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Ein kleiner Wald macht am Offenbacher Güterbahnhof Platz für ein Wohn- und Gewerbegebiet. Foto: Monika Müller

Offenbach

Offenbach: Wäldchen am Güterbahnhof gerodet

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    Fabian Scheuermann
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Neben der S-Bahn-Station „Offenbach-Ost“ verschwindet ein Wäldchen und der Ersatz wird im fernen Odenwald gepflanzt. Ähnlich geht ein Bauträger in Langen vor. Naturschutzorganisationen kritisieren dieses Vorgehen.

Zweiundsechzig Kilometer liegen zwischen Offenbach und Rimbach – einer kleinen Odenwaldgemeinde in der Nähe Heppenheims. Verbunden werden die beiden ungleichen Kommunen durch das Thema Wald: Denn weil am alten Offenbacher Güterbahnhof ein neues Wohn- und Gewerbequartier entsteht, werden 2550 Quadratmeter Rimbacher Wiesenfläche zu einem Waldstück aufgeforstet. Die Pflanzung ist eine Ausgleichsmaßnahme für die Rodung eines 4430 Quadratmeter großen Waldstücks auf dem Güterbahnhofareal neben der S-Bahn-Station Offenbach-Ost, die in den vergangenen Tagen vonstatten ging.

die Stämme des Wäldchens türmen sich neben der Straße „In der Kalkwiese“. 

Das Quartier 4.0, das dort entsteht, wird ein Viertel mit Büros, 300 Wohnungen, Geschäften, Park, Gymnasium und Flächen für emissionsarme Industrienutzungen. Derzeit pflügen Bagger über das Areal, die Stämme des Wäldchens türmen sich neben der Straße In der Kalkwiese.

Der naturschutzrechtliche Ausgleich für das vom Quartier in Anspruch genommene Areal erfolgt nahe dem Stadtteil Bürgel, wo im vergangenen Sommer eine Wiese samt Wassermulde und Röhricht angelegt wurde. Bürgel ist nicht weit vom alten Güterbahnhof entfernt. Auf die Frage, warum nicht auch der Wald in der Nähe neu gepflanzt werde, erwidert eine Sprecherin des Projektentwicklers Aurelis, dass mehrere Forstämter in der Gegend keine bepflanzbaren Flächen hätten vermitteln können: „Erst das Forstamt Lampertheim konnte uns eine Fläche im Odenwald zuweisen, die allerdings in der Größe nicht ausreichend war.“ Deshalb musste das Unternehmen zusätzlich eine „Walderhaltungsabgabe“ zahlen.

„Quartier 4.0“

Das Geländedes ehemaligen Güterbahnhofs nördlich der S-Bahn-Station Offenbach-Ost ist knapp neun Hektar groß. Dort entsteht ab Frühjahr bis 2024 das Quartier 4.0: ein Viertel mit Wohnungen, Büros, Geschäften, einem Park und einem Gymnasium sowie emissionsarmen Industrienutzungen.

Mehr Informationenzu dem Viertel, das vom Immobilienentwickler Aurelis realisiert wird, gibt es auf der Seite www.quartiervierpunktnull.de

Dass ein Waldstück weitab der Rodungsstelle nachgepflanzt werde, sei ein „gängiges Verfahren“, sagt der Leiter des auch für Offenbach zuständigen Forstamts Langen, Roland Piper. Es sei „sehr schwierig“ in Rhein-Main Flächen zu finden. „Wir haben öfters Anfragen, ob wir im Kreis Offenbach Flächen zur Verfügung stellen können, wir mussten diese Anfragen aber weitergeben, an Forstämter außerhalb des Ballungsraums.“ Mark Harthun von Nabu Hessen, bedauert genau das. Denn fachlich sei es „natürlich sinnvoller, den Waldausgleich so nah wie möglich am Eingriff vorzunehmen“. Dies hätte „eine viel größere naturschutzfachliche Bedeutung als die Waldmehrung in den ohnehin schon waldreichsten Landesteilen.“ Doch leider entscheide bei dem Thema oft das Geld, sagt Harthun: „Grundstücke im Ballungsraum sind erheblich teurer als in abgelegenen, waldreichen Mittelgebirgen.“

Thomas Norgall, Naturschutzreferent des BUND Hessen, kritisiert ebenfalls die große Entfernung zwischen Rodungs- und Aufforstungsflächen. „Durch diese Praxis wird der Waldanteil im Ballungsraum immer geringer.“ Das sei für Mensch und Natur schädlich, da Erholungs- und ökologischer Ausgleichsraum verschwinde.

Ebenfalls bei Rimbach lässt ein Bauträger aufforsten, der am Langerner Steinberg 80 Wohneinheiten baut. Die Kleespies Rhein-Main-Süd GmbH aus Jossgrund rodet dafür eine Grünfläche östlich der Konrad-Adenauer-Straße. Das 7000 Quadratmeter große Baugrundstück sei im Lauf der Jahre mit Bäumen und Sträuchern zugewachsen, berichtet Bürgermeister Frieder Gebhardt (SPD).

Für die Grünfläche, die in den nächsten Tagen dem Bagger zum Opfer fällt, habe der Bauträger eine Ersatzbepflanzung nachzuweisen. In Langen sei eine Aufforstung aber kaum möglich. Die Stadt selbst habe Kompensationsflächen für Rodungen für den Bau der Nord-Umgehung „ziemlich verpulvert“, so Gebhardt. Vor allem in der Nord-Gemarkung seien kleinere und größere Flächen, die brachliegende Äcker waren, mit Bäumen bepflanzt worden.

Einige Bürger hatten im Internet angeregt, Kleespies solle die Ausgleichspflanzungen doch statt in Rimbach in der Sehring-Kiesgrube am Langener Waldsee vornehmen. Das sei aber nicht möglich, sagt Gebhardt: Rekultivierung habe mit Ersatzbepflanzung „nichts zu tun“. Die Firma Sehring müsse für die Flächen, die es ausbaggert, selbst anderswo zur „Wiedergutmachung“ aufforsten.

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