Rebell mit seiner Fender Jaguar, Baujahr 64.
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Rebell mit seiner Fender Jaguar, Baujahr 64.

Offenbach

Der erfolgreiche Rebell

  • Agnes Schönberger
    vonAgnes Schönberger
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Der frühere HR-Moderator Volker Rebell hat eine Studiobühne eingerichtet. Dass aus der eigenen Musikerkarriere nichts wurde, hatte auch mit Udo Lindenberg zu tun.

Volker Rebell hatte als Jugendlicher hochfahrende Pläne. Er wollte der deutschsprachige John Lennon werden. Daraus wurde nichts, und Udo Lindenberg spielte dabei eine Rolle. Entscheidend war aber, dass der junge Mann in der elterlichen Werkzeugfabrik für Präzisionsgewinde gebraucht wurde.

Karriere hat der gebürtige Offenbacher dennoch gemacht. Zwar nicht als Rockstar, aber als Hörfunkmoderator von Kultsendungen wie „Volkers Kramladen“ im HR. Jetzt plant der fast 70-Jährige sein eigenes Webradio. Voraussetzung dafür ist seine „Rebell(i)sche Studiobühne“, die er nach dem Verkauf der ererbten Fabrik im ehemaligen Werkstattgebäude an der Bieberer Straße eingerichtet hat. Erste Konzerte und Veranstaltungen haben dort bereits stattgefunden; die Live-Atmosphäre mit Musikern, Autoren und Kleinkünstlern will Rebell als Basis für seine künftigen Radiosendungen nutzen. Damit schließt sich für ihn ein Kreis: In dem Gebäude, in dem er einst eher widerwillig Verantwortung übernahm, kann der Ingenieur jetzt seine künstlerischen Vorlieben ausleben.

Hat er als „kleiner 68er-Rebell mit viel roter Brause im Kopf“ (O-Ton Rebell) nie daran gedacht, gegen seine Eltern zu protestieren und die ungeliebte Lehre zum Werkzeugmacher abzubrechen? Nein, sagt Rebell. Er sei katholisch erzogen worden und Ministrant in St. Marien gewesen. „Ich war ein braver Bub.“ So nahm er es hin, dass die Eltern ihn als 16-Jährigen ohne sein Wissen vom Gymnasium abmeldeten, weil er die Ausbildung beginnen sollte. Wohl aus schlechtem Gewissen schenkten sie ihm aber eine wertvolle E-Gitarre samt Verstärker von Fender.

Musik wurde zum Rettungsanker

Die Popmusik wurde zu Rebells Rettungsanker. Der Jugendliche war talentiert. 1965 gewann er mit seiner Band „The Cheats“ den „Deutschen Beatband-Wettbewerb“ mit seinen selbstgeschriebenen deutschsprachigen Songs. Den Siegerpokal durfte er behalten, er steht im Billy-Regal im Keller.

Weniger Erfolg hatte Rebell mit seinem ersten Album. Lag es am nicht eben verkaufsfördernden Titel „Der große Krakeeler“ oder an der Musik? Die Platte war jedenfalls ein Flop. Und bevor seine Musikerkarriere Fahrt aufnehmen konnte, war sie 1969 schon zu wieder Ende. Damals trat er in den elterlichen Betrieb ein. 2015 verkaufte er die Firma, die unter dem Namen Rebell Tools in Mühlheim als reines Handelsunternehmen weitergeführt wird.

Von 1970 an arbeitete Volker Rebell als freier Mitarbeiter für den Hessischen Rundfunk und präsentierte in seinen Sendungen Popmusik abseits des Mainstreams. Nebenbei schrieb er für die FR Konzertberichte, produzierte eigene Tonträger, veröffentlichte Bücher über Frank Zappa und die Beatles. 2008 flog das Urgestein des HR unter dem Diktat der „Durchhörbarkeit“ aus dem Programm. Er hat aber weitergemacht im preisgekrönten Internetradio ByteFm, Bücher geschrieben und eigene Programme entwickelt. Rebell tourte durch Hessen mit „Volkers Kramladen“, mit „Heine goes Pop“ und mit der Beatles-Revival-Band. Aktuell sind er und Moritz Stoeppel mit „Dylan auf Deutsch“ unterwegs. Nächster Auftritt ist am 21. Januar in Oberursel (Näheres auf www.volker-rebell.de). Vier Jahre arbeitete er an einem Hörbuch mit fünf CDs und Begleitband über Paul McCartney, das demnächst erscheinen wird. Ein weiteres Werk über John Lennon soll bald folgen.

Jetzt also noch das Webradio. Rebell schwebt ein poetisch verspieltes Erzählradio mit Lyrik und Humor vor, wie er es früher teilweise in „Volkers Kramladen“, realisieren konnte. Er erinnert sich gerne an die Zeit beim HR. Damals habe es keine Vorgaben gegeben – außer dem Rundfunkgesetz. Niemand habe ihm in seine Sendung hineingeredet, Planung, Redaktion und Musikgestaltung verantwortete er allein.

Beatles bis Zappa

Rebell nutzte diese Freiheit. Seine Musikauswahl reichte von den Beatles bis Zappa, und auch Walgesänge mutete er seinem Publikum zu. Um Liedtexte dem Hörer näherzubringen, übersetzte er sie, redete aber auch über Arrangements und Instrumentierung. Ihm ging es darum, die Faszination der Texte zu vermitteln. Es war eine kreative Auseinandersetzung mit der Musik, die den Hörern das Gefühl vermittelte, ein Freund unterhalte sich mit ihnen über Musik. Buchpreisträger Frank Witzel beschrieb Rebell in einem frühen Text als eine „unnachahmliche Mischung aus Pastor und engagiertem Musiklehrer“. Es war positiv gemeint.

Im Erdgeschoss der ehemaligen Fabrik herrscht momentan zwar noch Maschinen-Chaos. Aber Rebell kann sich trotzdem schon vorstellen, wie es hier einmal nach der für Februar geplanten Sanierung aussehen wird. Er will dort eine Galerie einrichten. Wer eine Veranstaltung der „Rebell(i)schen Studiobühne“ besuchen will, muss sich vorher über Rebells Internetseite anmelden. „Ich will wissen, wer meine Gäste sind“, sagt er. Erst nach der Anmeldung wird die Adresse per Mail mitgeteilt.

Und was war eigentlich mit Udo Lindenberg? 1969 lernte Rebell den Musiker in Hamburg durch die Vermittlung eines Bandkollegen kennen, der bei den „Cheats“ mitgespielt hatte. „Ich saß bei Udo auf der Bettkante und durfte ihm meine deutschsprachigen Songs vorstellen.“ Die Musik habe er interessant gefunden, aber dann wollte Rebell wissen, was Lindenberg von der „Krakeeler“-Platte halte. Udos Urteil war apodiktisch: Deutsch und Rockmusik passten nicht zusammen. Er sollte sich irren. 1970 veröffentlichte Lindenberg ein englischsprachiges Album, das floppte. 1973 feierte er mit „Andrea Doria“ Riesenerfolge. Das war sein Durchbruch. Der Rest ist bekannt. Deutsch und Rock passen doch zusammen. Sogar genuschelt.

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