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Handarbeit: Laura Brunner und Leonie Martin haben die 900 Buchcover selbst in der HfG gedruckt.

Offenbach

Buchstabenmacher mit Brüchen

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Das neue Buch „Wer, bitte, ist Rudolf Koch?“ soll den etwas in Vergessenheit geratenen Offenbacher Schriftkünstler bekannter machen. Seine Schriftarten sind bis heute weit verbreitet.

Ob beim Brettspiel „Monopoly“ oder auf Postern des Musicals „König der Löwen“ – vielerorts begegnet man Schriftarten, die Rudolf Koch vor allem in den 1920er Jahren in Offenbach entworfen hat. Doch trotz der Berühmtheit einiger dieser Schriftarten – sie heißen „Kabel“ oder „Neuland“ – wissen außer manchen Typografiebegeisterten und Studierenden an der Hochschule für Gestaltung (HfG) selbst in Offenbach viele nicht mehr, wer Koch eigentlich war. Das Buch „Wer, bitte, ist Rudolf Koch?“, herausgegeben vom Offenbacher Klingspor-Museum, versucht nun mit viel Liebe zur Schrift Licht ins Dunkel um den Schriftkünstler zu bringen.

„Koch war ein großer Beiträger für die Schriftkunst“, sagt Museumsleiter Stefan Soltek. Koch unterrichtete an den Technischen Lehranstalten, der heutigen HfG, und arbeitete als künstlerischer Leiter der Schriftgießerei Klingspor. Im danach benannten Museum lagern heute Schriften, Zeichnungen und sogar Wandteppiche Kochs.

Das Buch

Das Buch „Wer, bitte, ist Rudolf Koch?“, ist ab sofort überall erhältlich. Herausgeber: Klingspor Museum Offenbach, 279 Seiten, 25 Euro.

Das neue Buch baut auf vielen Jahren Arbeit zu Kochs Werk am Klingspor-Museum auf und zeigt einen widersprüchlichen Menschen. Einen, der die vielen gesellschaftlichen Brüche der Zwischenkriegszeit in seine Arbeit aufnahm – „authentisch“ nennt das Klingspor-Bibliothekarin Martina Weiß. So war Koch bis zu seinem Tod 1934 sowohl ein glühender Nationalist, der sich von Hitlers Machtantritt begeistert zeigte, als auch ein Lehrer, der jüdische Schüler in Schutz nahm und eine Freundschaft zum Offenbacher Juden Siegfried Guggenheim pflegte. Und Koch hatte Humor – so schickte er Leuten, die seine Schriften interessierten, Postkarten, auf denen in fein gestalteten Lettern zu lesen war: „Lecken Sie mich am Arsch!“

Rudolf Koch.

Viele dieser Facetten und Widersprüche lassen sich auch in dem neuen Buch entdecken. So zeigt es von Koch entworfene Utensilien, die bei Familie Guggenheim am Sederabend Anwendung fanden – einer zeremoniellen Mahlzeit am Beginn des jüdischen Pessach-Festes. Andernorts im Buch ist dann ein Scherenschnitt zu sehen, den Koch anlässlich eines deutschen Siegs gegen Russland 1915 angefertigt hat – „wieder 5000 Russen!“ ist darauf zu lesen. Die Buchkapitel spiegeln die Facetten Kochs wider: Sie heißen zum Beispiel „der Patriot“, „der Christ“ oder „der Expressionist“.

Zusammengetragen hat die Mischung aus Schriften, Texten, Zeichnungen und Fotografien eine ungewöhnliche Gruppe: Für die Gestaltung zeichnen die HfG-Studentinnen Laura Brunner und Leonie Martin verantwortlich; sie haben für die Kapiteltitel je eigene Schriften entworfen. Mitgemacht hat auch der 80-jährige ehrenamtliche Museumsmitarbeiter Peter Bliemel; in jahrelanger Arbeit hat er altdeutsche Handschriften Kochs „übersetzt“. Und auch HfG-Professor Marc Schütz, in dessen Schrift „Neue Kabel“ das Buch gesetzt ist, hat – neben weiteren – mitgewirkt. Schütz und Soltek arbeiten seit einiger Zeit an einer engeren Vernetzung von Klingspor-Museum und HfG. Das nun vorliegende Buch ist der beste Beweis, dass diese Arbeit Früchte trägt.

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