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Der Firmensitz des Dentalgroßhändlers Pluradent befindet sich in Offenbach.  

Offenbach

Offenbacher Dentalhändler Pluradent plant zügige Sanierung

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Nach dem Insolvenzantrag stellt die Pluradent-Führungsspitze in Offenbach das alte Geschäftsmodell in Frage und plant eine Neuausrichtung, um im Wettbewerb bestehen zu können.

Die Dentalfirma Pluradent mit Sitz in Offenbach hatte Ende Februar Insolvenz in Eigenregie beantragt, um eine drohende Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. Trotz hoher Verbindlichkeiten ist die neue Führungsspitze zuversichtlich, die finanziellen Probleme ohne Kündigungen zügig lösen zu können und bis zum Sommer die Wende zu schaffen. Das wird aber nicht einfach sein für den nach eigenen Angaben größten Dentalhändler Deutschlands in Familienbesitz, der rund 800 Leute beschäftigt.

Offensichtlich wurde in der Vergangenheit so manche Entwicklung verschlafen. Rechtsanwalt Gordon Geiser von GT Restructuring, der in den Vorstand der Pluradent AG in Offenbach berufen wurde, findet deutliche Worte für die Misere. Er spricht von „alten Geschäftsmodellen“ und „Altlasten“, von denen man sich befreien müsse, um im Wettbewerb bestehen zu können.

Zahnärztin bei der Arbeit.  

Ausgelöst wurde die Krise nach seinen Worten durch auslaufende Kredite im April. Die Banken hätten sie wegen des „offensichtlichen Anpassungsbedarfs des Geschäftsmodells“ und rückläufiger Umsätze nicht verlängern wollen, teilten Geiser und Anwalt Christian Köhler-Ma (GT Restructuring) auf FR-Anfrage mit.

Letzterer ist neuer Geschäftsführer der zur Pluradent-Gruppe gehörenden GLS Logistik in Kassel, die ebenfalls in Eigenverwaltung saniert werden soll. Die Gespräche mit den Banken bezeichnen beide als „den Umständen entsprechend gut“. Inzwischen hat der Gläubigerausschuss getagt. Er ist eine Art Aufsichtsrat im Insolvenzverfahren, in dem die Hauptgläubiger vertreten sind.

Das Unternehmen

Pluradent ist 2001 aus dem Zusammenschluss regionaler, familiengeführter Dentalhändler entstanden. Das Unternehmen beschäftigt heute rund 800 Leute, davon 150 am Hauptsitz in Offenbach. Hinzu kommen 150 Beschäftigte bei GLS Logistik in Kassel. Es gibt 21 Standorte in Deutschland und vier im Ausland.

Mit einem Jahresumsatz von 300 Millionen Euro zählt Pluradent zu den führenden Handels- und Dienstleistungsunternehmen der europäischen Gesundheitsbranche. Es hat nach eigenen Angaben 11 000 Kunden. ags

Pluradent beliefert Zahnärzte, Zahnkliniken und Dentallabore mit Produkten vom Tupfer bis zum Behandlungsstuhl, und es bietet technischen Service und Beratung zu Praxisgründung und -entwicklung an. Die finanzielle Schieflage erklären Geiser und Köhler-Ma nicht nur mit dem Preisverfall im Dentalhandel, vielmehr habe eine „zögerliche Digitalisierung“ die Krise verschärft.

Will heißen, der notwendige Wandel im Unternehmen wurde verpasst. Früher verdiente der Dentalhandel gutes Geld mit dem Verkauf von Verbrauchsmaterialien, die die Zahnärzte gegenüber den Krankenkassen abrechnen konnten. Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen, die günstige Verfügbarkeit derselben Materialien über das Internet und die Entstehung von Zahnarztketten und medizinischen Versorgungszentren haben den Markt grundlegend verändert.

Hinzu kam eine technische Ausstattung der Praxen mit komplexen Geräten, die die Nachfrage nach technischer und sonstiger Beratung erhöht habe, sagen Geiser und Köhler-Ma. Das Problem: Bei Pluradent habe eine „angemessene Vergütung“ dafür gefehlt. Die Dienstleistung sei den Kunden nicht berechnet, sondern quasi als kostenloser Service behandelt worden. Das soll sich jetzt ändern.

Verschärft wurde die Situation aber auch durch die Kündigung von 46 Beschäftigten im ersten Halbjahr 2019, die zum Konkurrenten Dental-Bauer (Tübingen) wechselten. Dieser übernahm nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch deren Regionen in Ostdeutschland. Im Januar gab es weitere Kündigungen. Zwei regionale Vertriebsleiter mit insgesamt 70 Beschäftigten verließen die Firma. Sie seien von einem Wettbewerber abgeworben worden, behaupten Geiser und Köhler-Ma.

Einen Betriebsrat gibt es bei Pluradent in Offenbach nicht, jedoch bei GLS in Kassel, so ein Firmensprecher. Beschäftigte dort meldeten sich nach dem Insolvenzantrag bei Verdi. Bei der IG Metall in Frankfurt heißt es, man kenne Pluradent, sei aber nicht in den Insolvenzprozess involviert.

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