Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Roberto Priore, Leiter des Offenbacher Jugendamts.
+
Roberto Priore, Leiter des Offenbacher Jugendamts.

Offenbach

Corona-Folgen bei Kindern und Jugendlichen: „Die soziale Ungleichheit hat sich verstärkt“

  • Timur Tinç
    VonTimur Tinç
    schließen

Roberto Priore, Leiter des Offenbacher Jugendamts und des Kita-Eigenbetriebs, blickt mit Sorge auf das neue Schuljahr und die langfristigen Folgen der Coronavirus-Pandemie für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Eingeschränkter Kindertagesstättenbetrieb, Distanz- und Wechselunterricht, keine Vereinsaktivitäten, wenige soziale Kontakte. Die Coronavirus-Pandemie hat Kinder und Jugendliche besonders stark in ihrer Entwicklung getroffen. Roberto Priore hat als Leiter des Offenbacher Jugendamts und des Eigenbetriebs Kindertagesstätten Offenbach (EKO) die Probleme hautnah mitbekommen. „Weder den Schulen noch unserem System ist es gelungen, einen Ausgleich zu finden, um die zusätzliche Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen aufzufangen“, sagt der 47-Jährige. Die eingeschränkten Handlungsspielräume der Institutionen und Einrichtungen hätten „die soziale Ungleichheit noch verstärkt“ sagt der Erziehungswissenschaftler. Um die Nachwirkungen abzufedern, bedürfe es deshalb einer großen Kraftanstrengung aller Einrichtungen und Institutionen, kurz-, mittel- und langfristig.

In den Ferien werden in Offenbach wie vielerorts einige sogenannte Aufholprogramme angeboten. „Aufholprogramm suggeriert, dass man in einer Woche das aufholen soll, was man eineinhalb Jahre nicht hatte. Das geht natürlich nicht“, sagt Priore. Trotzdem wird jede Möglichkeit genutzt, um Kinder und Jugendliche anzusprechen. Die Stadt Offenbach bietet seit Ferienbeginn vielfältige Programme für Kinder und Jugendliche an. Eines davon ist die sogenannte Sommerkita mit dem städtischen Partner „SBL Selbst-Bewusst-Lernen“, bei dem es explizit um den Übergang von der Kita in die Schule geht. Zehn Kinder pro Sommerferienwoche werden mitmachen. „Es gibt einen dringenden Bedarf, der erkannt wurde, und das entsprechende Angebot wird angenommen“, sagt Priore.

Für Jugendliche soll es vor allem Angebote im Freien geben. Im Senefelderquartier gibt es Parcours, und das Soccermobil fährt durch die Stadt. „Die niedrigschwellige Arbeit ist wichtig, um Öffnungen zu schaffen, damit sich die Jugendlichen die Räume aneignen und für sich gestalten“, betont Priore. Das seien Angebot im Kontext der Kinder- und Jugendarbeit, insbesondere um „verloren gegangene“ oder neue Jugendliche wieder an sich zu binden. Schließlich fehlten den Jugendlichen fast eineinhalb Jahre des Experimentierens und des sich Loslösens von Erwachsenen. Die Jugendzentren waren nicht dauerhaft, jedoch die meiste Zeit offen. Aber durch die Hygienevorschriften und die Vorgabe, sich anmelden zu müssen, war alles zu stark reglementiert. „Das nimmt die Essenz von offener Jugendarbeit“, findet Priore.

Die Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen haben in Offenbach indes nicht signifikant zugenommen. Dafür gab es eine hohe Zahl an neuen Hilfen für Kinder, Jugendliche und Familie. Vor allem soziale Ängste und Depressionen hätten massiv zugenommen. In der Einzelfallbetreuung und bei den Hilfen zur Erziehung bräuchte es zumindest temporär mehr Personal, um den jungen Menschen adäquat helfen zu können. Priore musste sich in den vergangenen Monaten mit widersprüchlichen Forderungen an die Politik wenden. Für die Jugendarbeit seien immer die Maximal-Interpretationen aus den Verordnungen herausgelesen worden. So war es möglich, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamts mit Jugendlichen im Freien treffen konnten, um den dringend notwendigen direkten Kontakt aufrechtzuerhalten.

In den Kitas sei es hingegen – neben dem Blick für die Kinder – darum gegangen, maximalen Schutz für die Erzieherinnen und Erzieher zu gewährleisten, weil die Kinder keine Masken tragen mussten. So wurden, gerade zu Beginn der Pandemie, auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freigestellt. „Wir hatten Kollegen, die sich nicht nur infiziert hatten, sondern auch um ihr Leben gekämpft haben“, berichtet Priore.

In diesem April hat die Stadt aufgrund der hohen Inzidenzzahlen – als eine der wenigen Kommunen in Hessen – die Kitas für drei Wochen geschlossen. „Wenn man jetzt die Safekids-Studie liest und es heißt, dass Kinder das Virus gar nicht so stark verbreiten, da denkt man sich schon: War es wirklich notwendig, im April zuzumachen?“, fragt sich Priore. Gerade im Hinblick auf die Folgewirkungen. Es sei damals aber darum gegangen, bei einer Inzidenz von über 300 Verantwortung zu übernehmen.

In den Kitas hat er beobachtet, „egal ob es ein formales Betretungsverbot oder es nur den Aufruf gab, die Kinder zu Hause zu betreuen, es sind in der Tendenz die Kinder weggeblieben, die wir aus pädagogischen Gründen gerne in der Einrichtung gehabt hätten“. Es wurden aber auch Eltern von Kindern gezielt angesprochen, bei denen die Erzieherinnen und Erzieher einen besonderen Betreuungsbedarf erkannt hatten, und die Kinder wurden so in die Kitas geholt. Trotzdem blieben auch die Rückentwicklungen von Kindern, die erst nach langer Zeit zurückkamen, nicht aus, gerade bei der Sprache. „Für manche war die Rückkehr, wie eine neue Eingewöhnung“, sagt Priore.

Für das kommende Schuljahr sei es wichtig, dass die Erwartungen an neu eingeschulte Kinder nicht so sein dürften wie vor Pandemie-Zeiten. „Sonst werden wir Probleme haben“, warnt er.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare