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Roman Hagelstein sagt die Zukunft voraus, zumindest ungefähr ?

Superforecaster

Dieser Offenbacher ist besser als ein CIA-Agent

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Wie ein Superforecaster das Weltgeschehen vorhersagt - ein Porträt.

Roman Hagelstein ist nicht anzusehen, dass er amerikanische Geheimdienste und internationale Konzerne berät. Keine Agentensonnenbrille, kein schwarzer Anzug, stattdessen kommt der 35-Jährige im sommerlichen Outfit zum Interview mit der Frankfurter Rundschau geradelt.

Als Superforecaster (deutsch: Superprognostiker) sagt Hagelstein in seiner Freizeit das Weltgeschehen voraus. Wird Kim Jong Un in diesem Jahr noch einen Raketentest durchführen? Tritt die britische Premierministerin in den nächsten Monaten zurück? Wo könnte Ebola als Nächstes ausbrechen?

Große Fragen, an denen in der Vergangenheit Geheimdienste und wissenschaftliche Experten häufig gescheitert sind. Prominente Beispiele für dieses Versagen sind in jüngster Vergangenheit der Brexit und die Präsidentschaftswahl in den USA. Doch schon 2011 sahen die US-Geheimdienste dringenden Verbesserungsbedarf bezüglich ihrer Vorhersagen. Also organisierten sie ein Prognose-Turnier, an dem neben Teams aus Wissenschaftlern auch Philip Tetlock mit seinem Good Judgement Project antrat.

Nach über dreißig Jahren Forschung über Expertenwissen war der US-amerikanische Psychologieprofessor zu dem Ergebnis gekommen, dass Doktor X und Professor Y zum Teil schlechtere Prognosen treffen als ein blinder Dartpfeilwurf. Anstatt also eine säuberlich ausgewählte Expertengruppe bei dem Prognose-Turnier anzumelden, rief er in sozialen Netzwerken Otto Normal zum Mitmachen auf. 20.000 Menschen meldeten sich auf seiner Internetplattform Good Judgement Open an und gaben ihre Einschätzungen zu weltpolitischen Fragen ab.

„Nach einem Jahr war offensichtlich, dass das Good Judgement Project alle anderen Teams haushoch schlägt. Die Prognosen waren über 50 Prozent genauer“, erzählt Hagelstein, der in dieser Zeit selbst dazukam. Er interessiert sich für Nachrichten, hat schon als Vierjähriger versucht den „Spiegel“ seiner Eltern zu entziffern. Heute informiert sich der promovierte Volkswirt ungefähr zwei Stunden am Tag in Zeitungen und Podcasts über die Welt. Das ist die Grundlage seiner Einschätzungen.

Kein akademisches Expertenwissen

Eine spezielle Qualifikation als Superprognostiker hat Hagelstein nicht. Genau das ist beim Good Judgement Project ja der Witz: Die Superforecaster verdanken ihre Präzision keinem akademischen Expertenwissen. Stattdessen trägt die Einschätzung jedes Prognostikers einen Teil zu ihrer Genauigkeit bei – Schwarmintelligenz gewissermaßen.

Lediglich die ständige Reflexion des eigenen Standpunktes ist laut Hagelstein notwendig: „Ich habe genauso einen Bias, also Vorurteile, wie alle anderen auch. Aber was die Superforecaster eben richtig machen, ist, dass sie ihren Bias vom Unterbewusstsein ins Bewusstsein verschieben und sich selbst hinterfragen.“

Das eigene Denken überdenken und anzweifeln, anstatt sich in falscher Sicherheit zu wiegen, weil man ein Gebiet intensiv wissenschaftlich erforscht. Das fällt im Team deutlich leichter. Deshalb sei der Austausch auf der Internetplattform so wichtig, findet Hagelstein. Mitmachen kann dort erst mal jeder, doch Superforecaster werden nur die Prognostiker, die zu den besten zwei Prozent eines jeden Jahres gehören. In Deutschland gibt es zurzeit nur drei Superforecaster.

Die Auserwählten können dann für Tetlocks kommerzielles Beratungsunternehmen Good Judgement Inc. arbeiten. So wie Hagelstein. Regierungen und Unternehmen bezahlen Tetlock und seine Superforecaster für einen Blick in die Zukunft. Hagelstein erklärt deren Interesse: „Die, die es sich leisten können, können die besseren Entscheidungen treffen, weil sie auch die besseren Grundlagen haben.“ Dabei geht es um geopolitische und finanzpolitische Prognosen, auf deren Grundlage über Krieg und Frieden, über Investitionen und Einsparungen entschieden wird.

Für Hagelstein steht bei seinem „Nebenjob“ trotz dieser Bedeutungsschwere die Präzision an erster Stelle: „Ich werde nicht meinen Score für Moralität opfern.“ Er blendet bewusst mögliche Folgen der Superforecaster-Prognosen aus, um seine Trefferquote nicht zu ruinieren. Das ist mehr als eine Frage der Ehre. Mittlerweile verdient Hagelstein mit Prognosen und dem Wissen darüber in der eigenen Frankfurter Unternehmensberatung seinen Lebensunterhalt.

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