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Wilkommen in Offenbach! Der Haupteingang zur S-Bahn-Station am Marktplatz. 

Offenbach

Offenbach: S-Bahn-Station am Marktplatz wird zum Versuchslabor

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Die Bahn will die S-Bahn-Station am Offenbacher Marktplatz zum bundesweiten Vorzeigehalt umbauen. Bestehende Geschäfte mussten deshalb aber schließen.

Es gibt kaum einen überdachten Ort in Offenbach, der so ungemütlich ist wie die zugige B-Ebene der S-Bahn-Station am Marktplatz. Trotzdem holten sich viele Pendlerinnen und Pendler genau dort bislang täglich eine Portion menschliche Wärme ab: An der „Backstation“, deren Verkäuferin stets ein Lächeln auf den Lippen hatte, wenn sie einem das morgendliche Croissant über die Theke reichte. Und im Mini-Markt von Asjad Hussain Shah, der zeitgleich mit der Station 1995 aufmachte – und wo man auch dann noch pakistanische Gemüsetaschen bekam, wenn in der restlichen Offenbacher Innenstadt schon längst nichts mehr offen hatte. Doch die Zeiten ändern sich: Vor einigen Tagen haben beide Geschäfte zugemacht. Seitdem ist es in der B-Ebene gefühlt noch ein bisschen kälter geworden.

Bei der Bahn heißt es: „Wir wollen das Einkaufsangebot am Bahnhof attraktiver gestalten, da sich viele Menschen vor Ort hochwertigere Einkaufsmöglichkeiten wünschen.“ Tatsächlich plant die Bahn Großes für die Station am Marktplatz: Als einziger unterirdischer Halt wurde sie zu einem von bundesweit 16 „Zukunftsbahnhöfen“ ernannt, wo neue Gestaltungselemente und Nutzungskonzepte ausprobiert werden sollen. 500 000 Euro stehen bereit, um die Station umzugestalten, um neuartige Wartemöbel zum Anlehnen, Stehen und Sitzen aufzustellen, um WLAN zu installieren und die Beleuchtung zu erneuern. Unter anderem.

Die ansässigen Läden mussten wegen der Sanierung schließen. 

All das soll in diesem Jahr geschehen. In Hofheim am Taunus – Hessens zweitem „Zukunftsbahnhof“ – ist Ähnliches geplant. Angekündigt hat die Bahn dort auch einen Verkaufsstand mit regionalem Angebot. Was von diesen Neuerungen gut ankommt, könnte auf weitere Bahnhöfe übertragen werden. In Offenbach ist zudem auch die Hochschule für Gestaltung (HfG) als lokale Partnerorganisation an der Umgestaltung beteiligt. In einem Seminar nähert sich die Hochschule im laufenden Semester der Frage an, wie man Wartebereiche und Fahrgastinformationen gestalten und platzieren kann, so dass sie zur Nutzung einladen und hilfreicher sind als bisher. In Offenbach sollen „prototypische Konzepte experimentell getestet werden“; heißt es im Semesterprogramm der HfG. Details will die Bahn noch nicht bekanntgeben.

Die Station am Offenbacher Marktplatz gibt seit Jahren – wie einige Haltestellen in der Region – ein recht trostloses Bild ab. Zwar hat die Bahn nach Beschwerden über die mangelnde Sauberkeit des Bahnhofs reagiert und eine neue Reinigungsfirma engagiert. Doch entdeckt man beim Gang durch die in Grau gehaltene Station vieles, was verbessert werden könnte: Es fängt bei der kaputten Rolltreppe am Rathaus-Eingang an. Selbst die Absperrgitter, die die Rolltreppe eigentlich absperren sollen, sind schon wieder kaputt. Gearbeitet wird daran derzeit nicht. Ein paar Meter weiter trifft man auf eingeschlagene Scheiben, auf kaputte Fahrschein- und Snack-Automaten und jede Menge Graffiti-Tags, jedoch keine schönen, künstlerischen, sondern schnell dahingeschmierte. Eine einladende Visitenkarte für die Stadt – so viel ist klar – ist die Station am Marktplatz derzeit nicht.

Ist das Kunst - oder kann das Weg?: Graffito in der Station „Offenbach-Marktplatz“.

Dementsprechend groß ist im Offenbacher Rathaus die Freude, ins „Zukunftsbahnhof“-Programm aufgenommen worden zu sein. „Die Bedeutung der Station am Marktplatz ist sehr groß für die Stadt“, sagt Offenbachs Mobilitätsdezernentin Sabine Groß (Grüne). Rund 36 000 Menschen sind hier täglich unterwegs, der größte Busknotenpunkt der Stadt liegt nebenan. Zum Vergleich: Am Offenbacher Hauptbahnhof, wo es schon lange keine Läden mehr gibt – geschweige denn einen barrierefreien Gleiszugang – sind pro Tag gerade mal 3800 Pendelnde und Reisende unterwegs. Eine Initiative versucht seit zwei Jahren, den teils leerstehenden Bau mit kulturellem Leben zu füllen.

Was die Station am Marktplatz betrifft, existiert die Hoffnung, dass die „Zukunftsbahnhof“-Initiative Entwicklungen beschleunigt, die sonst deutlich länger dauern würden. Die Mobilitätsdezernentin verspricht sich von der Umgestaltung ganz konkret auch „überregionale Aufmerksamkeit“.

Viele Pendlerinnen und Pendler allerdings scheinen sich gar nichts so Besonderes zu wünschen: Sie erzählen vom Dreck, der noch schneller gesäubert werden könnte, von mehr Sicherheitspersonal, um Vandalismus zu verhindern, und vom Service ganz allgemein. So formuliert ein Mittfünfziger, der mit der S-Bahn von Rodgau zum Offenbacher Marktplatz pendelt, seine Wünsche so: „Verständliche Durchsagen wären schön. Und funktionierende Rolltreppen und Aufzüge auch.“

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