OF-Tafel_130820
+
Helena Wolf bestückt den Gabenzaun am Mathildenplatz, Christine Sparr bringt Nachschub.

Offenbach

Nachfrage bei Tafel steigt stark

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
    schließen

Das Helferteam der Offenbacher Tafel versorgt mittlerweile mehr als 800 Haushalte. Für Bedüftige aus der Corona-Risikogruppe wurde ein eigener Lieferdienst eingerichtet.

Noch nie im Leben habe ich so viel gearbeitet“, erzählt Christine Sparr mit Blick auf die Monate seit Beginn der Corona-Pandemie. Wenn die ehrenamtliche Leiterin der Offenbacher Tafel einen solchen Satz sagt, hat das Gewicht – denn wegen der ohnehin schon lange großen Nachfrage haben die Helferinnen und Helfer bei der Tafel sowieso alle Hände voll zu tun. Coronabedingt musste das 16-köpfige Team seine Arbeit in diesem Jahr obendrein aber fast komplett umstellen und ausbauen. Mittlerweile seien es deutlich mehr als 800 Haushalte, die die Tafel mit Lebensmitteln und anderen Waren des täglichen Bedarfs versorge, erzählt Sparr – mehr als zehnmal so viel wie bei der Gründung vor 14 Jahren.

Neu dazugekommen ist jetzt zum Beispiel ein Lieferdienst, bei dem 54 ältere und zur Corona-Risikogruppe gehörende Menschen Lebensmittelrationen nach Hause gebracht bekommen, damit sie nicht an der verbliebenen Ausgabestelle in der Neusalzer Straße am südlichen Ende Offenbachs Schlange stehen müssen. Die zentrumsnahe Ausgabe in der Krafftstraße hatte Sparr schließen müssen, weil die Abstandsregeln dort nicht hätten eingehalten werden können.

Beliefert werde zum Beispiel „eine alte Putzfrau, die im Monat nur 620 Euro Rente bekommt“, sagt Sparr. Mehrere Monate lang sorgte der kostenlose Verleih zweier Autos durch Land Rover dafür, dass einmal wöchentlich Waren zur Risikogruppe gebracht werden können – denn die drei Tafel-Kühlwagen werden benötigt, um Supermärkte abzufahren. Damit das Projekt weitergehen kann, ist jetzt Honda mit zwei SUVs für weitere drei Monate eingesprungen. Ein anderes Unternehmen spendete der Tafel gerade 30 000 Masken.

Mithelfen

Die Offenbacher Tafel ist seit Frühjahr 2018 ein eigenständiger Verein. Vorher gehörte die Anfang 2006 gegründete Einrichtung zur Tafel in Frankfurt.

Wer spenden oder dem Verein sonstige Hilfe zukommen lassen will, kann Leiterin Christine Sparr unter info@tafel-offenbach.de anschreiben oder sie telefonisch unter der Nummer 069/2601 8347 kontaktieren.

Mehr Infos zur Offenbacher Tafel im Internet auf: www.tafel-offenbach.de fab

Christine Sparr ist Sozialarbeiterin. Wenn sie nicht arbeitet, arbeitet sie für die Tafel. Das Handy in der Hosentasche ist ihr mobiles Büro. Ständig klingelt es. Die Mehrarbeit seit Corona konnte sie nur leisten, weil es bei ihr Kurzarbeit gab, wie sie sagt. Und weil sich auch die anderen 15 Ehrenamtlichen ordentlich ins Zeug legten. Etwa Helena Wolf, die bei den Lieferfahrten mitmacht. „Durch die Arbeit bei der Tafel hat sich mein Bild von Offenbach verändert“, erzählt die 23 Jahre alte Maschinenbaustudentin aus Offenbach-Tempelsee.

Wenn man einmal hinschaut, ist die Armut in der Stadt allgegenwärtig. 30 Minuten nachdem Wolf am Freitag den „Gabenzaun“ am Mathildenplatz mit Tüten voller Bananen, Nudeln und Backmischungen bestückt hat, ist alles weg – mitgenommen von Bedürftigen. Auch in die Hans-Böckler-Siedlung im Stadtteil Bürgel liefert die Tafel Nahrungsmittel, weil „sich die Leute kein Fahrkärtchen zur Neusalzer Straße am anderen Ende der Stadt leisten können“, sagt Sparr.

Die 49-Jährige hat so gar nichts Bitteres an sich, wenn sie von der teils krassen Armut in Offenbach erzählt. Die Härte der Situation scheint sie anzutreiben, umso mehr dagegen zu tun. So kaufte sie im Frühjahr zum Beispiel Laptops für arme Jugendliche, die sonst nur schlecht am Homeschooling hätten teilnehmen können. Das Tafel-Team installierte die Internetanschlüsse, erst nachher kümmerte sich Sparr darum, von welchen Spendern sie eigentlich das Geld für ihre Auslagen bekommen kann.

2018, als sich die Offenbacher von der Frankfurter Tafel loslöste, hatte Sparr befürchtet, dass damit die Spenden aus der reichen Nachbarstadt ausblieben. Doch das habe sich nicht bewahrheitet, sagt sie sichtlich erleichtert: „Da ist weiter eine unsichtbare Brücke zwischen unseren Städten.“ Dann führt sie noch ein Telefonat und steigt ins Auto. Es gibt immer was zu tun – und seit Corona noch viel mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare