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Migrationsberater Ali Karakale betreut seine Klientinnen Çigdem Iseri und Birsen Basoglu auch mal im Freien.
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Migrationsberater Ali Karakale betreut seine Klientinnen Çigdem Iseri und Birsen Basoglu auch mal im Freien.

Offenbach

Corona: „Die Leute sind unsicher geworden“

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Sprachbarrieren, wegfallende Angebote, Arbeitslosigkeit oder Armut: Die Folgen der Pandemie trifft Migrantinnen und Migranten in Offenbach aus verschiedenen Gründen härter.

Die meisten Menschen, die zu Ali Karakale kommen, sind in einer prekären Situation. Sie haben ihre Wohnung oder ihren Job verloren, haben Schulden, Suchtprobleme oder finden sich im Bürokratiedschungel nicht zurecht. „Es ist nie nur ein Problem“, sagt der gebürtige Türke. Der 53-Jährige ist Migrationsberater bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Offenbach, die vom Bund für Migration und Flüchtlinge gefördert wird. Mit rund 70 Prozent der Menschen, die zu ihm kommen, spricht er Türkisch. Die Coronavirus-Pandemie hat seine Arbeit verändert. Statt in die offene Sprechstunde zu kommen, müssen die Menschen einen Termin ausmachen, entweder in seinem Büro, oder er besucht sie zu Hause.

„Immer wenn eine außergewöhnliche Situation entsteht, sieht man, dass die sozial benachteiligten Gruppen noch mehr benachteiligt werden“, sagt Karakale. 64 Prozent der Menschen in Offenbach haben Migrationshintergrund. Viele von ihnen treffen die Folgen der Pandemie besonders stark, unter anderem weil sie in beengten Wohnverhältnissen leben oder entscheidende Informationen zu spät erhalten. Viele Migranten seien auf Mund-zu-Mund-Propaganda fixiert, aber da viele Treffpunkte geschlossen seien, werde es schwierig, sagt Karakale.

Eine Auffälligkeit an hohen Corona-Infektionen speziell unter Migrant:innen kann die Stadt nicht feststellen. „Dafür gibt es keine Belege“, sagt Gesundheitsdezernentin Sabine Groß (Grüne). Die Sieben-Tage-Inzidenz ist in Offenbach mit 261,7 Fällen weiter ungebrochen hoch. Jeden Monat seien aber andere Stadtteile an der Spitze.

Am Freitag hat die Stadt zwei mobile Testteams vor die zwei größten Moscheen geschickt, wo sich dann auch rund 80 Menschen testen ließen. Demnächst soll es mit Migrantenvereinen einen Termin geben, wo das Thema Impfen explizit angesprochen werden soll, „damit sie in ihren Reihen dafür werben“, sagt Groß. Es werde auch überlegt, mobile Impfteams in die Vereine zu schicken. Und zwar nicht nur für Migrant:innen.

Deren Ängste und Sorgen seien jedenfalls die gleichen, erzählt Ali Karakale. „Die Leute sind unsicher geworden“, berichtet der Diplom-Sozialarbeiter. Es gehe um die Existenzsicherung, die Gesundheit oder die Unterbringung der Kinder. Migrant:innen beträfen einige Punkte etwas anders und härter. Milena Rizova zum Beispiel. Die 44-Jährige ist vor sieben Jahren mit ihren beiden Söhnen aus Bulgarien nach Deutschland gekommen. Bis August arbeitete sie in einem türkischen Café als Kellnerin, vier Stunden täglich für sechs Euro Stundenlohn. Es reichte zumindest, um die Miete für ihre Einzimmerwohnung und Lebensmittel zu bezahlen. Ende August kam der Chef zu Rizova und legte ihr einen Aufhebungsvertrag hin, den sie aus Unwissenheit, was er beinhaltet, unterschrieben hat. „Das ist leider kein seltener Fall“, berichtet Karakale. Statt Kurzarbeit zu beantragen, wie es den Menschen zusteht, würden viele Arbeitgeber:innen diesen Weg wählen. Er hat Rizova geholfen, sich beim Jobcenter anzumelden. „Ich wollte das nie, ich wollte immer arbeiten“, sagt sie.

