Grünflächen und Spielplätze gibt es im Offenbacher Nordend kaum. Das soll sich trotz massiver Nachverdichtung ändern. 
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Grünflächen und Spielplätze gibt es im Offenbacher Nordend kaum. Das soll sich trotz massiver Nachverdichtung ändern.  

Offenbach

Offenbach: Millionen fließen in das Nordend

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Das Offenbacher Stadtparlament hat ein 37 Millionen Euro schweres Entwicklungskonzept für den Stadtteil beschlossen. Ein Milieuschutz, wie von der Linken gefordert, kommt aber nicht.

Einen angesagteren Ort als den Goetheplatz am Donnerstagabend findet man in Offenbach wohl nicht. Während die Leute auf dem Märktchen noch ihr Demeter-Gemüse in Jutebeutel packen, wird es auf den Bierbänken vor dem Gin- und Whiskeyladen daneben schon laut. Die Sonne geht unter. Alle Leute hier scheinen zu reden oder zu lachen. Das gilt auch für die älteren Männer am Kiosk neben dem Dönerladen – und für die jungen, die sich im ehemaligen Schleckermarkt Jazz, Poetry Slams und politische Diskussionen anhören. Das Nordend ist beliebt.

„Der innerstädtische Kiezcharakter macht es attraktiv“, sagt Quartiermanager Marcus Schenk. „Vom einfachen Arbeitervolk bis zum Professor“ fühlten sich die Leute wohl in dem Viertel.

Immer in Bewegung: Das Viertel ist zwar eng, aber auch lebendig und vielfältig.  

Das ist aber nur die eine Seite. Denn gleichzeitig steigen die Mieten rasant – und mit jedem Nachverdichtungsprojekt kommen neue Menschen dazu, die die wenigen Grünflächen nutzen wollen, die wenigen öffentlichen Räume mit Aufenthaltsqualität, den einzigen Spielplatz. Dafür, dass das Nordend trotz Nachverdichtung und Klimawandel lebenswert bleibt, wird jetzt viel Geld bereitgestellt.

Vor zwei Jahren schon wurde das Viertel ins Bund-Länder-Förderprogramm „Soziale Stadt“ aufgenommen, das in Hessen „Hegiss“ heißt und in dessen Rahmen Geld fließt, um die Lebensbedingungen im Stadtteil zu verbessern. Bauarbeiten können damit gefördert werden, aber auch soziale, kulturelle oder Bildungsprojekte.

Am Donnerstag haben die Stadtverordneten einstimmig das Entwicklungskonzept für das Nordend beschlossen: Geplant sind in den nächsten zehn Jahren etliche Vorhaben, die zusammengenommen rund 37 Millionen Euro kosten – zwischen 60 und 90 Prozent davon sollen aus dem Hegiss-Fördertopf kommen.

Nordend in Zahlen

12 890 Menschen lebten Ende 2019 im Offenbacher Nordend, das sich vom Hafengelände im Norden – seit kurzem ein eigener Stadtteil – bis zur Berliner Straße im Süden und von der Kaiserstraße im Osten bis zum Goethering im Westen erstreckt – insgesamt 0,7 km².

Das Programmgebiet „Soziale Stadt“ umfasst außerdem den Bereich um die Speyerstraße und einen Teil des Kaiserlei-Viertels – aber nicht den Hafen.

Das Nordend gilt als einer der Stadtteile mit der höchsten Bevölkerungsdichte und mit dem wenigsten Grün. 


Migrationsgeschichte haben mehr als 70 Prozent der Menschen im Nordend. Im statistischen Bezirk „Messehalle“, der weitgehend dem Stadtteil entspricht, lag der Wert Ende 2019 bei 74,1 Prozent.Höher ist der Anteil nur in der Innenstadt und im Mathildenviertel.

Der Anteil der Arbeitslosen ist im Nordend höher als im Offenbacher Durchschnitt.

Konkret soll zum Beispiel der Parkplatz am Karl-Carstens-Platz an der Berliner Straße in einen kleinen Park umgewandelt werden. Der bekannte „Offenbach“- Schriftzug, der einem Bauprojekt weichen muss, könnte dort platziert werden. Der Goethering wird zur Allee mit breiten Bürgersteigen. Und ganz grundsätzlich sollen Blockinnenbereiche, Vorgärten und Schulhöfe umgestaltet werden – um nur einige Punkte des Entwicklungsplans zu nennen. Sprich: Der Stadtteil soll etwas lebenswerter werden.

„Wir brauchen diese Form der Stadtentwicklung“, sagte die grüne Stadtverordnete Sabine Leithäuser bei der Sitzung des Stadtparlaments am Donnerstag. Dem stimmt Quartiermanager Schenk zu. Vor allem der Mangel an Grünflächen und die oft niedrige Aufenthaltsqualität des vor allem für Autos gestalteten öffentlichen Raums seien Themen, die im Nordend immer wieder zur Sprache kämen, erzählt er. Die Leute im immer dichter bebauten Quartier hätten eine regelrechte Gier nach Grün.

Kein Wunder, dass es zu Nutzungskonflikten am nahegelegenen Hafenplatz kommt, wo sich die Bewohnerinnen und Bewohner der neuen Eigentumswohnungen im Sommer über die lauten Geräusche beschweren, für die vor allem Jugendliche sorgen, die es aus dem engen Nordend heraus an den Hafen drängt.

Schenk erzählt, dass ihn in letzter Zeit auch immer mehr Menschen auf die Themen Klimawandel und Stadterhitzung ansprechen. Mehr Grün tue not im Stadtteil. Deshalb freue er sich sehr auf die im Entwicklungskonzept festgeschriebenen Vorhaben. Die Stadt wolle sie nun nach und nach angehen, sagt ein Sprecher.

Viel wird passieren im Offenbacher Nordend. Eines wird es dort auf absehbare Zeit jedoch nicht geben: eine Milieuschutzsatzung, wie sie etwa in Frankfurt vielerorts gilt. Die Stadtverordneten haben am Donnerstag die Einführung eines solchen Instruments abgelehnt. Gefordert hatte es die Fraktion der Linken, Unterstützung kam von der SPD. Eine städtebauliche Aufwertung gehe – auch wenn man sie begrüße – „immer mit Mietsteigerungen einher“, sagte Linken-Fraktionsvorsitzende Elke Kreiss. Mit einer Schutzsatzung jedoch könne man Luxussanierungen und die Verdrängung ärmerer Menschen aus dem Viertel verhindern.

Es gebe im Nordend gar kein „greifbares Milieu“, das man schützen könne, argumentierte dagegen die grüne Stadtverordnete Leithäuser im Namen der Koalition. Dafür sei die Rate der Weg- und Zuzüge zu hoch. Und der FDP-Stadtverordnete Oliver Stirböck sagte, er könne „in einer Aufwertung des Gebiets keinen Nachteil sehen“.

Mehr Infos zur Arbeit des Quartiersmanagements im Nordend gibt es auf www.offenbach.de/leben-in-of/stadtteile-quartiersmanagement/nordend/.  

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