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Im vergangenen Jahr wurde die Lutherkirche renoviert.

Offenbach

Gottesdienst mit Hitlergruß

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Als Adolf Hitler im Januar 1933 an die Macht kommt, wird das von vielen Offenbachern begrüßt. Die evangelischen Gemeinden stimmen in den allgemeinen Jubel ein. Nun erforschen Historiker die Geschichte der Offenbacher Luthergemeinde in der NS-Zeit.

Als Adolf Hitler im Januar 1933 an die Macht kommt, wird das von vielen Offenbachern begrüßt. Die evangelischen Gemeinden stimmen in den allgemeinen Jubel ein – „in freudiger Pflichttreue gegen Staat und Volk“ werden Kirchen beflaggt, Glocken geläutet und Gottesdienste gefeiert. Am 21. März, dem „Tag von Potsdam“, würdigt Pfarrer Ferdinand Bürstlein in der Lutherkirche die Sturmabteilungen: „Sobald ihr das Braunhemd tragt, verkörpert ihr nicht mehr euer Ich, sondern den Staat. Und wer den Staat angreift, muss fallen!“

Dem Wirken Bürstleins und seines Kollegen Eduard Rieber an der Lutherkirche widmen sich die Historiker Anjali Pujari und Vicente Such-Garcia bei einem Vortrag. Er bildet den Abschluss des 100-Jahr-Jubiläums der Lutherkirche. „Womöglich ist jetzt der richtige Zeitpunkt, sich damit auseinanderzusetzen“, sagt Pujari, stellvertretende Leiterin des Stadtarchivs und im Vorstand der Mirjamgemeinde. Denn die Aufarbeitung dieses Kapitels der Offenbacher Kirchengeschichte fehlt bisher.

Ferdinand Bürstlein, seit 1925 Pfarrer der Luthergemeinde Süd, hat sich früh den sogenannten „Deutschen Christen“ angeschlossen. Die streben eine Vermischung des Protestantismus mit Elementen der NS-Ideologie an und gewinnen in der Kirche zunächst großen Einfluss. In Offenbach schließen sich auch die Pfarrer der Stadt- und der Johanneskirche, aus Rumpenheim und Bieber der Bewegung an.

Doch während die meisten Gemeinden im Dekanat später auf die Seite der „Bekennenden Kirche“ wechseln, bleibt die Lutherkirche – so ist in der Festschrift zu lesen – bis zuletzt „ein Sammelbecken der Deutschen Christen in Offenbach“. Dabei unterscheiden sich die beiden Pfarrer durchaus. „Bürstlein war aus Überzeugung dabei“, sagt Such-Garcia.

„Er war ein Propagandist“, der seine Weltanschauung im Evangelischen Gemeindeblatt kundtut. Gottesdienste beendet Bürstlein gern mit dem deutschen Gruß. „Ein deutscher Mann kniet nicht nieder“, sagt er einem Vikar, der bei seiner Ordination der Tradition entsprechend zum Segen die Knie beugen will.

Eduard Rieber habe sich dagegen zurückgehalten, sagt Such-Garcia. Aber auch er suchte Anschluss an die „Deutschen Christen“, schreibt vom „opferwilligen“ deutschen Volk. „Wir verlangen unseren Platz an der Sonne, um eine zweitausendjährige welthistorische Aufgabe zu erfüllen.“ 1942 und 43 war Rieber auch als Seelsorger im Lager Rollwald eingesetzt.

Nach 1945 suspendiert und bestraft

Beide Geistlichen treten im Mai 1933 der NSDAP bei. Nach dem Zusammenbruch werden sie als Mitläufer Stufe 4 klassifiziert. Die Offenbacher Historiker konnten die Personalakten von Rieber und Bürstlein im Archiv der Landeskirche studieren. Sie geben Aufschluss über ihr Verhalten und Schicksal nach dem Krieg. Bürstlein, der in den 30er Jahren zum Dekan aufgestiegen war und sogar Propst werden sollte, fällt tief.

Er wird „wegen unkirchlichen Verhaltens“ vom Dienst suspendiert, die Landeskirche kürzt seine Rente um 50 Prozent. Er versucht mehrfach, eine Revision dieser Entscheidung zu erreichen, sieht sich als Opfer und zieht sich schließlich in den Vogelsberg zurück, wo er 1954 stirbt. Auch Rieber beendet 1945 seinen aktiven Dienst, bleibt aber in Offenbach.

Er muss zwar keine Rentenkürzung hinnehmen, bekommt aber 1500 Reichsmark Geldbuße aufgebrummt – fast doppelt so viel wie sein Kollege. Das liege vermutlich daran, dass Rieber auch Mitglied in mehreren NS-Unterorganisationen gewesen sei, mutmaßt Such-Garcia. Allerdings seien der Sozialverband NSV, Luftschutzbund oder Reichsschrifttumskammer doch als eher harmlos einzustufen.

Einige Fragen wollen die Historiker noch klären. Etwa wie sich die Pfarrer und Gemeinden Offenbachs bei der Pogromnacht im November 1938 verhielten oder ob auch Zwangsarbeiter in der Kirche beschäftigt waren. Doch die Quellenlage ist lückenhaft. Neben den Akten der Landeskirche und des Stadtarchivs ziehen die Historiker vor allem Zeitungsausschnitte zu Rate. Eine ergiebige Quelle wäre wohl das Archiv des Kirchengemeindeverbandes, so Anjali Pujari. Dort gebe es Dokumente aus den 30er und 40er Jahren. Sie seien in dem weitgehend unerschlossenen Bestand jedoch oft nicht aufzufinden.

„Das bedaure ich sehr“, sagt Pujari, die sich wünscht, dass die Geschichte der Offenbacher evangelischen Gemeinden in der NS-Zeit einmal systematisch erforscht wird. „Was wir jetzt tun, ist nur ein Impuls, ein erster Anfang“, sagt Such-Garcia.

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