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Totort: Der Discoclub Scala in der Bahnhofstraße.
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Totort: Der Discoclub Scala in der Bahnhofstraße.

Offenbach

Disco in Offenbach gestürmt

  • Danijel Majic
    vonDanijel Majic
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Vier Männer müssen sich vor dem Landgericht Darmstadt wegen eines Angriffs in einer Offenbacher Disco verantworten. Die Anklage lautet auf mehrfache gefährliche Körperverletzung sowie versuchten Totschlag.

Hajo D. hat offenkundig Probleme, die passenden Worte für das zu finden, was er am Morgen des 14. September 2014 beobachten musste. „Die sind einfach reinmarschiert“, gibt er als Zeuge vor der Großen Strafkammer des Darmstädter Landgerichts zu Protokoll. Es geht um einen Angriff, der gut 16 Monate zurückliegt. Eine Gruppe von Männern stürmte damals die Disco Scala in der Offenbacher Bahnhofstraße. Das Ergebnis waren mehrere Verletzte und eine ziemliche ratlose Öffentlichkeit. Erst zwei Wochen später wurden die Vorfälle durch einen anonymen Brief an die Presse bekannt. Die Polizei hatte aus ermittlungstaktischen Gründen geschwiegen. Gerüchte über Rocker-Kriminalität machten die Runde. Die Polizei selbst konnte lange nicht klären, wer von den Verletzten zum Täter- und wer zum Opferkreis gehört.

Fast anderthalb Jahre später sitzen diejenigen, die damals „einfach reinmarschiert“ sind, auf der Anklagebank. Vier Männer: Negjemedin S., Mohammad N., Adnan K., und Tamim A. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, an jenem Septembermorgen „entsprechend einem gemeinsamen Tatplan“, den Türsteher Sinan A. über anderthalb Minuten mit Fäusten, Tritten und einer Flasche traktiert zu haben – auch als dieser schon wehrlos auf dem Boden lag. Einem weiteren Angestellten wurde eine Flasche über den Kopf gezogen, ehe noch ein gänzlich unbeteiligter Gast verprügelt wurde. Die Anklage lautet auf mehrfache gefährliche Körperverletzung sowie versuchten Totschlag.

Allen tut es leid

Die Angeklagten ziehen es vor, sich nur durch vorgelesene Einlassungen zu äußern. Alle gestehen, allen tut es leid, alle verweisen auf ihren hohen Alkoholkonsum. Eine einleuchtende Erklärung für das Geschehen kann oder will keiner von ihnen liefern. Begonnen haben soll der Streit am Eingang zwischen dem Türsteher Sinan A. und Mohammad N. Er habe das Gespräch mit dem Sicherheitsmann gesucht, weil man bereits vorher einmal aneinander geraten war. Ob zwischen ihnen wieder alles okay sei, habe er wissen wollen, berichtet N. Sinan A. aber hätte ihn beleidigt. „Daraufhin habe ich ihn leider ein oder zweimal als Erwiderung geschlagen.“

Das Geschehen wurde von nicht weniger als vier Überwachungskameras festgehalten. Tatsächlich sieht man Mohammad N. zunächst im scheinbar freundlichen Gespräch mit dem Türsteher. Doch dann explodiert der korpulente 26-Jährige förmlich und von einem Moment auf den anderen, bildet sich ein Pulk, der den überraschten Türsteher in den Innenraum drückt. Dort halten weitere Kameras fest, wie das Opfer gegen einen Garderobentresen knallt und zu Boden geht, wo insbesondere Negjemdin S. wild auf ihn einprügelt. Er beruhigt sich kurz. Tritt dann aber noch einmal auf den verletzten Türsteher ein, bevor dieser von einer weiteren Person abgeschirmt wird.

Seine Mittäter stürmen derweil weiter voran, reißen einen Metalldetektor um und rennen auf die Tanzfläche, wo sie den gänzlich unbeteiligten Zeugen E. verprügeln. „Weil ich von meiner Statur und der Kleidung nach vielleicht wie ein Türsteher aussah“, vermutet E, der neben Prellungen und Platzwunden auch einen Trommelfellriss erlitt und bis heute unter den Nachwirkungen des Angriffs leidet.

Eine freundliche Umschreibung

„Ich bin schon öfter in Auseinandersetzungen über das Ziel hinaus geschossen“, sagt Mohammad N. Eine freundliche Umschreibung für insgesamt 17 Einträge im Führungszeugnis seit 2003, davon zehn wegen Körperverletzung. Auch Adnan K. und Negjmedin S. können im wahrsten Sinne des Wortes „einschlägige“ Einträge vorweisen, wenn auch bei Weitem nicht so viele wie Mohammad N. Nicht ganz ins Quartett passt hingegen Tamim A. Der FH-Student war bis zu jenem Septembermorgen nie polizeilich in Erscheinung getreten.

Nach dem ersten von drei Prozesstagen bleiben viele Fragen offen – und es ist zweifelhaft, ob sie geklärt werden. Als einziges Tatopfer sagt der „versehentlich“ verprügelte E. aus, dessen Erklärungen durch seinen Schwager bestätigt werden. Der Angestellte G., der mit einer Flasche geschlagen wurde, will sich – trotz umfassender Einlassung bei der Polizei unmittelbar nach Tat – an kaum etwas erinnern. Sinan A., der Türsteher, der als erstes angegriffen wurde, erscheint erst gar nicht.

Ein Grund könnte darin liegen, dass Sinan A. und G., einem Täter-Opfer-Ausgleich zugestimmt haben. G. hat 14 000, Sinan A. sogar 20 000 Euro von der Tätergruppe erhalten. Das zufällige Opfer E. hingegen hatte den Ausgleich ausgeschlagen.

Man kennt das Spiel bereits. Im September 2014 hatte das Polizeipräsidium Südosthessen bereits beklagt, dass Aussagen zurückgenommen und Anzeigen fallen gelassen würden. „Eine Hülle des Schweigens“ wollte ein Polizeisprecher damals ausgemacht haben. Ob diese sich vor Gericht lüftet, wird sich noch zeigen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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