die ab heute im Raum hängen sollen, oder von zu Hause aus. „Sentiment Solutions“ heißt das Kunstwerk (Hauptgebäude, A3, 3. Stock, A307). Eine gleichnamige Internetseite und ein Youtube-Kanal werden freigeschaltet.

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ – der kategorische Imperativ von Immanuel Kant. Seine Heimatstadt Königsberg, heute Kaliningrad, hat der Philosoph kaum verlassen. Bei einem Gastaufenthalt im nur 80 Kilometer entfernten litauischen Vilnius hat sich die Gestaltungsklasse von HfG-Professor Klaus Hesse mit dem deutschen Philosophen der Aufklärung beschäftigt.

„Kant on the Beach“ (Westflügel, B3, 3. Stock, D301) ist dabei entstanden. Plakate von einem jugendlichen Kant mit Surfbrett und Badehose, von einem verzerrten Kant mit vier Augen und zwei Mündern, von einem Kant vor einem Atompilz. Nächstes Jahr sei Karl Marx an der Reihe, sagt Klaus Hesse, denn Marx’ Geburtstag jähre sich zum 200. Mal.

Gesellschaftskritisch sind die Leuchtkästen der HfG-Absolventin Nicole Landwehrs. In „Symbols of Politics“ lässt sie die Gerechtigkeitsgöttin Justitia – ohne Waage, dafür mit Augenband und Facebook-Schwert – mahnen, dass der Konzern Facebook für Fake News oder strafbare Inhalte nicht zur Rechenschaft gezogen werde.

Mit einer Banane, die mit einer Schusswaffe kombiniert ist, thematisiert sie die Verstrickung des Konzerns Chiquita in die kolumbianische Politik (Westflügel, B3, 3. Stock, D301).

Sehr persönlich ist die Arbeit von Janine Bächle. Sie hat in „Months together - months apart“ zwei Jahre der Beziehung zu ihrem Freund in einem Fototagebuch verarbeitet. 546 Tage hätten die beiden miteinander verbracht, 287 Tage ohne den anderen, während sie in 26 Länder gereist seien. In dem schmalen Band sind Pässe zu sehen, nackte Oberkörper und Beine, Schatten am Strand, ein Kuss. „Es ist meine Perspektive auf unsere Beziehung“, sagt Bächle, die die Fotos gemacht hat (Schloss, Erdgeschoss, linke Kapelle).

Bächle studiert in der Fotografieklasse von Martin Liebscher, wie auch Felicitas von Lutzau. Sie hat auf ihren großformatigen Landschaftsfotos „A whiter shade“ ihre Spur hinterlassen. Dem Gletscher bei Nacht, über dem die Sterne durch die Langzeitbelichtung zerfließen, hat sie einen Riss eingefügt, als ob ein Laser den Berg verletzt hätte und er schneeweiß blute. Eine weitere Schneelandschaft hat sie blutrot gefärbt –„wie eine Marslandschaft“, sagt sie (Schloss, Erdgeschoss, linke Kapelle).

Ganz funktional wirken die Keramikarbeiten der Studierenden im Institut für Materialdesign (Schloss, C103). Schüsseln, Aschenbecher, Vasen, Becher, Blumentöpfe. Die Objekte seien digital am Computer bearbeitet und per 3-D-Drucker gedruckt worden, erläutert Professor Markus Holzbach. Frauke Zoe Taplik bringt in diesem Raum in diesem Moment eine Lichtinstallation an, aus der am Freitag Wassertropfen über beleuchtete Stäbchen rinnen sollen. Im Hintergrund legt ein Studierender einen 400 Meter langen Schlauch zu einer Skulptur zurecht, deren Inneres rot leuchten wird wie die Arbeiten von Rosalie.

Einen „Garten für Rosalie“, bürgerlich Gudrun Müller, haben Studierende von Bühne und Kostüm, die die Künstlerin bis zuletzt unterrichtete, bereitet (Hauptgebäude, Erdgeschoss, 2B-4B). Viviane Niebling zeigt dort ein Bühnenbild für Shakespeares „Sommernachtstraum“, mit einem Kostüm für die Elfenkönigin Titania, das mit Steinen und Pflanzen bewachsen ist. Zuletzt hat die 1991 geborene Niebling das Stück „Philoktet“ von Heiner Müller am Staatstheater Mainz ausgestattet.

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