Die Offenbacher Bismarckstraße führt prominent am Hauptbahnhof entlang.  
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Die Offenbacher Bismarckstraße führt prominent am Hauptbahnhof entlang.  

Offenbach

Offenbach: Umbenennung der Bismarckstraße gefordert

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Ein Offenbacher Aktivist nutzt das Momentum der „Black Lives Matter“-Proteste und startet eine Petition für die Umbenennung der Bismarckstraße - wegen dessen Rolle im Kolonialismus. Die AfD indes sieht die „Identität der Deutschen“ in Gefahr.

Vielerorts werden infolge der antirassistischen „Black Lives Matter“-Proteste alte Autoritäten infrage gestellt, Forderungen nach dem Abbau von Statuen und nach der Umbenennung von Straßen werden laut. Auch in Offenbach: Dort fordert der Student Felix Sauer seit Sonntag mit einer Onlinepetition die Umbenennung der Bismarckstraße am Hauptbahnhof. Er schlägt vor, die Straße nach Erwin Kostedde zu benennen – einem prominenten afrodeutschen Fußballspieler, der auch für die Kickers spielte. Oder nach dem Rapper Aykut Anhan aka Haftbefehl – eine der bekanntesten Offenbacher mit Migrationsgeschichte.

Historische Einordnung

Dem rennommierten Historiker Jürgen Zimmerer scheint eine Einordnung Otto von Bismarcks gar nicht so schwer zu fallen: 2015 schrieb er für die Bundeszentrale für politische Bildung: „Die Rücksichtslosigkeit gegenüber afrikanischen Interessen und afrikanischen Herrschaftszusammenhängen wurden zur Hypothek auch des unabhängigen Afrika und Ursache teils virulenter Minderheitenkonflikte“.

Bismarcks Erklärung bei einer Konferenzeröffnung, Ziel sei es, „den Eingeborenen Afrikas den Anschluß an die Zivilisation zu ermöglichen, indem das Innere dieses Kontinents für den Handel erschlossen“ werde, könne als Paradebeispiel kolonialistischer
Weltsicht gelten, schreibt Zimmerer.

Eine Erinnerung Bismarcks müsse diese „globalen Auswirkungen seines Handelns berücksichtigen“. fab

In seiner Zeit als Reichskanzler habe Otto von Bismarck die Kolonisierung Afrikas mitorganisiert, lautet der Kern von Sauers Kritik – daher sei er für die „Ermordung von Millionen von Menschen mitverantwortlich“. In den sozialen Netzwerken erfuhr Sauer für seinen Vorstoß zwar auch Unterstützung – vor allem aber Kritik, wie er erzählt. Oft sei auf Bismarcks Sozialreformen verwiesen worden – kaum jedoch auf Negatives. Es sei Zeit für eine Neubewertung solch historischer Personen: „Hier werden die falschen Leute geehrt.“

Der 29-Jährige weiß, dass Straßen nicht nach lebenden Personen benannt werden. Er wollte mit den Vorschlägen Kostedde und Haftbefehl aber die Diskussion anregen, sagt Sauer – und schlägt eine Abstimmung über den neuen Namen vor. Auch müsse man weitere Straßennamen hinterfragen: Etwa einen nach dem Gründer des Deutschen Ledermuseums, Hugo Eberhardt, benannten Weg. Der Historiker Andreas Hansert hatte vergangenes Jahr in einem Buch ausführlich dargelegt, wie sehr sich Eberhardt bei den Nazis angebiedert hatte. Das Thema soll von der AG Straßenbenennung der Stadtverordneten besprochen werden – doch die tagt derzeit nicht.

Die politischen Reaktionen auf die Petition sind unterschiedlich. Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) sagt, er sei „kein Bismarck-Fan“, könne aber einige seiner Leistungen anerkennen. Für eine Umbenennung brauche es einen „breiten Konsens“ – vor allem, was das historische Urteil angeht. Dazu benötige man den Input einer „fachlich kompetent besetzten historischen Kommission“.

Unterstützung erfährt Sauer von der Linken: Deren Stadtverordneter Sven Malsy fordert gar eine „vollständige Sichtung“ aller Offenbacher Straßennamen. Als Vorschlag für eine Neubenennung wirft er Raymonde Tillon in den Ring – eine kommunistische Widerstandskämpferin aus Offenbachs Partnerstadt Puteaux.

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Dominik Schwagereit lehnt eine Umbenennung ab. Straßennamen seien „Zeugnisse der Geschichte“ und „in ihrer Zeit zu sehen“. Die Fraktionsgeschäftsführerin der Offenbacher CDU, Anja Fröhlich, schlägt vor, das Thema in der Straßennamen-AG zu besprechen: „Von schnellen Entscheidungen, aufgrund von aufgeheizten Tagesdebatten, raten wir ab.“ Frank Grobe, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im hessischen Landtag, äußerte sich besorgt über Vorschläge, Bismarck-Denkmäler und -Straßennamen zu ändern: Niemand sei „völlig frei von Verfehlungen“. Es tobe ein „Kulturkampf“, der „die Deutschen von ihrer Identität trennen“ wolle.

Mehr Infos zur Petition: bit.ly/2YE82TE.

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