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Er stand nur vier Jahre lang – doch ist der von einem HfG-Studenten entworfene „Offenbach-Hills“-Schriftzug in dieser Zeit vielen Leuten sehr ans Herz gewachsen.

Offenbach

HfG gilt als Kreativmotor des städtischen Wandels

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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  • Agnes Schönberger
    Agnes Schönberger
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Die Hochschule für Gestaltung (HfG) hat Offenbachs Entwicklung zur Kreativstadt befeuert. Ein Jubiläum steht an: Seit 50 Jahren ist sie Kunsthochschule des Landes Hessen.

Das große Einkaufscenter mit Parkhaus am Rande des Offenbacher Marktplatzes, ein in Beton gegossener Zeitzeuge der „autogerechten Stadt“, verschwindet. Jeden Tag frisst sich der Abrissbagger weiter durch den Bau. Doch mit dem Gebäude, an dessen Stelle ein Büro- und Wohnkomplex entsteht, ist auch der Schriftzug verschwunden, den manche liebevoll „Offenbach Hills“ genannt haben – in Anlehnung an den ähnlich gestalteten Schriftzug in den Bergen von Hollywood. Die menschenhohen Buchstaben lagern jetzt in einer Halle und warten darauf, dass ein neuer Standort für sie gefunden wird.

Dass es vielen in der Stadt wichtig ist, die Buchstaben wieder aufzustellen, zeigt, wie sich die Wahrnehmung Offenbachs inner- und außerhalb der Stadt gewandelt hat. Offenbach ist irgendwie angesagt und scheint voller Kultur zu sein. Großen Anteil an dieser Imagebildung hat die Hochschule für Gestaltung (HfG). Deren damaliger Student Heinrich Zimmermann hat vor fünf Jahren die „Offenbach Hills“ entworfen und mit der Agentur Urban Media Project dafür gesorgt, dass die Lettern aufgestellt werden – mitten in der Stadt.

Als die Lokalpolitik eine neue Erzählung für ihre vom Strukturwandel und Armut geprägte Stadt suchte, war es naheliegend, auf das Potenzial der „Kreativen Klasse“ zu setzen, die heute als treibende Kraft bei der Veränderung verarmter Stadtteile und Städte gilt. Die Industriestadt wurde hip.

HfG erleben

In den ersten beiden Septemberwochen bespielen Studierende der HfG den öffentlichen Raum Offenbachs und Frankfurts. Im Rahmen der “ HfG-Interventionen#2“ sind ihre Arbeiten etwa auf Werbeflächen zu sehen, an Kreuzungen oder in S-Bahnhöfen. Mehr Infos: interventionen.hfg- offenbach.de

Mehr Informationen zu den genannten Institutionen und Projekten im Internet unter oflovesu.com, project-mo.de und natürlich hfg-offenbach.de fab

Eine Schlüsselfigur dieser Entwicklung ist Kai Vöckler, seit 2010 Stiftungsprofessor an der HfG. Eine seiner Aufgaben in dieser von Stadt und Hochschule gemeinsam getragenen Position ist es, beide Akteure besser zu vernetzen. Vöckler hat Projekte wie den Aufbau der Stadtmarketingplattform oflovesu.com und die Positionierung Offenbachs als „Arrival City“ – inklusive Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum – mitangestoßen und beraten. All das veränderte die Wahrnehmung der Stadt. Und die HfG, so schreibt Vöckler in seinem 2017 erschienenen Buch „Offenbach ist anders“, nehme „eine besondere Rolle als Imageträger für die Stadt“ ein.

Dabei ist die HfG klein: 152 Menschen arbeiten, 787 studieren dort – zwei Drittel im Bereich Kunst, ein Drittel im Bereich Design. 29 Professuren gibt es.

Tatsächlich denken manche heute beim Wort „Offenbach“ mehr an Kultur als an die weiterhin existenten harten sozialen Brüche in der Stadt. Und weil die Mieten noch nicht so hoch sind wie in Frankfurt, ziehen viele Gutverdienende her. Das positive Bild der „Kreativstadt“ wirkt sich somit ganz real auf die Stadtkasse aus. Manche kritisieren, dies führe zu Verdrängung, und Ärmere könnten sich das angesagte Offenbacher Nordend nicht mehr leisten.

