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Wenn Eltern trinken, leiden die Kinder.

Alkoholismus

Von klein auf für die Eltern stark sein

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Kinder von Suchtkranken leiden oft unter seelischen und körperlichen Problemen. Auf diese Kinder machten Träger der Sucht- und Jugendhilfe jüngst mit einem Aktionstag in der Offenbacher Fußgängerzone aufmerksam – Auftakt zu einer „Aktionswoche Alkohol“ in Stadt und Kreis, die Ende Mai beginnt.

Am Vorabend ihres neunten Geburtstages gibt es Krach. Ihre Mutter hat alles schön gemacht, die Wohnung dekoriert – aber die Eltern haben getrunken und streiten sich; es kommt zu Handgreiflichkeiten. Lena A. (Name geändert) schreitet ein: Sie versucht, die Eltern zu trennen, schiebt den Vater von der Mutter weg. Es ist das erste Ereignis, an das Lena A. sich erinnert, wenn es um das Problem geht, das ihre Kindheit überschattete: den Alkoholismus ihrer Eltern.

Eigentlich sind sie eine ganz normale Familie: Die Mutter gibt Deutschkurse, der Vater ist Journalist. Lena A. scheint wohlversorgt, „meine Mutter war total fürsorglich, fast zu sehr, es war immer Essen da, meine Sachen immer gewaschen“, erzählt die junge Frau, die heute Ende Zwanzig ist und an ihrer Doktorarbeit schreibt.

Mit den Eltern in der Kneipe

Die Neunjährige begreift noch nicht, was hinter den ständigen Streitereien steckt. Dass sie dauernd mit ihren Eltern in die Kneipe geht, ist für sie nichts Ungewöhnliches. Auch dass ihr Vater immer eine Bierflasche offen hat, kommt ihr nicht seltsam vor. Aber nach und nach versteht Lena A.: „Irgendetwas stimmt nicht.“ Und versucht zu helfen. „Trennt euch doch, wenn ihr euch nicht versteht“, sagt sie immer wieder zu ihren Eltern. Mit den Jahren übernimmt sie mehr und mehr Verantwortung, sucht die versteckten Sektflaschen ihrer Mutter, ist die starke Schulter für ihren Vater, wenn er sich betrunken bei ihr ausweint. „Mein Vater war wie ein kleines Kind“, sagt sie.

Die Situation verschlechtert sich, „meine Mutter konnte ich nur noch vormittags ansprechen“, erzählt Lena A. Gespräche werden schwierig: „Es hat mich ganz aggressiv gemacht, wenn ich merkte, sie ist wieder ‚weg‘“, erinnert sie sich. Sie ist wütend, schämt sich, ist aber auch der Vernunftpol in der Familie, drängt die Eltern, Mahnungen zu zahlen, beruhigt. Als Kind hat sie oft Bauchweh, als junge Erwachsene bekommt sie chronische Magenschmerzen.

Zum Reden hat Lena A. als Kind keinen Menschen. Sie lässt nichts auf ihre Eltern kommen, will nicht, dass jemand abfällig über sie spricht. „Das versteht niemand, der es nicht erlebt hat. Wir hatten auch schöne Erlebnisse.“ Was vielleicht geholfen hätte: „Jemand, der gesagt hätte, es steht nicht in deiner Macht, es zu ändern.“ Jemand, der nicht urteilt.

2,6 Millionen Kinder betroffen

Ihr Schicksal teilt Lena A. mit 2,6 Millionen Kindern in Deutschland, berichtet das Suchthilfezentrum Wildhof. Mehr als ein Drittel davon werden später selbst abhängig, entwickeln psychische und gesundheitliche Probleme. Auf diese Kinder machten Träger der Sucht- und Jugendhilfe jüngst mit einem Aktionstag in der Offenbacher Fußgängerzone aufmerksam – Auftakt zu einer „Aktionswoche Alkohol“ in Stadt und Kreis, die Ende Mai beginnt.

„Sensibilisierte Erwachsene, die zuhören und offen sind“, könnten den Kindern Suchtkranker helfen, sagt Birgit Fleck, Sozialpädagogin bei der Caritas in Offenbach. Sie hat den Kontakt zu Lena A. hergestellt. Der Verband plant zurzeit ein Gruppenangebot für betroffene Kinder. Sie sollen dort „Spiel, Spaß und Leichtigkeit, aber auch Strukturen und Verlässlichkeit“ erleben, erläutert Fleck. Alles Dinge, die Kinder von Suchtkranken wenig erfahren. So wie Lena A., die von klein auf für ihre Eltern stark sein musste.

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