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Die einen leiden, die anderen lachen

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Von: Annette Schlegl

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Am Aliceplatz hat dieses Jahr nicht nur der Weihnachtsmann gut lachen.
Am Aliceplatz hat dieses Jahr nicht nur der Weihnachtsmann gut lachen. © Sascha Rheker

Geteilte Stimmung bei den Marktbeschickern des Offenbacher Weihnachtsmarktes: Wegen des Umbaus am Stadthof machen einige von ihnen bis zu 50 Prozent weniger Umsatz. Andere verdienen mehr als sonst.

Geteilte Stimmung bei den Marktbeschickern des Offenbacher Weihnachtsmarktes: Wegen des Umbaus am Stadthof machen einige von ihnen bis zu 50 Prozent weniger Umsatz. Andere verdienen mehr als sonst.

Die einen sind hochzufrieden. Die anderen sind leicht verstimmt. Schließlich gibt es auch noch jene, die frustriert sind. Der Offenbacher Weihnachtsmarkt spaltet in diesem Jahr die Gilde der Marktbeschicker. Die jeweilige Laune hat dabei nichts mit dem Wetter zu tun, sondern ist ortsabhängig. Die Umbaumaßnahmen am Stadthof und die damit verbundene Platznot haben einige der 40 Händler mehr getroffen, andere weniger.

Höchst unterschiedlich fällt die „Lageeinschätzung“ der Markthändler aus. Die Formel für die Zufriedenheitsquote ist ganz einfach: Je weiter weg von der Bühne vor dem Einkaufszentrum Komm und vom Aliceplatz, desto weniger freudestrahlend.

Marina Fetscher ist über ihren zugeteilten Platz direkt vor der Löwen-Apotheke glücklich. Im Vorjahr stand sie mit ihren Schokoladenwerkzeugen am Stadthof gegenüber dem Rathaus. „Hier ist mehr Laufkundschaft“, freut sie sich. Nur den Zulieferverkehr empfindet sie als störend.

Die Brote, schwäbischen Seelen und Dinnede von Siegfried Scham aus Bad Schussenried finden in diesem Jahr besonders viele Abnehmer. Er bäckt zwar wie bisher an seinem angestammten Platz am Aliceplatz, aber durch die Umbaumaßnahmen drängen sich mehr Kunden durch die Straße hin zur Bühne.

„Es geht uns gut hier dieses Jahr“, sagt auch Monique Sturm, die am Stand von Michael Mack am Aliceplatz Feuerzangenbowle ausschenkt. Zu den vielen Stammkunden käme in diesem Jahr auch noch Laufkundschaft „weil wir mitten im Geschehen stehen.“ Im Vorjahr war der Stand mit dem Bowlekessel am Rathaus-Café aufgebaut, aber auch vor dem C&A stand er schon. „Jeder Ort war bisher gut, aber dieser ist sehr gut“, sagt sie.

Sonst immer am Stadthof beheimatet, verkauft Peter Stein aus Rödermark seinen Glühwein diesmal am Anfang der Frankfurter Straße. Der 68-Jährige betreibt mit seiner Frau Verena seit 46 Jahren in ununterbrochener Folge einen Stand auf dem Offenbacher Weihnachtsmarkt. Schon im Herbst sei er von der Stadt benachrichtigt worden, dass der Stadthof in diesem Jahr wegen der Umbaumaßnahmen für den Weihnachtsmarkt nicht zur Verfügung steht. „Wir haben hier etwas weniger Umsatz als sonst“, sagt er, fügt aber gleich hinzu, es sei ihm von vorneherein klar gewesen, dass er Abstriche machen muss. „Hier laufen die Leute in die Fußgängerzone rein und bleiben nicht stehen“, erklärt er. Trotzdem sei dieser Kompromiss für ihn akzeptabel. „Es ist ja nur in diesem Jahr anders.“

