So sah das 35 Hektar große Gelände noch vor ein paar Jahren aus – fast alles wurde seitdem abgerissen. Foto: Stadt Offenbach/Hessen-Luftbild-Axel-Häsler
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So sah das 35 Hektar große Gelände noch vor ein paar Jahren aus – fast alles wurde seitdem abgerissen. 

Offenbach

Offenbach: Riesiges Chemieareal wird Gewerbegebiet

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Die Entwicklung der landesweit größten bebaubaren innerstädtischen Fläche im Osten Offenbachs beginnt. Im Boden vermutet man noch viele Altlasten.

Chronik

Am Anfang stand Deutschlands erste Teerdestillationsfabrik: Eine solche gründete 1842 Ernst Sell auf dem heutigen „Clariant-Areal“ im Osten Offenbachs. In der Fabrik wurde unter anderem Desinfektionsmittel produziert,

Die Oehler-Werke bauten die Technik aus und stellten am Standort ab 1851 erste synthetische Farben her. Es folgten Griesheim Elektron, IG Farben, Naphtol und 1953 die Farbwerke Hoechst, die das Werk ausbauten.

Nach der Zerschlagung der Hoechst AG übernahm 1997 die Firma Clariant das Areal und verpachtete es 2001 an Allessa-Chemie – die sich später aber auf den Standort Frankfurt konzentrierte. 2009 endete die Produktion. Seitdem wurden die meisten Bauten auf dem Areal abgerissen. 

Wenn es um die Neuentwicklung des alten Chemieareals im Osten der Offenbacher Innenstadt geht, wird mit Superlativen nicht gegeizt. „Es ist das größte Projekt in Offenbach seit dem S-Bahn-Bau“, sagt Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD). Kämmerer Peter Freier (CDU) findet den Umbau des 35 Hektar großen Geländes sogar „einmalig in Europa“ – weil es direkt am Main und keinen Kilometer vom Offenbacher Zentrum entfernt liegt. Die Stadt will dort in den nächsten zehn bis 15 Jahren ein modernes Gewerbegebiet mit möglichem Schwerpunkt auf den Bereichen Forschung und Design entwickeln – Projektname: Innovationscampus. Mit einer Schlüsselübergabe der bisherigen Inhaberfirma Clariant an den OB wurde vergangene Woche der Startschuss für das städtebauliche Großprojekt gegeben.

Die Stadt hatte das Gelände zuvor nach langen Verhandlungen samt einiger noch dort befindlicher Gebäude – die meisten Bauten wurden nach Schließung des Chemiewerks vor elf Jahren abgerissen – für knapp sieben Millionen Euro gekauft. Jetzt kann die Kommune das Gebiet nach eigenen Vorstellungen entwickeln. Man hofft auf viele neue Arbeitsplätze und Gewerbesteuerzahler.

Sollen bleiben: denkmalgeschützte Lager. 

Ähnlich wie in Offenbachs Westen, wo im letzten Jahrzehnt der alte Ölhafen zu einem beliebten Wohn- und Gewerbegebiet umgewandelt wurde und noch wird, setzt die Stadt auch beim „Innovationscampus“ auf die Person Daniela Matha. Die Geschäftsführerin der Stadtwerke-Tochter „Mainviertel Offenbach“ führt nun auch die frisch gegründete neue Tochtergesellschaft „INNO“, die das alte Chemieareal Stück für Stück entwickeln soll.

„Wir sind noch ganz am Anfang“, sagt Matha. Man wolle nun nach und nach ein Konzept erarbeiten, das klärt, in welchen Abschnitten man die Fläche wie genau entwickeln will. Zunächst müssen aber die Altlasten im Boden entsorgt werden – und das dürften nach 170 Jahren chemischer Produktion einige sein. Matha hofft, bis Ende August ein Gutachterbüro gefunden zu haben, das sich des Themas Altlasten im Detail annimmt. Bereits im Vorfeld der Kaufverhandlungen hatte der Offenbacher Magistrat vier Gutachten zur Altlastensituation erstellen lassen. Trotzdem bleibt das Risiko bestehen, dass die Sanierung des Bodens sehr viel Geld kosten wird. Doch das hat die Stadtpolitik bewusst in Kauf genommen. Die Entwicklung des Areals biete eine „historische Chance für die Stadt“, begründet das OB Schwenke.

Unter anderem für diese alte Halle wird eine kreative Zwischennutzung gesucht. 

Vor Ort kann man sich nur schwer einen Eindruck von der Größe des Areals verschaffen, unter anderem weil Erdhaufen, die vom Abriss alter Anlagen übrig geblieben sind, den Blick verdecken. Im Osten des Areals betreibt der lokale Energieversorger EVO ein Pelletwerk. Und verstreut auf dem Gelände stehen noch eine Handvoll denkmalgeschützter Industriebauten aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Wie beim Hafen denke man über kreative Zwischennutzungen dieser Bauten nach, um das Gelände „schrittweise für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, erzählt Matha. Bereits angelaufen ist Anfang Juli das Kulturfestival „Parkside im Hof“ im schon länger von der Kreativbranche genutzten ehemaligen Sozialgebäude der Chemiefabrik.

Laut „Masterplan 2030“, an dem sich die Politik bei der Offenbacher Stadtentwicklung orientiert, sind auf dem „Innovationscampus“ neben neuen Straßen auch neue öffentliche Plätze und Parks geplant, die mit angrenzenden Grünanlagen vernetzt werden sollen.

Konkrete Pläne gibt es schon für das 1911 erbaute ehemalige Verwaltungsgebäude direkt am Main: Hier soll ein zweites Offenbacher Gründerzentrum eingerichtet werden, in dem Start-ups günstig Räume mieten können – denn die Kapazitäten des bestehenden Gründerzentrums „Ostpol“ im benachbarten Mathildenviertel sind schon lange erschöpft.

Mehr Infos zum Festival: bit.ly/38ZhLbO

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