Das Haus Senefelder Straße 79 in Offenbach ist Teil eines Flächendenkmals und eines Ensembles, das der Architekt Ludwig Grundel entwarf.
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Das Haus Senefelder Straße 79 in Offenbach ist Teil eines Flächendenkmals und eines Ensembles, das der Architekt Ludwig Grundel entwarf.

Kündigung nach Kritik

Mietwucher in Offenbach: Elf Betten einzeln vermietet

  • Agnes Schönberger
    vonAgnes Schönberger
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Ein Offenbacher Paar kritisiert die Überbelegung mit Arbeitern in seinem Wohnhaus - und erhält daraufhin eine Kündigung und später eine Räumungsklage.

Wer von Zweckentfremdung, Wuchermieten oder überbelegten Wohnungen hört, dürfte an Bruchbuden denken, die skrupellose Vermieter zu horrenden Preisen an osteuropäische Bauarbeiter vermieten und sich dabei eine goldene Nase verdienen. Doch es gibt auch andere Fälle, wie das Beispiel Senefelder Straße 79 in Offenbach zeigt. Der viergeschossige Bau mit aufwendig gestalteter Backsteinfassade wirkt wie eine Traumimmobilie: Von den Balkonen schweift der Blick ins Grün des Friedrichsparks mit Weiher und Spielplatz.

Das Gebäude liegt in einer beliebten Wohngegend vor allem für Familien, denn Kita, Grundschule und Gymnasium sind in der Nähe. Doch hinter der Fassade des um 1900 erbauten Wohnhauses brodelt es. Nicole Park und ihr Mann Seang-Min Park, die mit den Kindern vor 13 Jahren von Frankfurt nach Offenbach gezogen sind, kritisieren die Zustände als „unerträglich“.

Infos zu Mietwucher

Seit 2005 gibt es in Offenbach unter Federführung des Ordnungsamtes die Arbeitsgruppe „Leistungsmissbrauch“, in der sich städtische Ämter, Finanzamt, Polizei und Zollfahndung austauschen und Strategien zur Aufdeckung von Mietwucher entwickeln. Die AG hat sich bis heute 59 Mal getroffen. Geprüft wurden Häuser und Wohnungen, die durch illegalen Müll oder Überbelegung aufgefallen sind.

Unzulässig hohe Mieten beschäftigen auch das kommunale Jobcenter. Von Januar bis August 2020 wurden 112 Fälle von Mietwucher festgestellt, mehr als doppelt so viele wie in 2019 und 2018 zusammen. In der Folge kürzt die Behörde die Kosten der Unterkunft. Einsparung seit 2016: rund 355 000 Euro. Überhöhte Mieten werden der Polizei gemeldet, die dann in eigener Zuständigkeit Strafanzeige wegen Mietwucher stellt.

Jüngster Fall von Mietwucher : Am 26. August wurde in Offenbach ein Ehepaar festgenommen, das über Jahre bis zu 40 Arbeiter, vorwiegend aus Rumänien und Bulgarien, zu horrenden Mieten – teils für einzelne Matratzen – auf engstem Raum untergebracht hatte.

Seit 2018 wohnten regelmäßig bis zu zwölf osteuropäische Bauarbeiter in der Wohnung unter ihnen und bis zu fünf Männer in einer Einzimmerwohnung unterm Dach, erzählt Park. Er betont, er habe nichts gegen Osteuropäer, er selbst habe ja einen Migrationshintergrund. Doch die Überbelegung habe zu einer ständigen Lärmbelästigung, zu Dreck und Gestank geführt.

Offenbach: Nach Beschwerden kam die Klage auf Räumung

Es sei laut gewesen, im Treppenhaus wurde telefoniert. Etliche Untermieter hätten keinen Schlüssel gehabt und bei ihnen geklingelt. Besonders schlimm sei es an Wochenenden gewesen. Dann hätten die alkoholisierten Arbeiter die Nacht durchgefeiert. Nicole Park sagt, sie habe Angst gehabt, den Männern im Treppenhaus zu begegnen.

Das Paar beschwerte sich immer wieder. Doch es änderte sich nichts. Im Gegenteil: Es wurde ihnen nahegelegt auszuziehen. Später wurde mit Kündigung gedroht, im Juni 2020 folgte die Klage auf Räumung, der ihr Anwalt widersprochen hat. Noch wohnen die Parks im Haus.

Mietwucher in Offenbach: Ärger mit dem Vermieter seit 2018

Seang-Min Park wandte sich Anfang des Jahres an die Stadt Offenbach. Mehrmals war die Bauaufsicht vor Ort. Im März wurde laut Park die Kellerwohnung versiegelt. Sie sei, obwohl als Wohnung ungeeignet, an ein Paar vermietet worden. Am 25. Mai stellte die Bauaufsicht fest, dass die Wohnung im 2. Stock illegal als „Beherbergungsbetrieb mit Einzelbettenanmietung“ genutzt wurde. Es wurden elf Betten registriert. Die unerlaubte Nutzung wurde untersagt, eine Frist bis Mitte Juni gestellt. Park zufolge waren die Arbeiter bis 27. Juni im Haus. Als die Behörde Ende Juni erneut kontrollierte, waren sie weg. Als am 9. Juli wieder 12 bis 14 Arbeiter einzogen, alarmierte Park die Behörde. Die Bauaufsicht kam noch am selben Tag und versiegelte die Wohnung.

Bereits im Juni startete Park eine Onlinepetition gegen die „Zweckentfremdung von Wohnraum“ (www.aktion-senefelder.de). Er habe, so erzählt er, die Nachbarschaft dafür sensibilisieren wollen, dass das ganze Haus zur Massenunterkunft werden könnte. Die Resonanz war verhalten, es gab 25 Rückmeldungen. Den Mietvertrag für die 130-Quadratmeter-Wohnung für günstige 790 Euro hatte das Ehepaar Park noch mit dem Opa des heutigen Vermieters geschlossen. Bis 2018 sei alles gut gelaufen, sagt Park. Doch dann habe es Ärger wegen einer Mieterhöhung um angeblich 18 Prozent gegeben, die er wegen der in Offenbach gültigen Kappungsgrenze von 15 Prozent nicht akzeptierte. Wegen Wasserflecken mit Schimmel in den Zimmern kürzte er sogar die Miete. Es folgten die Probleme mit den Untermietern.

Mietwucher: Versiegelte Wohnung in der Senefelder Straße 79 in Offenbach.

Mietwucher in Offenbach: Der Ärger geht weiter

Auf die Onlinepetition reagierte der Mieter, der – wohl mit Einverständnis des Vermieters – die Arbeiter als Untermieter einquartierte, mit Androhung einer Unterlassungsklage, weil sie Unwahrheiten enthalte. Der Mieter lebt in Offenbach. Er hat Fragen der FR vom 6. August bis heute nicht beantwortet.

Auf Nachfragen versprach sein Anwalt, am 28. August Auskunft zu den Vorwürfen zu geben. Tatsächlich rief der Anwalt auch an, teilte aber nur mit, dass sein Mandant zum verabredeten Termin nicht erschienen sei.

Die Bauaufsicht hat das Siegel an der Wohnung inzwischen entfernt. Park zufolge sind in den Tagen danach wieder Arbeiter eingezogen. (Agnes Schönberger)

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