Wollen trotz Enge nicht auf Autoverkehr verzichten: Weinhändlerpaar Friedrich Pusch und Birgit Berdux-Pusch am Wilhelmsplatz. 
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Wollen trotz Enge nicht auf Autoverkehr verzichten: Weinhändlerpaar Friedrich Pusch und Birgit Berdux-Pusch am Wilhelmsplatz.  

Offenbach

Offenbach: Wilhelmsplatz testweise autofrei

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Drei Monate lang werden zwei Seitenstraßen am Wilhelmsplatz in Offenbach an Markttagen gesperrt. Manchen geht der Beschluss der Koalition im Offenbacher Stadtparlament nicht weit genug, anderen ist schon das zu viel.

Aufgebracht ruft ein Mann mit Schiebermütze einer Radfahrerin hinterher, weil sie neben ihm über den Zebrastreifen geradelt ist. Nebenan quetscht sich ein SUV knapp an zwei Damen vorbei, die inmitten der Abgase Sekt mit Erdbeeren schlürfen. Und überhaupt ist an diesem Freitag – ein Markttag – auf dem Offenbacher Wilhelmsplatz wieder extrem viel los. Während das eigentlich Grund zur Freude ist, mehren sich Stimmen, die eine Reduzierung des Autoverkehrs auf den Straßen im Osten und Westen des Platzes fordern. Nun hat sich die Koalition aus CDU, Grünen, FDP und Freien Wählern zu einem Kompromiss durchgerungen und beschlossen, diese Straßen für Autos und Motorräder zu sperren – an Markttagen von 8 bis 16 Uhr, testweise für drei Monate, Anwohner und Marktbeschicker ausgenommen.

Friedrich Pusch ärgert sich über die Entscheidung. Mit seiner Frau Birgit Berdux-Pusch betreibt er am Wilhelmsplatz einen Weinhandel mit Weinbar. Die beiden haben Unterschriften gegen die Sperrung gesammelt. „Man muss hier das Abholgeschäft ermöglichen“, sagt Pusch. Wie zur Demonstration fährt ein Kunde mit dem Auto vor, der mehrere Kisten Wein kaufen und in den Kofferraum laden will. „Wenn er die Kisten nicht mehr abholen kann, wird es problematisch“, sagt Pusch. Ähnlich geht es Hildegard Höhl, die auf dem Markt Spargel und Erdbeeren verkauft. „Heute morgen hat einer zehn Kilo Spargel geholt“, erzählt sie. Was, wenn er das nicht mehr kann? Wenn gesperrt werden soll, dann nach 17 Uhr, wenn „Schaufahrer“ mit ihren Schlitten den Platz umrundeten, findet Berdux-Pusch.

Wilhelmsplatz gilt als Offenbachs gute Stube

Der von Altbauten, Bäumen und Gastronomie umrahmte Wilhelmsplatz gilt als Offenbachs gute Stube, als einziger Ort in der Innenstadt, der trotz Strukturwandel noch gut – manche sagen: immer besser – funktioniert. Kein Wunder, dass Veränderungen dort umstritten sind. Einigen geht die Autosperrung an Markttagen zu weit, anderen nicht weit genug. Und dann kam noch Corona – und der Wunsch nach mehr Abstand. „Wir hätten uns als Grüne mehr vorstellen können“, gab der Stadtverordnete Edmund Flößer-Zilz im Stadtparlament zu. Und der CDU-Fraktionsvorsitzende Roland Walter sagte, seine Partei habe sich mit dem Thema „etwas schwerer getan“ als die Koalitionspartner.

Die SPD indes forderte noch im Mai eine Sperrung geradean Markttagen – um jetzt für eine Sperrung außerhalbdes Markbetriebs zu plädieren. Die Linke wollte die Sperrung an allen Tagen. Und Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) findet den Test zwar gut, hält den beschlossenen Zeitraum aber für die „absurdeste Lösung, die inhaltlich-sachlich am wenigsten“ nutze. Es müsse einen Weg geben, dass Leute, die viel einkaufen, das auch weiter mit dem Auto tun könnten.

Jochen Teichmann von der Initiative Radentscheid Offenbach begrüßt, dass mit der Teilsperrung auch fünf Autoparkplätze zu Fahrradstellplätzen umgewidmet werden. Auch für Lastenräder. Gewünscht hätte er sich aber eine Komplettsperrung der Seitenstraßen für den Durchgangsverkehr.

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