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Unterstützen junge Leser: Bonny und ihre Besitzerin Yasmina Förster.

Offenbach

Mit Bonny besser lesen lernen

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Ein echter Hund hilft leseschwachen Kindern in der Offenbacher Kinderbibliothek ihre Schwäche zu überwinden. Bonny, eine junge Briard-Hündin, hört ihnen zu, ohne zu kritisieren. Die Kinderbibliothek ist damit bundesweiter Vorreiter unter den deutschen Bibliotheken.

Zur Feier des Tages trägt Bonny eine rosa Spange, die ihr langes Fell aus dem Gesicht hält, und ein fesches Tuch um den pelzigen Hals. Mit der Gelassenheit eines Profis posiert das junge Tier für die Fotografen und lässt sich von dem Andrang im Dachgeschoss der Stadtbibliothek nicht aus der Ruhe bringen. Kein Wunder – denn genau das ist die eineinhalbjährige Hündin: ein Profi. Ihr Beruf: Lesehund in der Kinderbibliothek. Dort wird sie seit dem vergangenen Herbst eingesetzt, um leseschwache Kinder zu unterstützen.

„Wir sind damit bundesweiter Vorreiter unter den Bibliotheken“, sagt Nicole Köster, die kommissarische Leiterin der Stadtbücherei. Mit dem Lesehund erreiche man „eine individuelle Einstellung auf die einzelnen Kinder und eine nachhaltige Leseförderung.“

Wie das funktioniert, erläutert Yasmina Förster, Mitarbeiterin in der Kinderbibliothek und Besitzerin von Bonny, die sich für das Projekt in Hundgestützter Pädagogik weitergebildet hat. Ebenso wie die Briard-Hündin, die nicht nur ein Lesehund-Seminar in München besucht, sondern auch eine Ausbildung in der Hundeschule Schnauzenwelt zum Lese- und Schulhund absolviert hat.

In dieser Eigenschaft macht sie in der Kinderbücherei vor allem eines: zuhören, ohne zu kritisieren. „Uns geht es etwa um Kinder, die Hemmungen haben, laut zu lesen“, sagt Yasmina Förster. Diese Kinder können Bonny vorlesen – „je nach Stand der Kinder fangen wir mit Büchern an, die nur wenige Worte auf einer Seite und nur wenige Seiten haben“, sagt die Bibliothekarin. Das Vorlesen dauere nicht lange, „höchstens 15 bis 20 Minuten“, dann folgen Spiele mit dem Hund, in denen es um den gelesenen Text geht: „Bonny apportiert dann etwa Kärtchen mit Fragen zum Text oder würfelt.“

Förster ist immer dabei, erklärt den Kindern das Verhalten des großen Hundes und wie man mit ihm umgeht. „Ich erkläre ihnen auch, dass Bonny auf sie hört, wenn sie laut und deutlich Kommandos geben.“ So diene der Lesehund auch als Gesprächsanlass, was der Sprachförderung und Kommunikationsfähigkeit zugute komme. Sonst beschränkt sich Förster darauf, das Kind zu loben, es zu motivieren. „Wenn das Kind merkt, dass es etwas geschafft hat, ist das gut für sein Selbstwertgefühl“, stellt die Hundehalterin fest.

Neben der Arbeit in der Bibliothek wird Bonny auch in einer Kooperation mit der Offenbacher Erich-Kästner-Sprachheilschule eingesetzt. Dort arbeitet der Lesehund mit Kindern der ersten bis fünften Klasse.

„Die Kinder verlieren ihre Hemmungen, werden selbstsicherer und kommen aus den Terminen mit Bonny gelöster und konzentrierter in den Unterricht“, resümiert Schulleiterin Birgit Rabanus. „Wir planen auch Lesehund-Veranstaltungen mit anderen Schulen und mit Kindergärten“, kündigt Sonja Elfe, die Leiterin der Kinderbibliothek, an. Doch auch wenn Bonny durch ihre Ausbildung mit Stress-Situationen umgehen kann, darf man sie nicht überfordern. So kommt das Tier zwar täglich mit Yasmina Förster in die Bücherei, ist aber nur an zwei Tagen in der Woche im Einsatz. „Während der Lesestunde ist sie aktiv, aber dann reicht es auch“, sagt Förster.

Bonny muss auch jährlich bei der Hundeschule Schnauzenwelt ein Seminar besuchen, damit sichergestellt ist, dass sie die Arbeit fortsetzen kann. Die Fortbildung für den Hund, den Förster als Besitzerin auf eigene Kosten angeschafft hat, bezahlt die Stadt, ebenso wie die Versicherung. Zudem erhält Förster einen Futterzuschuss von 30 Euro im Monat – „so wie bei Polizeihunden auch“, vergleicht Förster.

Als ein weiterer Besucher den Raum betritt, verliert Bonny die Contenance und fängt an zu bellen. Auch ein Profi hat irgendwann genug.

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