Karakales Aufgabe ist es, den Menschen Lösungen und Anlaufstellen aufzuzeigen. „Ganz wichtig ist, dass die Leute ihre Selbstständigkeit behalten und nicht abhängig von einem sind“, erklärt er. Das sagt er auch Mariya Stoyanova. Die 29-jährige Bulgarin will einen Pass für ihren zweijährigen Sohn beantragen, der in Offenbach geboren wurde. Dadurch, dass die meisten Behörden fast alles nur noch digital oder am Telefon machen, ist das niedrigschwellige Angebot verschwunden. „Das ist nicht nur für Migranten schwierig, sondern auch für ältere Menschen und Behinderte“, erklärt Karakale. Bei Migranten kommt aber die Sprachbarriere dazu. Da Stoyanova einen Termin im Bürgeramt hat, will er, dass sie die Passangelegenheit selber vor Ort klärt. Er lässt sich eine Vollmacht unterschreiben, die Stoyanova im Amt vorzeigen soll, falls es Verständnisprobleme gibt. Dann könnte die Sachbearbeiterin oder der Sachbearbeiter ihn anrufen.

„Es gibt eine große Hemmschwelle für Telefonate“, berichtet auch Alexandra Tomas vom Freiwilligenzentrum Offenbach. Sie ist eine von 40 Integrationslotsen des Vereins. Vor Corona wurden die Menschen zu Fachstellen begleitet, mittlerweile müssen die Mitarbeitenden dafür sorgen, dass die Gespräche am Telefon überhaupt zustande kommen. Besonders herausfordernd während der Pandemie war und sei es laut Tomas, immer auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Erst kürzlich beim Thema Notbetreuung in Kitas und Schulen habe sich die Sachlage rasend schnell verändert.

Hella-Renata Adelmann betreut zwei alleinerziehende Mütter, deren Kinder bis heute keine Tablets bekommen haben. „Die nehmen am Unterricht mit dem Handy teil, was nur schlecht geht“, erzählt Adelmann. Die Mütter sind verzweifelt, die Kinder kommen in der Schule nicht mehr richtig mit.

Zwar habe die Stadt Offenbach 3000 Tablets verteilt, aber das reiche nicht aus, berichtet auch Karakale. Er betreut zwei Jugendliche, die vor wenigen Monaten mit der Familie nach Deutschland gekommen sind, aber keinen Schulplatz haben. Selbst wenn sie einen Platz bekommen sollten, wäre es aktuell nur im Distanzunterricht möglich. Und dann würden die Endgeräte fehlen.

„Die Chancenungleichheit ist riesengroß. Gerade bei die Schülerinnen und Schülern, die in Intensivklassen betreut werden, wo die Lehrerinnen und Lehrer die Eltern sowieso nicht erreichen“, sagt Sigrid Jacob, Leiterin des Freiwilligenzentrums. Bei Kitas könnten die Integrationslotsen zumindest in Kontakt mit den Leitungen treten, um Härtefallanträge für Eltern auf eine Notbetreuung zu stellen, die zum Beispiel selbst erst gerade Deutsch lernen. „Die Integration muss vorangehen, und wir wollen das aktiv unterstützen“, sagt Alexandra Tomas.

Selbst aktiv werden die Migrant:innen beim Impfen. Birsen Basoglu (78) und Çigdem Iseri (69) haben ihre erste Impfung bereits hinter sich. Was den beiden türkischen Seniorinnen zu schaffen macht, ist die Einsamkeit. „Wir können uns nirgendwo mehr hinsetzen oder unsere Freunde besuchen“, sagt Basoglu. Iseri fühlt sich psychisch am Ende. „Ich fange wegen allem an zu weinen“, erzählt sie. Probleme, mit denen nicht nur Migrant:innen zu kämpfen haben.

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