Viele Natursteine kommen aus Indien - auch in Offenbach. Foto: Monika Müller.

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Offenbach: Grabsteinkauf mit gutem Gewissen

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Ein Landesgesetz ermöglicht es den Kommunen seit März, Grabsteine aus Kinderarbeit zu verbieten – seit gestern ist auch Offenbach dabei.

Wollen Sie, dass Ihre Großmutter unter dem Blut indischer Kinder begraben wird?“ Es sind drastische Worte, die Ex-Sozialminister Norbert Blüm als Schirmherr einer Zertifizierungsstelle gegen Kinderarbeit einmal für den Vertrieb von Grabsteinen gefunden hat, für die Kinder geknechtet wurden. Drastisch genug, um auch Jahre später noch zitiert zu werden. Denn nach wie vor wird ein Großteil des in Deutschland verwendeten Natursteins aus Asien, etwa aus Indien und Vietnam, importiert. Nichtregierungsorganisationen klagen Kinderarbeit in den dortigen Steinbrüchen an. Doch unter welchen Bedingungen ein Grabstein entstanden ist, wird hierzulande oft nicht überprüft.

In Offenbach soll nun genau das getan werden: Die Koalition aus CDU, Grünen, FDP und Freien Wählern hat in der gestrigen Sitzung des Stadtparlaments eine Änderung der Friedhofssatzung beschlossen. Künftig ist es im Stadtgebiet verboten, „Grabmale aus ausbeuterischer Kinderarbeit“ aufzustellen. Grundlage ist eine im März vom Landtag beschlossene Änderung des hessischen Friedhofs- und Bestattungsgesetzes, die den Kommunen den Erlass solcher Verbote ermöglicht. Das Votum der Stadtverordneten führt dazu, dass lokale Steinmetzbetriebe fortan die Herkunft ihres Natursteinmaterials dokumentieren oder das Zertifikat einer Prüforganisation vorlegen müssen. In Ausnahmefällen reicht eine schriftliche Erklärung des Verkäufers, ihm seien keine Anhaltspunkte für Kinderarbeit bekannt.

„Wir wissen, dass wir damit keine globalen Handelsströme umlenken, aber wir können an dieser Stelle den Grundsatz ‚global denken, lokal handeln‘ im besten Sinne umsetzen“, sagt Tobias Dondelinger von den Offenbacher Grünen. Der Stadtverordnete hat das Thema mit seiner Fraktion vorangetrieben – und bei den anderen Parteien breite Unterstützung gefunden. „Wir lehnen Kinderarbeit aufs Schärfste ab“, sagt der Fraktionsvorsitzende der FDP, Dominik Schwagereit, deshalb trage man die Initiative der Grünen mit. Die Koalitionspartner CDU und Freie Wähler sind ebenfalls dabei.

Auch die SPD und die Linken haben dem Vorhaben in Offenbach gestern Abend zugestimmt. Die Sozialdemokraten weisen auf einen Antrag aus dem Jahr 2012 hin: Schon damals gab es im Stadtparlament Bestrebungen, Grabsteine aus Kinderarbeit auf kommunaler Ebene zu verbieten – erst jetzt hat das Land aber die Möglichkeit dazu geschaffen. Seitdem haben bereits mehrere hessische Städte wie Wiesbaden und Darmstadt ein Kinderarbeitsverbot bei Grabsteinen beschlossen (siehe Beitrag rechts).

Während bei der Verurteilung von Kinderarbeit in den Rathäusern in der Regel Einigkeit herrscht, gibt es Unterschiede bei der Einschätzung, wie gut sich ein solches Verbot umsetzen lässt – auch in Offenbach. So hält Anja Fröhlich, die Fraktionsgeschäftsführerin der CDU, die von den Steinmetzbetrieben geforderte Dokumentation für ein „gutes Mittel, um hier Kinderarbeit auszuschließen“, der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Dennis Lehmann, äußert deutliche Skepsis: Eine schriftliche Versicherung lasse sich „schwer bis gar nicht kontrollieren“.

