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Vom Cowboysattel zur Handyhülle

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Von: Andrea-Maria Streb

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Marlon Navarro belebt das Sattlerhandwerk mit seinen Kreationen neu. Er fertigt Taschen und Kleinlederwaren im minimalistischen Design.

In dem kleinen Werkraum in der Wohnung von Marlon Navarro im Süden der Stadt gehen das alte Offenbach mit seiner Tradition als „Lederstadt“ und das neue Offenbach mit seinem Fokus auf Design eine sehenswerte Synthese ein. Dort fertigt der junge Handwerker Taschen und Kleinlederwaren im minimalistischen Design. Viele traditionelle Werkzeuge, die er teils selbst gemacht hat, finden sich dort, sein Lieblingswerkstoff, pflanzlich gegerbtes Leder, Holzschablonen und sogar Farbpigmente. Denn der gelernte Sattler macht alles von Hand und färbt sogar das Leder für manche seiner Produkte selbst.

Sein Handwerk hat er in seinem Heimatland Kuba gelernt. „In der Firma, in der ich meine Ausbildung gemacht habe, haben wir noch Sättel gefertigt – für die Cowboys.“ Denn in Kuba, erzählt er, gebe es große, frei lebende Rinderherden, um die sich noch berittene Hirten kümmern. Fünf Jahre arbeitete Navarro in dem Betrieb, der auch Militär und Polizei ausstattete. Dann hat er begonnen, selbstständig Sandalen und Lederwaren herzustellen, die er über Geschäfte vertrieb.

Aufgehört habe er damit unter anderem, da es immer schwieriger geworden sei, Leder zu bekommen. Er begann ein Geschichtsstudium, bekam aber zunehmend das Gefühl, keine Zukunft in Kuba zu haben. „Ich mochte die Politik nicht; es ist zu viel verboten“, sagt der 32-Jährige. Zu wenig Freiheit, das eigene Leben zu gestalten, zu schlechte Verdienstmöglichkeiten. Weil er Bekannte in Deutschland hatte, entschloss er sich, hierherzukommen. Möglich sei das trotz hoher Ausreisehürden gewesen, „weil ich halb Spanier bin und die spanische Staatsbürgerschaft annehmen konnte“, sagt Navarro. Seine spanischen Großeltern waren einst nach Kuba ausgewandert.

Ziel: Traum verwirklichen

Hier angekommen, arbeitete Navarro zuerst in einer Autowerkstatt, dabei kam ihm die Sattlerei zugute: „Ich habe Reparaturen an Lederteilen gemacht, Sitze bezogen.“ Doch das war seine Sache nicht. „Ich wollte immer mit Leder arbeiten“, sagt er, „mein eigenes Design machen.“ Heute verdient er seinen Lebensunterhalt in einer kleinen Gerberei und stellt seine Lederwaren nach Feierabend und am Wochenende her.

In seinem Atelier gibt es bunte Shopper mit Applikationen, Männerportemonnaies mit farbigen Ziernähten, Fahrradtaschen oder rustikal wirkende, handmodellierte Umhängetaschen. Für die modellierten Stücke verwendet Navarro Blankleder, das pflanzlich gegerbt und eher fest ist. Hat es durch die Modellage einmal seine Form bekommen, behält es sie. Dieses Leder, das vor allem in Naturfarben erhältlich ist, färbt der Sattler auch selbst: So entstehen etwa Handyhüllen in Rot oder Grün, jede ein Unikat, da das Färbergebnis immer anders ausfällt.

„Ich verwende nur in Europa produziertes Leder“, sagt Navarro. Seine Produkte vertreibt er über Märkte wie die Offenbacher Homemadefair sowie über die Internetplattform Dawanda. Dort ist er seit zwei Jahren vertreten, „jetzt läuft das Geschäft langsam an“, sagt er. Seine Preise sind für handgemachte Lederwaren moderat. „Die Käufer können oft den Wert eines Lederprodukts nicht einschätzen“, meint Navarro, „und sie wollen Sachen mit bekannten Namen.“ Auch seien sehr gut gemachte Kunstlederprodukte eine starke Konkurrenz. Entsprechend passt er seine Preise an einen Käuferkreis an, der individuelle, handgemachte Dinge schätzt, aber nicht unbedingt sehr kaufkräftig ist.

Besonders mag der kreative Mann es, wenn Kunden sich mit ihm gemeinsam überlegen, was sie haben wollen. Zurzeit arbeitet er an einer Reproduktion. Eine Tasche aus Marokko, von jahrelangem Gebrauch verschlissen, hat ein Kunde zum Nacharbeiten vorbeigebracht. „Ich verbinde die Vorgaben des Kunden dabei mit meinem eigenen Stil“, sagt Navarro.

Das Geld, das er mit seinen Produkten verdient, steckt er wieder in sein Atelier. Das hat er sich in den vergangenen Jahren nach und nach aufgebaut. „Langsam, langsam“, lacht er, will er so irgendwann seinen Traum verwirklichen: eine Werkstatt mit Laden zu haben und von seinem Handwerk leben zu können.

Anschauen und kaufen kann man Marlon Navarros Produkte am Wochenende 21./22. März beim Designermarkt OF-FFM Connection in „Die Wohnung“, Friedrichsring 45. Samstag 12–18 Uhr, Sonntag 12-17 Uhr. Und online: de.dawanda.com/shop/Sattler-Marlon

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