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Hilde Falaheyam muss den Trolley mit Einkäufen Stufe für Stufe in den zehnten Stock hieven.

Offenbach

Offenbach: Zu Fuß in den elften Stock

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Seit sechs Wochen steht der Aufzug im Hochhaus an der Offenbacher Ludwigstraße still. Für die meist älteren Bewohner ist das eine Katastrophe.

Seit 9. Januar ist der Aufzug im Hochhaus Ludwigstraße 126 defekt. Schon wieder. Denn bereits im Herbst stand er 33 Tage ununterbrochen still. Und stellte die meist älteren Bewohner vor ganz besondere Herausforderungen. Betroffen vom Ausfall ist aber auch ein 16 Jahre alter Hund, der unter Arthrose leidet und keine Treppen mehr laufen kann. Rocky hat die Wohnung im achten Stock seit sechs Wochen nicht mehr verlassen, der Hund muss sich auf dem Balkon erleichtern.

Die 81-Jährige Regina M. wohnt mit ihrem Mann seit 1997 in dem Hochhaus. Wegen künstlicher Kniegelenke kann sie nur noch schlecht laufen. Die 364 Treppenstufen vom elften Stock nach unten und wieder zurück sind eine Strapaze für sie. Regina M. muss viele Verschnaufpausen einlegen, der Weg nach oben dauert 20 Minuten.

Ihrem zwei Jahre älteren Ehemann Georg, der an Parkinson leidet, macht die Schlepperei der Einkäufe zu schaffen. Stufe für Stufe zieht er den Trolley hoch. Er klagt über Schmerzen in Rücken und Schulter. Das Ehepaar ist wegen des defekten Aufzugs in Urlaub nach La Palma geflogen. Aber nicht lange genug. Als es vor einer Woche zurückkam, war er immer noch kaputt.

Am schlimmsten findet Georg M., dass die Aufzugsfirma Schindler auf Beschwerden nicht reagiere. „Wir scheinen denen egal zu sein.“ Er fühle sich wie in einem Gefängnis, sagt der frühere Bundesbankmitarbeiter. Auch andere Bewohner klagen über Gefühle des Eingesperrtseins.

In dem 1972 erbauten Hochhaus leben Eigentümer und Mieter. Es gibt 42 Parteien. Ein Ehepaar, Ende 70, das im 11. Obergeschoss wohnt, hat die missliche Situation zum Anlass genommen, um in die alte Heimat Bulgarien zu fahren. Ein anderes Paar aus dem zehnten Stock ist ebenfalls „geflüchtet“ und vorübergehend in eine Pension gezogen.

Aber nicht jeder Bewohner kann sich Urlaub leisten. Wolfgang Hebeis, der mit seiner Lebensgefährtin im achten Stock wohnt, arbeitet am Flughafen. Mit zwei künstlichen Hüftgelenken fällt ihm das Treppengehen schwer. Trotzdem trägt er seiner Partnerin die Einkäufe nach oben. Die 63-Jährige lebt seit über 40 Jahren in dem Haus. Sie hat Rheuma.

Ihr tut es vor allem um Rocky leid, den sie mit der Flasche „wie ein Baby“ aufgezogen habe. Der Vierbeiner hat Arthrose. Seit 9. Januar war er nicht mehr im Freien. Sein „Geschäft“ muss er auf dem kleinen Balkon erledigen. Seine Besitzerin betont, sie mache immer sofort sauber, damit kein Urin nach unten fließe. Früher sei sie mit Rocky bis zu viermal täglich rausgegangen. Der jetzige Zustand sei eine Qual für ihn. Nachts könne sie nicht schlafen, weil er unruhig hin und her laufe.

Hilde Falaheyam hat sich nach intensivem Mailverkehr mit der Aufzugsfirma Schindler an die Medien gewandt. Die 68-Jährige, die mit ihrem Mann seit 1993 im zehnten Stock wohnt, hat kein Verständnis dafür, dass der Aufzug seit 41 Tagen still steht. Nach ihren Angaben wurden Reparaturtermine immer wieder verschoben. Zuletzt hieß es, Ersatzteile würden am 7. März geliefert. Stillstand bis dahin: 58 Tage. Gestern erfuhr ein Mieter, es werde sogar bis Mitte März dauern.

Hilde Falaheyam hat Arthrose in den Knien. Durch das Treppensteigen schmerzen nun auch ihre Hüftgelenke. Jeden zweiten Tag geht das Ehepaar einkaufen. Gemeinsam schleppen sie den Einkaufstrolley nach oben: Einer zieht, der andere hebt etwas an. Das kostet Zeit.

Uralt-Mischling Rocky (mit Wolfgang Hebeis) war seit Wochen nicht mehr draußen.

Neulich hat die 68-Jährige erfahren, dass die Firma Schindler für einen Umzug und einen Krankentransport den Aufzug von Mitarbeitern manuell bedienen ließ. Das hat sie wütend gemacht. „Warum kann die Firma uns diesen Service nicht täglich für kurze Zeit bieten, wenn sie nicht in der Lage ist, den Aufzug umgehend zu reparieren?“. Denn ohne Aufzug bringe kein Lieferdienst Pakete in den zehnten Stock.

Hilde Falaheyam erzählt, sie habe eine Möbelbestellung stornieren müssen, weil wegen der Verzögerungen eine Lagergebühr fällig geworden wäre. Auch die Sanierung des Bads muss warten, solange der Aufzug defekt ist.

Die Firma Schindler hatte Mitte Januar zunächst mitgeteilt, es werde „alles Erforderliche“ unternommen, um den Stillstand zu beenden. Später hieß es, zahlreiche Ersatzteile seien ausgetauscht oder erneuert worden. Allerdings ohne Erfolg. Hilde Falaheyam kritisierte das als „Arbeiten auf gut Glück, in diesem Fall Pech für uns“. Jetzt soll der Frequenzumrichter ertüchtigt werden. Ersatzteile dafür müssen in der Schweiz bestellt werden. Außerdem muss laut Schindler die Steuerung der Anlage getauscht werden.

Hilde Falaheyam zufolge war der Umrichter im Oktober wochenlang in England zur Reparatur. „Wieso ist er schon wieder defekt?“ Die Hausverwaltung Harbach & Meinhard erklärte, ein stundenweiser manueller Betrieb des Aufzugs sei „finanziell“ nicht darstellbar gewesen, da hierfür Fachpersonal notwendig sei.

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