Genau dieser Punkt war es, der in Baden-Württemberg vor einigen Jahren für Ärger sorgte: Das Bundesland hatte es den Kommunen 2012 als eines der ersten Länder ermöglicht, Verbote gegen den Einsatz von Grabsteinen auszusprechen, die nicht nachweislich ohne Kinderarbeit hergestellt wurden. Doch der Verwaltungsgerichtshof des Landes kippte das Verbot 2015 wieder, nachdem vielerorts Steinmetzbetriebe Klage gegen die neuen Friedhofssatzungen ihrer Städte eingereicht hatten. In der Urteilsbegründung hieß es, die Aussagekraft der Siegel für Grabsteine aus Kinderarbeit sei ungeklärt, und den Steinmetzbetrieben könne der Nachweis einer Lieferkette ohne Kinderarbeit nicht zugemutet werden. Die Frage wird seitdem bundesweit diskutiert: Zwar existieren Zertifizierungen von mehreren Anbietern, immer wieder kommt aber das Argument auf, diese reichten nicht aus.

In Hessen haben sich die Steinmetzbetriebe anscheinend recht schnell mit der neuen Gesetzeslage arrangiert, die in immer mehr Kommunen umgesetzt wird. Mit dem Mehr an Bürokratie, das der Nachweis von Lieferketten für die von ihnen bearbeiteten Steine mit sich bringe, „können wir leben“, sagt Karl-Heinz Damm. Der Landesinnungsmeister des Steinmetz- und Bildhauerhandwerks führt einen Betrieb bei Gießen und war als Fachmann in die Beratungen zum neuen Friedhofsgesetz involviert. Auch Martin Mikulas, der bei der Offenbacher Steinwerkstatt Schneider als Steinmetzmeister arbeitet, kommt mit den Neuerungen klar. Man dokumentiere die Herkunft der Steine schon jetzt freiwillig, erzählt er: „Wir können die gesamte Lieferkette bis nach Indien nachweisen.“

Eines betonen aber beide Steinmetze: Ihrer Ansicht nach seien die kleineren Natursteine, die es im Baumarkt zu kaufen gibt und die etwa bei der Pflasterung von Hofeinfahrten zum Einsatz kommen, das größere Problem. Kleine Steine könnten besser von Kindern bearbeitet werden als die großen, schweren Brocken, die roh nach Europa verschifft und hier verarbeitet würden.

Immer wieder hört man von Steinmetzbetrieben auch, es gebe bei großen Steinen gar keine Kinderarbeit. Dem widerspricht der Geschäftsführer des Zertifizierers Xertifix, Walter Schmidt. So habe man in indischen Steinbrüchen Kinderarbeit an großen Brocken dokumentiert. Man habe Kinder und Jugendliche beobachtet, wie sie zu dritt einen schweren Bohrhammer bedienten, um Löcher ins Gestein zu treiben. Dort platzierten sie Sprengsätze, um Blöcke aus dem Gestein zu sprengen.

Schmidt verweist auch auf eine Studie der Hochschule Düsseldorf und das Buch des Politikwissenschaftlers Walter Eberlei, „Grabsteine aus Kinderhand“. Wer Belege dafür suche, dass Kinder in den Steinbrüchen Indiens arbeiteten, könne dort nachlesen; dabei gehe es sowohl um kleine als auch um große Steine. Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation zufolge sind weltweit mehr als 150 Millionen Kinder gezwungen zu arbeiten, manche davon unter sklavereiähnlichen Arbeitsverhältnissen.

Offenbachs Planungsdezernent Paul-Gerhard Weiß (FDP) betont, die Stadt treffe auch beim Straßenbau Vorkehrungen, um den Einsatz von Natursteinen aus Kinderarbeit auszuschließen. So verlange die Verwaltung bei der Vergabe von Aufträgen, beispielsweise für Pflasterarbeiten, einen Nachweis der Lieferkette. Dies geschehe mit Hilfe eines Formblatts, das der Auftragnehmer ausfüllen muss. Der Haken: Intensiv geprüft werden die dort gemachten Angaben anscheinend nicht.

Den Einsatz möglichst fair gehandelter Produkte auf kommunaler Ebene durchzusetzen, sei sowieso ein „dickes Brett“, sagt der Grünen-Stadtverordnete Dondelinger. Das Thema habe in der Verwaltung „nicht immer die oberste Priorität“. Und es treten Probleme auf, mit denen man nicht gerechnet hat: So sind zwar seit einem Stadtverordnetenbeschluss Kaffee, Tee und Zucker, die im Offenbacher Rathaus ausgeschenkt werden, Fair-Trade-zertifiziert. Nicht jedoch Orangensaft und Kekse. Diese müssten aus hygienischen Gründen einzeln verpackt ausgegeben werden und stünden in diesen Größen nicht zertifiziert zur Verfügung, räumt Pressesprecher Fabian El Cheikh ein. „Wir beobachten das Sortiment fair gehandelter Produkte jedoch kontinuierlich und reagieren entsprechend.“

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