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„Da schwingt mehr mit, als man in Worte fassen kann“: Pfarrer Hans Blamm im Turm von St. Marien.  

Offenbach

Offenbach: Die Botschaft der Glocken von St. Marien

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Pfarrer Hans Blamm betreut im Offenbacher Mathildenviertel das schwerste Geläut im gesamten Bistum Mainz. Gerade in Zeiten von Corona hält er die Botschaften der Glocken für bedeutsam.

Hoch oben im Turm von St. Marien hängen sie: Pfarrer Hans Blamms Glocken. Acht Stück sind es, die schwerste wiegt sechs Tonnen. Und wenn das Geläut beginnt, sind es Holzplatten anstatt dünner Fenster, die dafür sorgen, dass die von den Glocken ausgehenden 120 Dezibel nicht ungebremst über die Dächer des Offenbacher Mathildenviertels schallen. Die Glocken in St. Marien sind das schwerste und tontiefste Geläut im Bistum Mainz. Und es werden ständig mehr: Noch in diesem Jahr sollen zwei weitere Glocken hinzukommen, erzählt Blamm. Eine eigene Stiftung hat die dafür nötigen Spenden gesammelt.

„Diese Glocken sind nicht überlebensnotwendig“, gibt der 68-Jährige zu, der seit 29 Jahren katholischer Pfarrer von St. Marien ist – mitten in Offenbach, wo sich gerade noch ein Drittel der Menschen zum Christentum bekennt. Doch auch wenn sie nicht existenziell seien, trügen die Glocken doch mehrfach am Tag eine besondere Botschaft in die Welt, eine Botschaft, die in schwierigen Zeiten wie diesen besonders wichtig sei, wie Blamm betont: „Sie zeigen der Welt da draußen, dass es mehr gibt als das, was man im Alltag für wichtig hält.“ Der Pfarrer selbst hält stets inne, wenn er Glocken ertönen hört – und fragt sich, ob der Weg, den er am Morgen des Tages eingeschlagen hat, noch der richtige ist oder ob er den Kurs vor Beginn des Abends nicht lieber korrigieren sollte.

St. Marien wurde 1913 anstelle einer Behelfskirche aus Fachwerk errichtet.  

Das traditionelle Ostergeläut von St. Marien, die 1913 in einem Mix aus Neobarock und Jugendstil errichtet wurde, hören sich normalerweise von der Straße aus Hunderte Menschen an. In diesem Jahr fällt es coronabedingt aus. Doch einen Ostergottesdienst will Blamm abhalten – zumindest im kleinen Kreis einiger treuer Gemeindemitglieder. Wenn der gebürtige Offenbacher über die geltenden Corona-Beschränkungen spricht, fällt auf, dass er einer jener Menschen ist, die auch Dinge infrage stellen, die von einer großen Mehrheit befürwortet werden. So stellt Blamm das geltende Gottesdienstverbot infrage und argumentiert, dass man in einer großen Kirche viel besser Sicherheitsabstände einhalten könne als etwa in einem Innenstadt-Supermarkt.

Von der Kirche wünscht er sich „mehr Zunder“ – auch in Zeiten wie diesen. Die Kirche solle öffentlich stärker kritische Positionen beziehen, findet Blamm. Er selbst hilft mit seiner Gemeinde seit über zehn Jahren ganz konkret der Offenbacher Tafel: Als die Einrichtung damals eine Bleibe suchte, bot er Räume von St. