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Eiszeit in der Relaxzone: Mitarbeiter der CPP Studios gönnen sich eine Pause.

Offenbach

Gleicher Lohn für alle

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Gernot Pflüger ist Geschäftsführer und Inhaber der CPP Studios. Doch Chef des Offenbacher Unternehmens ist er nicht. Denn in der Medienfirma gibt es keine Hierarchien und keine festen Arbeitszeiten, aber für alle dasselbe Gehalt.

Gernot Pflüger ist zwar Geschäftsführer und Inhaber der CPP Studios in Offenbach. Doch der 51-Jährige ist nicht der Chef des Unternehmens. Denn in der Firma gibt es keine Hierarchien, keine festen Arbeitszeiten und keine Boni, aber einen Einheitslohn. Jeder der 22 Beschäftigten entscheidet, wann er zur Arbeit kommt und wie lange er bleibt oder wann er Urlaub nimmt. Niemand zählt die Arbeitstage. Am Jahresende entscheiden die Mitarbeiter gemeinsam mit Pflüger – der als einziger etwas mehr verdient, weil er mit seinem Vermögen haftet – wie viel vom Gewinn in die Firma fließt und wie viel die Mitarbeiter als Sonderzahlung bekommen. 2015 erhielten sie 14 Gehälter, gezahlt wird über Tarif.

Harte Arbeit, kein Paradies

Kann dieses Modell überhaupt funktionieren? Ja, sagt Pflüger. Immerhin existieren die CPP Studios schon seit mehr als 25 Jahren. Der Unternehmer sagt sogar: „Wenn es hier immer nur nach meiner Façon gegangen wäre, wäre die Firma längst tot.“ Die Kollegen, die keine Angst haben müssen, wenn sie ihm die Meinung sagen, hätten ihn vor Fehlentscheidungen bewahrt. Und sie hätten wichtige Ideen eingebracht.

Alles funktioniere besser, weil die Mitarbeiter sich nicht um ihre Karriere kümmern müssten. Denn die habe mit dem ersten Tag der Festanstellung bei CPP ihren Höhepunkt erreicht. So könnten sie sich voll auf die Arbeit konzentrieren. „Aber glauben Sie nicht, hier herrschten paradiesische Zustände. Hier wird sehr hart gearbeitet. Auf 40 Stunden pro Woche kommen wir alle.“

Pflüger betont, er sei kein Humanist oder Antrophosoph. Sein Konzept beruhe auf Erfahrungen. Als Jungunternehmer erlebte er, wie sich das gute Verhältnis zu einem Freund, den er eingestellt hatte, plötzlich radikal veränderte. Der Mann sei fast unterwürfig gewesen. Das gefiel Pflüger nicht. Er will Mitarbeiter auf Augenhöhe. Die Firma beschreibt er als eine Mischung aus Erfinderwerkstatt, Designbüro und Agentur.

Die Meinung des 51-Jährigen ist eine unter vielen. Das findet er gut. Denn die Vorschläge von jungen Leuten, die sich in der Digitalwelt besser auskennen würden als er, zählten so viel wie die von „alten Säcken“. Zwar gibt es auch bei CPP Verantwortliche für jedes Projekt. Doch sie sind es nur für eine bestimmte Zeit.

CPP Studios haben keinen Betriebsrat. „Wir brauchen hier keine Gewerkschaft, weil wir längst einen Schritt weiter sind“, sagt Pflüger selbstbewusst. Dass die Basisdemokratie tatsächlich funktioniert, erlebte er vor einigen Jahren, als gegen sein Votum der Einheitslohn gekippt wurde. Die Älteren fanden es ungerecht, dass ein Neuling soviel verdienen sollte wie sie. Die Mehrheit überstimmte Pflüger, und es wurde ein Stufengehalt eingeführt. Doch es sei total „in die Hose gegangen“ und ein halbes Jahr später wieder abgeschafft worden. Die Jungen hätten sich nicht mehr verantwortlich gefühlt und verlangt, die Besserverdiener sollten die Arbeit machen. Das hatte es vorher nicht gegeben.

Anja Wiese ist seit fast zehn Jahren bei CPP Studios. Früher hatte sie beim Fernsehen und in einer Werbeagentur gearbeitet. Was ihr als Erstes an ihrem neuen Arbeitsplatz auffiel: „Es gab kein Konkurrenz- und Ausschließungsgehabe.“ Jeder fühle sich zuständig. Allen gehe es ums Projekt. „So zu arbeiten, war mein Traum“, sagt sie.

Im Herbst 2015 sind die CPP Studios von der Heyne-Fabrik, wo die Miete drastisch steigen sollte, in die Brockmannstraße gezogen. Auf 1800 Quadratmeter ist in einer ehemaligen Fabrik modernste Technik untergebracht ist. Es gibt Aufnahmestudios, ein kleines Kino, ein Großraumbüro, eine Relaxzone, und ein „Denkzentrum“, wo die Beschäftigten am Konferenztisch diskutieren, der einst Josef Neckermann gehörte. Wichtig findet Pflüger den Musikprobenraum im Keller, „da können wir auch mal die Sau rauslassen“.

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