Ein paar Meter weiter sieht das Alfred Bertsch dramatischer. „Der Markt leidet schwer am Umbau“, meint er und beklagt „50 Prozent weniger Umsatz.“ Er sei seit 45 Jahren auf dem Weihnachtsmarkt vertreten, „aber so einen schlechten Markt hatten wir noch nie“, schimpft er. Obwohl tagsüber Tausende von Menschen auf der Frankfurter Straße unterwegs seien, laufe das Geschäft an ihm vorbei. „Abends geht es dann“, sagt der Neu-Isenburger, der seinen Glühwein und seinen Kaffee sonst immer direkt vor dem Rathaus ausgeschenkt hat. Er würde sich wünschen, dass sich der Weihnachtsmarkt auf dem Wilhelmsplatz ansiedelt. Die Beschicker des Wochenmarktes müssten dann eben vier Wochen lang enger zusammenrücken. Der Weihnachtsmarkt sei in diesem Jahr einfach zu weit auseinander gezogen. Einige Geschäfte hätten wohl nicht mitgespielt, wollten ihre Schaufenster nicht von Buden verdeckt haben, mutmaßt er.

Eine Einschätzung, mit der er Recht hat, wie Hans Peter Kampfmann bestätigt. Er ist zusammen mit Klaus Kohlweyer Geschäftsführer von Pro OF und damit auch Mitorganisator des Weihnachtsmarkts. Man habe auf die Anlieger Rücksicht genommen, die keine Bude vor ihrer Tür haben wollten, erklärt er. Trotzdem sei es gelungen, dass man keinem einzigen Interessenten absagen musste. Der Bürgeler Getränkehändler betreibt selbst einen Stand, steht diesmal nicht vor der Bühne am Rathaus, sondern in der Fußgängerzone vor der Santander-Bank – mit 40 bis 50 Prozent weniger Umsatz. „Aber das ist kein Grund zum Heulen“, meint er. Die Frankfurter Straße sei nun mal nicht unbedingt „die Wuchtstraße zum Essen und Trinken“. Kampfmann spricht von fast 10 000 Euro, die ihre gemeinsame Firma für beheizte Wasserschläuche ausgegeben hat. „In der Frankfurter Straße gab es keine entsprechende Infrastruktur.“

Es sei schon ein Gewaltakt gewesen, überhaupt „einen einigermaßen schönen Weihnachtsmarkt aufzustellen“, sagt sein Kompagnon Klaus Kohlweyer und räumt ein, dass „dieses Jahr nicht das Super-Geschäftsjahr wird“. Man habe eben nicht alle Buden auf den Aliceplatz verteilen können, habe dort „eh schon so eng gebaut, wie es nur geht.“ Dass der Betreiber der Kindereisenbahn das zugedachte Areal auf dem Hugenottenplatz verschmähte, ist für Kohlmeyer nur ein temporäres Problem. Im kommenden Jahr sei er wahrscheinlich wieder mit von der Partie.

Sein Kollege Kampfmann bedauert es ein bisschen, dass es in diesem Jahr keinen direkten Anschluss zum Christbaumverkauf an der Ecke Berliner Straße/Herrnstraße gibt. Die „versprengten“ Stände vor dem C&A in der Herrnstraße seien der Tatsache geschuldet, dass Marktbeschicker an ihrem angestammten Platz rund um die Stadtkirche herum bleiben wollten.

Genau dort sitzt Harald Borm und verkauft für die Firma Expoplus Wärmekuscheltiere. „Hier sind die Leute nur auf dem Nachhauseweg“, beklagt er sich. Manchmal sitze er bis mittags und habe noch nichts verkauft. „Ich müsste mit diesem Angebot dort stehen, wo die Kinder hinkommen“, überlegt er. Die Firma habe auch in Mainz, in Münster und in Bad Nauheim eine Bude stehen – „aber das ist kein Vergleich.“ Er habe schon viele Weihnachtsmärkte gesehen, „aber dieser hier würde von mir die schlechteste Bewertung kriegen.“

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