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Matthias Wörner, EOSC-Vorsitzender, in der Traglufthalle des Waldschwimmbads.

Schwimmen

„Ich sehe ältere Menschen in sich zusammenbrechen“

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Der neue Lockdown droht den Schwimmvereinen das Wasser abzugraben, warnt Matthias Wörner, Präsident des EOSC Offenbach. Für Kinder und Ältere wäre das am schlimmsten.

Es ist ein unscheinbares Farbfoto, bereits leicht vergilbt, aber mit Originalunterschrift versehen, das im Eingangsbereich des Waldschwimmbads Rosenhöhe hängt. Das Konterfei kennt beim EOSC Offenbach jeder: Michael Groß, Olympiasieger von 1984, der bis heute zu den größten deutschen Sporthelden gehört. Für keinen anderen Verein sei der „Albatros“ ins Wasser gesprungen, erzählt Matthias Wörner, der erste Vorsitzende, nicht ohne Stolz. Auch er war einst Leistungsschwimmer – und trainierte gemeinsam mit Groß. „Ich habe im Becken immer nur seine Füße gesehen.“ Wörner, 57, führt seit einem Jahrzehnt einen Verein, der auch Wasserball, Basketball, Tennis und Triathlon anbietet, aber Schwimmen ist die Kernsportart.

In dieser Abteilung sammeln sich 1600 der rund 2500 Mitglieder – vom Leistungsschwimmer, der in dem 50-Meter-Becken täglich seine Bahnen zieht, bis zum Freizeitsportler, der nur einmal wöchentlich gemächlich dahingleitet. Für sie alle ist vorerst Schluss. Der beinahe kollektive Bannstrahl für den Amateursport gräbt den Schwimmvereinen im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser ab. Wegen zweier Gruppen tut das Wörner in der Seele weh: Kinder und Rentner. „Unsere Talente hatten wir nach dem ersten Lockdown gerade wieder eingefangen“, erzählt er. Es brauche nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was passiert: „Viele werden sich jetzt wieder bis vier Uhr nachts an die Spielkonsole setzen, werden Netflix und Disney Plus entdecken – und das besser finden als mit müden Armen aus dem Becken zu kommen.“

Kollektives Verbot

Wettkämpfe für die Jugend hat es seit März nicht mehr gegeben, selbst die talentierten Jugendlichen fallen irgendwann unweigerlich ins Motivationsloch. Und jetzt kommt noch das Trainingsverbot hinzu. Der in Hanau beheimatete Wörner gibt sich keinen Illusionen hin: „Wir werden Kinder verlieren.“ Der Bewegungsmangel beim Nachwuchs ist das eine Problem, das Bewegungsverbot für die Älteren das andere. „Wir haben bestimmt 60, 70 ältere Stammgäste, die jeden Tag sekundengenau kommen. Die Schwimmstunde ist für sie mehr als nur ein Ritual: Es ist für viele körperlich gebrechliche Personen die einzige Betätigung und eine wichtige Begegnungsstätte.“ Ohne dieses Sportangebot, für das es bei gewissem Gesundheitszustand keine Alternative gibt, habe er diese Leute bereits im Frühjahr „körperlich und mental in sich zusammenbrechen“ sehen.

Während der wochenlangen Stilllegung des Badebetriebs hatte der Verein die Traglufthalle über dem Hauptbecken im Sommer gar nicht abgebaut, was danach den Vorteil barg, den Zugang sehr genau regeln zu können. Um die Nachverfolgung der Badegäste zu gewährleisten, wurde ein elektronisches Buchungssystem eingeführt; mit Drei-Stunden-Slots und Zugang für bis zu 500 Personen.

Auch wenn anfangs der Verein zu Wörners Leidwesen eine Wachperson zur Einhaltung der Maskenpflicht anstellen musste, griff das Hygienekonzept. Dem EOSC ist kein Fall bekannt, der auf eine Ansteckung im Schwimmbad zurückgeht, obwohl Offenbach sehr früh mit steigenden Corona-Inzidenzen zu kämpfen hatte. Zuletzt hatte sich bei den verschärften Vorschriften der Ablauf im Bad eingespielt: Die Schwimmgäste hatten die Badekleidung schon untergezogen, legten ihre Sachen (und Maske) dann in einem eingezeichneten Rechteck am Beckenrand ab, gingen ins Wasser, um sich danach abzutrocknen und umzuziehen – geduscht wurde zu Hause.

Chlor gegen Corona

Und doch kann Wörner die Schließung von Schwimmbädern teilweise verstehen. „Wenn die Kids sich vor einer Trainingsstunde am Einstieg zusammenstellen, entstehen Bilder, die nicht jeder gut findet.“ Gleichwohl: Im chlorierten Wasser sei eine Ansteckung ausgeschlossen.

Kurios findet Wörner, dass das Waldschwimmbad nun trotzdem von dem als Betreiber fungierenden Verein für Schulsport offen gehalten wird. Es wird also auch weiter beheizt. Immerhin: In finanzielle Schwierigkeiten gerät der EOSC Offenbach deswegen nicht. Für die Unterdeckung durch die Betriebskosten, die sich schon mal auf 200 000 Euro im Jahr belaufen kann, kommt die Stadt Offenbach auf.

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