Klettern als Therapie

Aufwärts für die Seele

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Psychisch kranke Menschen gehen in Offenbach klettern.

Mit verbundenen Augen betastet Martina Girbig den Griff an der Kletterwand, zu dem ihre Spielpartnerin sie geführt hat. Gleich wird sie ein paar Mal um sich selbst gedreht werden und den Griff mit offenen Augen wiederfinden müssen. Keine leichte Aufgabe, die der Klettertrainer den beiden gestellt hat. Aber mit viel Spaß verbunden: Lautes Gelächter begleitet die Suche. Auf den ersten Blick wird an diesem Nachmittag eine typische Anfängergruppe in der Offenbacher Kletterhalle mit den Grundlagen des Sportkletterns vertraut gemacht. Aber die Gruppe, die hier mit Seil, Griffen und Sicherungsgeräten umzugehen lernt, ist eher ungewöhnlich: Es sind Menschen mit seelischen Erkrankungen, die in verschiedenen Einrichtungen der Lebensräume, einem Träger der Gemeindepsychiatrie in Stadt und Kreis Offenbach, Unterstützung finden.

Nachdem sie im vergangenen Jahr bereits zweimal mit ihren Klienten probeklettern waren, wollen Oliver Happ und Ina Moter nun eine regelmäßige Klettergruppe etablieren. Die Lebensräume-Mitarbeiter kamen auf die Idee, da sie selbst gern klettern oder in den Bergen unterwegs sind. „Erst dachten wir daran, etwas in den Alpen zu machen“, sagt Moter. Aber wegen der weiten Anreise hätten sie sich schließlich dagegen entschieden, und überlegt, was sich vor Ort organisieren ließe.

Gründe für das Angebot gibt es viele: „Erst mal ist Bewegung insgesamt Mangelware“, sagt Happ über seine Klienten, die etwa an Schizophrenie, Angst- oder Borderline-Störungen erkrankt sind. Sie nehmen Medikamente, die müde machen, und sind häufig antriebsschwach. Sozialpädagoge Happ und seine Kollegin versprechen sich vom Klettern darüber hinaus „eine Stärkung des Selbstbewusstseins und eine bessere Psychomotorik“, wie Diplom-Pädagogin Moter erläutert. Auch um die sozialen Kontakte gehe es und darum, „sich mehr zuzutrauen – aber auch einfach nur Spaß zu haben“.

Den hat Martina Girbig auf jeden Fall. Sie ist zum zweiten Mal dabei und das Klettern „gefällt mir richtig gut“, erzählt sie; die Art und Weise, „wie man sich da hochbewegt“. Auch ein bisschen aufregend sei das. „Ich hatte zuerst schon Respekt vor der Wand“, sagt sie. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer klettern nicht nur, sondern lernen auch, sich gegenseitig zu sichern. „Das ist schwierig“, findet Martina. Was ihr ebenfalls gefalle, sei, den „richtig guten Kletterern“, die man in der Halle beobachten kann, zuzusehen. Das letzte Mal ist die 35-Jährige, die in einer betreuten Wohngemeinschaft lebt, „die halbe Wand hochgeklettert“. Dieses Mal will sie ein Stückchen weiter kommen.

Sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind heute da, nicht alle waren zuvor schon dabei. „Die Gruppe wechselt“, sagt Sozialpädagoge Happ. „Das hängt auch von der Tagesform der Einzelnen ab.“ Nicht immer könne jemand motiviert werden, mitzukommen, manchmal lasse es auch der aktuelle Gesundheitszustand nicht zu. Happ und Moter schreiben die Teilnahme offen in den Einrichtungen der Lebensräume aus. Sie sprechen zwar auch gezielt Klienten an, aber wählen die Teilnehmer nicht aus. „Wer kommen will, kann mitmachen, und macht so viel, wie er sich traut“, sagt Moter. Und wenn sich jemand zurückziehen wolle, sei das eben so. Die Betreuer begleiten die Klettergruppe in die Halle, sodass jederzeit ein Ansprechpartner für sie da ist.

Angeleitet werden sie von Übungsleiter Sascha Mache und zwei weiteren Trainern in einem separaten Bereich der Kletterhalle, indem auch Tische und Bänke stehen. Für die Kletterer stehen Getränke und Snacks bereit. Nach dem Aufwärmen und dem Griffe suchen geht es in kleinen Gruppen an die Wände, die hier niedriger sind als die einschüchternden, bis zu 18 Meter hohen im Hauptbereich. Einer der Teilnehmer klettert, zwei sichern – ein Trainer je Gruppe passt auf. Für die, die zum ersten Mal dabei sind, sind die ersten Schritte wandaufwärts schwer. Hier unterstützt ein Flaschenzug, den die Trainer aus den Kletterseilen gebaut haben.

Sich sicher zu fühlen, sagt Sascha Mache über das Klettertraining für Menschen mit Behinderungen, sei für diese noch wichtiger als für Gesunde. Er hat hierfür eine spezielle Trainerausbildung beim Deutschen Alpenverein absolviert und ist mit den Lebensräume-Leuten bereits im vergangenen Herbst geklettert. „Was wir machen, ist aber kein therapeutisches Klettern, es geht um das Erleben“, betont er. Während das Klettern mit körperlich eingeschränkten Menschen schon verbreiteter ist, ist eine Gruppe wie diese noch selten.

Erlebter Erfolg

Mache sieht als wichtigen Aspekt dabei die Verantwortung, die man beim Sichern füreinander übernimmt. Auch die Sinne, wie den Tastsinn – etwa beim Griffe ertasten –, anzusprechen, sei von Bedeutung, da durch die Medikamente die sinnliche Wahrnehmung eingeschränkt sei. Für ihn selbst heißt es beim Training mit seelisch kranken Menschen, „sehr vorsichtig und individuell zu schauen, wie geht’s jemandem heute, in der Route, in dem Moment“. Seine eigene Motivation sei dabei, „der inklusive Gedanke; die Kletterhalle für mehr Menschen zugänglich zu machen“.
Die Teilnehmer, die zu Beginn sehr still waren, sind jetzt aufgetaut. Die ersten schaffen es die ganze Wand hoch, einer meistert sogar einen Überhang. Martina Girbig sichert konzentriert ihren Kletterpartner, als sie selbst beim Klettern ins Seil purzelt, nimmt sie es mit einem Lachen.

Manche nehmen sich auch eine Auszeit – gehen eine Zigarette rauchen oder trinken etwas. Auf Leistung kommt es hier nicht an. „Mit jeder gepackten Stufe wächst die Zufriedenheit“, sagt Oliver Happ. Auch wenn die Stufe klein ist. Er erzählt von einem seiner Klienten, der beim letzten Mal erst gar nicht hatte mitkommen wollen. „Er sagte, dass schafft er sowieso nicht.“ Er ließ sich dann aber doch überzeugen, mitzugehen, „kletterte die ganze Wand hoch und war der Letzte, der ging“.

Auch an diesem Nachmittag sind die Erfolgserlebnisse deutlich. Einige gehen von sich aus auf Sascha Mache zu und fragen, ob sie nicht hinunter in die große Halle könnten, um an den ganz hohen Wänden zu klettern. Alle wollen beim nächsten Mal wieder dabei sein – und Martina Girbig hat diesmal schon viel mehr als die halbe Wand geschafft.

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