Doch die Mehrheit der lokalen Politik wünscht sich diesen Zuzug und forciert ihn. HfG-Professor Vöckler schreibt über das Nordend, in dem er lebt: Eine Veränderung der sozialen Struktur durch den Zuzug von „Kreativen“ und anderen hochqualifizierten und meist auch einkommensstarken Schichten im Stadtteil sei „zu begrüßen“. Greifbar wird diese Entwicklung auch in der S-Bahn-Station am Marktplatz: Wo es bis vor kurzem Sesamringe und pakistanische Teigtaschen gab, werden nun temporär schick designte T-Shirts eines HfG-Absolventen verkauft.

Die HfG gilt als Kreativmotor, der den Strukturwandel von der Industrie- und Lederstadt zur Stadt der Innovation vorantrieb. Der Grundstein für diese Entwicklung wurde bereits vor 50 Jahren mit der Umwandlung der traditionsreichen Werkkunstschule in eine künstlerisch-wissenschaftliche Hochschule des Landes gelegt.

Am 15. September 1970 begann eine neue Epoche. Die HfG erlebte einen Modernisierungsschub mit einer frühzeitigen Weichenstellung in Richtung Neue Medien und Digitalisierung. Die Aufgabe der neuen Hochschule mit den Fachbereichen Architektur, Grafik und Produktgestaltung beschrieb der damalige Rektor Dieter Döpfner so: Ziel sei die Humanisierung der Umwelt. Er forderte eine Arbeitsweise, die praktische Arbeit, theoretische und experimentelle Forschung umfassen sollte. Den „Rangabfall“ zwischen der freien und der angewandten Kunst wollte er überwinden. Sie sei ein Relikt königlicher, großherzoglicher oder fürstlicher Omnipotenz. Modern waren auch seine Überlegungen, das geistes-, gesellschafts- und naturwissenschaftliche Angebot der Frankfurter Universität zu nutzen. Und er plädierte für permanente Wechselbeziehungen zur Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Noch ist unklar, was nach dem Umzug der HfG mit dem alten Campus geschehen soll.

Damals wurde die Basis für den Erfolg und die Einzigartigkeit der HfG gelegt. Bis heute ist Grenzüberschreitung erwünscht. Gleichzeitig gilt der Auftrag, das zweckfrei Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden. Kunst, Medien und Design werden gleichberechtigt gelehrt, Theorie und Gestaltung, Experiment und Produkt, neue und alte Bilderzeugungstechniken wirken zusammen.

Man muss sich die Situation vor 50 Jahren vor Augen führen. Die Unruhen an den Universitäten hatten mit einiger Verspätung auch die Kunsthochschulen erreicht. Döpfner sprach von einer „desolaten Situation“ dieser Schulen, die sich teils selbst verschuldet in eine tödliche Isolierung hineinmanövriert hätten. Den „Zwergkunstschulen“ in Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt und Offenbach sprach er jede Zukunftsfähigkeit ab und forderte eine Fusion zu einer gemeinsamen „Hochschule für Kunst und Gestaltung/Hessen-Süd“. Unter dem damaligen Kultusminister Ludwig von Friedeburg gab es sogar Überlegungen, die Werkkunstschule Offenbach der Städelschule anzugliedern. In Frankfurt war man von dieser Idee aber nicht angetan.

Heute steht die Eigenständigkeit der HfG außer Frage. In Offenbach soll gar ein Designzentrum entstehen; ein entsprechendes Forschungsprojekt unter der Leitung von Professor Frank Zebner läuft bereits. Und beim „Project-Mo“, einem interdisziplinären Zentrum für Mobilitätsdesign, ist die HfG federführend. Und dann ist da natürlich der geplante HfG-Campus am Hafen – 2024 soll er fertig sein.

Die Spitze der Hafenhalbinsel sehen manche übrigens als perfekten Ort für die Offenbach-Hills-Buchstaben an. Von Frankfurt aus kommend wäre es dann das Erste, was man von der Nachbarstadt sähe.

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