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Saskia Brabänder und Ines Langer (rechts) wollen aus Apfeltrester etwas ganz Neues schaffen. 

Offenbach

Offenbach: Studentinnen entwickeln ein Leder aus Äpfeln

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Ines Langer und Saskia Brabänder entwickeln in einer Küche an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung ein neues, lederartiges, regionales Produkt aus Apfeltrester.

Ines Langer und Saskia Brabänder stehen wahrscheinlich auch in diesem Moment wieder in ihrer Offenbacher Küche und experimentieren mit Apfeltrester. Das Abfallprodukt aus der Apfelsaft- und Apfelweinproduktion bestimmt derzeit den Alltag der beiden Studentinnen: Denn sie wollen den Trester zu einem Stoff weiterverarbeiten, der optisch und haptisch Leder ähnelt – sich aber deutlich ökologischer zusammensetzt.

„Ebbeltex“ soll das Produkt einmal heißen. Im Rahmen des „Hessen-Ideen-Stipendiums“ wird das Projekt der beiden seit Januar ein halbes Jahr lang mit 2000 Euro monatlich unterstützt. Am Ende der Projektlaufzeit könnte die Gründung eines Unternehmens stehen. Dank des Geldes ist es den Studentinnen möglich, tagtäglich in jener Küche im Keller der Hochschule für Gestaltung (HfG) mit Trester und diversen weiteren, noch geheimen Zutaten zu experimentieren. Vorher haben sie in Langers Frankfurter WG-Küche an dem Material gearbeitet. „Ich musste meinem Mitbewohner zur Entschädigung mehrere Apfelkuchen backen“, erzählt Langer augenzwinkernd. In der HfG haben sie nun mehr Platz und außerdem die Möglichkeit, mehrere Kubikmeter Trester einzufrieren.

Die gepressten Apfelreste haben Langer und Brabänder in Keltereien aus der Region besorgt. Dass man aus regionalen und nachwachsenden Rohstoffen ein Gebrauchsprodukt schaffen könnte, das zudem noch komplett vegan ist, begeistert die beiden. Was aber genau aus dem weiterverarbeiteten Apfelabfall entstehen wird, ist noch unklar. Es könnten zum Beispiel Armbänder oder Portemonnaies sein, sagt Langer, die an der HfG Design studiert. Doch die 34-Jährige hat auch ganz andere Dinge im Sinn: Vielleicht gelinge es ja, die Autoindustrie für das neue Material zu begeistern, sagt sie. Statt Ledersitzen könnte man sich vielleicht künftig in E-Autos auf „Ebbeltex“ setzen. Langer hat Erfahrung im Bereich der Automobilgestaltung.

Das Stipendium

Das Land Hessenunterstützt mit dem „Hessen-Ideen-Stipendium“ seit drei Jahren Studierende, Hochschul-Absolventen und Doktoranden für je ein halbes Jahr bei der Umsetzung von Ideen zur Unternehmensgründung.

Ausgewählte Gründerteamsaus hessischen Hochschulen erhalten während des Stipendienzeitraums eine Geldspritze von monatlich 2000 Euro.

Eine Bewerbungzum nächsten Programmdurchlauf ist bis zum 31. März möglich. Beginn ist der 1. Juli 2020.

Mehr Informationenzu dem Stipendium gibt es im Internet auf der Seite hessen-ideen.de/stipendium.

Wer Apfeltrester zu vergebenhat, kann sich unter info@ebbeltex.de an Langer und Brabänder wenden. fab

Design trifft Umwelt

In Saskia Brabänder, die in Gießen Umweltmanagement studiert, fand Langer die perfekte Partnerin für das Vorhaben. Brabänder betont, dass man nicht an einem „Lederimitat“ arbeite. Denn Ebbeltex werde andere Eigenschaften haben und sich auch anders anfühlen, vielleicht ein bisschen wie Kork. „Aber wir benutzen den Begriff Leder, damit sich die Leute etwas darunter vorstellen können“, sagt Brabänder, die wie Langer aus Rüsselsheim kommt.

Längst ist die Lederindustrie keine regionale Industrie mehr: Selbst in Deutschlands ehemaliger Lederhauptstadt Offenbach hat sich nur eine Handvoll kleinerer Lederproduzenten erhalten, gegerbt werden die Tierhäute heute meist in Asien und das oft unter schlechten bis menschenunwürdigen und ungesunden Arbeitsbedingungen. Und natürlich müssen Tiere sterben, wenn Leder produziert werden soll – erst letzte Woche haben Tierrechtsaktivistinnen und -aktivisten am Eingang der Internationalen Lederwarenmesse in Offenbach wieder einmal dagegen demonstriert. All das macht den Gedanken, das robuste Traditionsprodukt nach und nach durch etwas anderes, Ökologischeres zu ersetzen, reizvoll. Es ist ein Gedanke, der in die Zeit passt.

Schon jetzt gibt es zum Beispiel Uhrenarmbänder aus Apfelresten. Langer und Brabänder erklären aber, dass diese Produkte ähnlich wie Kunstleder oft auch Chemikalien und Plastik enthalten. Sie hingegen wollen ein durch und durch ökologisches Produkt entwickeln – dass man sich im Herzen einer Apfelregion befinde und deshalb quasi in fast jedem Ort Bezugspunkte für den Ebbeltex-Rohstoff habe, sei besonders charmant. Wird Trester nicht zu Schnaps verarbeitet, wird er oft als Futtermittel verkauft. Aber: „So manche Familienkelterei weiß oft nicht wohin mit dem Trester, für manche ist es immer noch ein Abfallprodukt“, weiß Langer. Sollte Ebbeltex erfolgreich sein, wird sich das womöglich ändern.

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