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„Viele Kinder sind isoliert“: Heselhaus mit ihren Töchtern im Offenbacher Büsingpark. 

Offenbach

Öffnung von Kitas und Grundschulen

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Die Offenbacher Psychologin Vera Heselhaus hat mit anderen betroffenen Müttern eine Petition zur Öffnung von Kitas und Grundschulen gestartet.

So wie in Dänemark, sagt Vera Heselhaus, könne man es doch vielleicht auch in Deutschland machen: Dort haben Kindergärten und -krippen sowie Schulen bis zur 5. Klasse trotz Corona seit Mitte April wieder für alle geöffnet – mit hygienischen Vorgaben und Verhaltensregeln. Um ihrem Anliegen, der baldigen Öffnung von Kitas und Grundschulen, Gehör zu verschaffen, hat die Offenbacher Psychologin Heselhaus vor rund einer Woche mit 16 weiteren Müttern aus dem Bundesgebiet unter dem Titel „Kinder brauchen Kinder“ eine Onlinepetition ins Leben gerufen – bis gestern Abend hatten schon über 53 000 Menschen unterschrieben.

Konkret fordern Heselhaus und ihre Mitstreiterinnen von der Bundesregierung ein Konzept zur schrittweisen Öffnung des Betreuungs- und Bildungsangebots für alle Kinder unter zehn Jahren. Denn: Da kleine Kinder sich nicht allein verabreden könnten, hätten viele von ihnen derzeit keinerlei Außenkontakte. „Wenn man sich komplett an die Corona-Beschränkungen hält, sind die Kinder außerhalb der Familie sozial isoliert“, sagt Heselhaus. Ein paar Wochen lang sei das auszuhalten. Doch länger könne es nicht so bleiben, sonst schade die Situation zu sehr der seelischen Gesundheit vieler Kinder. Es brauche einen konkreten Fahrplan, der aufzeigt, wann kleine Kinder unter welchen Bedingungen wieder Gleichaltrige sehen dürfen.

Die 34-jährige Offenbacherin weiß, wovon sie spricht – arbeitet sie doch in der Ambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Und was sie dort mitbekomme, habe sie schon nach wenigen Wochen der Corona-Beschränkungen alarmiert, sagt sie. So seien bei manchen Kindern infolge des massiv veränderten Alltags Regressionen zu beobachten – also Rückfälle in frühkindliche Verhaltensweisen. „Viele Familien erzählen, dass ihre Kinder anhänglicher und weinerlicher geworden sind, sie wieder gefüttert werden wollen oder sich wieder einnässen“, berichtet Heselhaus. Dass andere Kinder anscheinend recht gut mit der Situation klarkommen, schmälere diese Problematik nicht. Zumal Kinder aus schwierigen oder prekären familiären Verhältnissen, die nun besonders betroffen sein dürften, auch besonders auf gute Betreuungs-, Bildungs- und Bewegungsangebote angewiesen sind.

Dass einige Wochen in der Wahrnehmung eines Kindes bereits „sehr, sehr lang“ sein können, weiß Heselhaus auch aus eigener Erfahrung – hat sie doch zu Hause in Offenbach zwei Kita-Kinder im Alter von drei und fünf Jahren. Die beiden dürften seit kurzem aber wieder in die Notbetreuung. Heselhaus sieht darin keine besondere Gefahr – könne man doch in Kitas mit Kleingruppen vergleichsweise gut nachvollziehen, wer mit wem Kontakt hatte. Für die Psychologin ist bei alldem klar, dass der Infektionsschutz bestmöglich beachtet werden muss.

Sie gibt aber auch zu bedenken, dass immer noch nicht ausreichend geklärt sei, welche Rolle Kinder bei der Verbreitung des neuartigen Coronavirus überhaupt spielen. Dass sich mehrere baden-württembergische Unikliniken nun genau dieses Themas annehmen, begrüße sie sehr.

Und es gibt noch einen anderen Grund, warum sie die baldige Öffnung der Einrichtungen fordert: So ist sie sich sicher, dass die Bereitschaft vieler Eltern zur Einhaltung der Corona-Regelungen sinken werde, wenn die Leute sich von der Politik „nicht gesehen“ fühlten. Auch deshalb müsse ein Fahrplan her. Am Dienstagnachmittag haben die Petitentinnen in einer symbolischen Onlineaktion schon einmal rund 53 000 digital gesammelte Stimmen an den Fraktionsvorsitzender der Grünen im bayrischen Landtag übergeben. Weitere Bundesländer sollen laut Heselhaus folgen: „So wollen wir möglichst viel Aufmerksamkeit für unser Anliegen bekommen.“

Das Vorhaben der 17 Mütter, darunter auch eine Ärztin, eine Mikrobiologin und Sozialpädagoginnen, kommt zur richtigen Zeit: In dieser Woche laufen politische Beratungen zum weiteren Vorgehen bei dem Thema. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) war dieser Tage schon einmal vorgeprescht und hatte die dänische Vorgehensweise gelobt.

kinderbrauchenkinder-petition.de

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