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Mit der rotfarbenen Presse werden die einzelnen Rohrelemente in das Erdreich gedrückt.

Offenbach

Einen Meter geht es pro Stunde voran

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Großbaustelle für neue Kanäle im Stadtteil Bürgel soll früher als geplant bereits im Spätherbst beendet sein.

Erst auf den zweiten Blick fällt die Laterne am Rand der Baugrube auf. Da das Frontglas durch den Baudreck verschmutzt ist, lässt sich die Figur darin nur von der Seite erkennen: die heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute. „Die Heilige Barbara steht auf jeder unserer Kanalbaustellen“, sagt Jan Scherer, Bauleiter der Firma Sonntag auf der Großbaustelle bei Bürgel.

Seit vergangenem Juli ist die Kettelerstraße zwischen Mühlheimer Straße und Mainzer Ring Großbaustelle, zwei neue Kanäle müssen gebaut werden. Dass eine wichtige Verbindung zu und aus dem Stadtteil Bürgel für rund zwei Jahre gesperrt ist, sorgte für einigen Unmut in der Stadt. Doch Melanie Gessner, Leiterin des Bereichs Entwässerung bei der Stadtwerke Holding (SOH), kann Entwarnung geben: „Die Bauarbeiten kommen so gut voran, dass wir davon ausgehen, früher fertig zu sein.“ Spätherbst dieses Jahres könnte nun alles fertig werden, so nichts Unvorhergesehenes geschieht.

Weshalb der Kanalbau so zeitaufwendig ist, darüber konnten sich knapp 20 Bürger am Dienstag mit eigenen Augen informieren. Die SOH hatte zur Baustellenbesichtigung eingeladen. Da die Nachfrage sehr groß ausgefallen war, plant die SOH einen weiteren Besichtigungstermin in den kommenden Tagen anzukündigen.

Zwei Meter Durchmesser haben die Rohre für den größeren der beiden neuen Kanäle für Bürgel.

Zwei Meter Durchmesser haben die Rohre für den großen Kanal, rund zehn Tonnen wiegt jedes Rohrelement. Ein Polymer-Beton soll dafür sorgen, dass die Rohre besonders haltbar sind.

„Der kleine Kanal ist bereits verlegt, da haben die Rohre 80 Zentimeter Durchmesser“, sagt Gessner. Der kleine Kanal sei für Schmutzwasser bestimmt, der große für Mischwasser, also auch für Regenwasser. „Als wachsende Stadt muss Offenbach mit einem geeigneten Kanalsystem ausgestattet sein“, sagt die Diplom-Ingenieurin. Das Offenbacher Kanalnetz sei an einigen Stellen problematisch, teils stammt es noch aus den 1880er Jahren. Rund acht Millionen Euro sind für den 400 Meter langen Kanalneubau nahe des ehemaligen Clariant-Geländes vorgesehen. „Diesen Betrag werden wir auch einhalten“, sagt Gessner.

Wie beim Schweizer Gotthard-Tunnel bewege sich ein Bohrer durch die Rohrelemente, um den Weg freizuräumen, sagt Oberbauleiter Christian Trittenbacher. „Hier haben wir es halt mit der Matchbox-Variante des Gotthard-Bohrers zu tun“, fügt er schmunzelnd hinzu. Die riesigen Rohrelemente werden nach und nach mit einem Kran in die Baugrube gehievt und dann mit einer Hydraulikpresse in das Erdreich gedrückt. „Pro Stunde geht es etwa einen Meter voran“, sagt Trittenbacher. Der Druck, der dafür nötig ist, ist gewaltig: Die Betonwand hinter der Presse muss einem Druck von knapp 700 Tonnen aushalten.

„Momentan haben wir gut 140 Meter geschafft, der Bohrer ist ungefähr auf der Höhe der Aldi-Einfahrt“, sagt Thomas Buschardt, Leiter des Kanalbaus bei der SOH. Erst ganz zum Schluss, wenn der Durchbruch zum Ausstieg nahe des Mainzer Rings geschafft ist, kann der Bohrer wieder herausgehoben werden.

„Der Kanal verläuft leicht S-förmig, sowohl nach links wie rechts, als auch nach oben und unten“, sagt Buschardt. Um die starren Rohrelemente im Erdreich in die richtige Richtung lenken zu können, kommen kleinere Rohrelemente mit Gummischläuchen zum Einsatz. Der Aushub wird momentan noch durch ein Rohrsystem auf das ehemalige Clariant-Gelände gebracht und dort gelagert, muss dann aber entsorgt werden,

Feierabend gibt es auf der Baustelle übrigens nicht: „Hier wird an sieben Tagen 24 Stunden gearbeitet“, sagt Gessner.

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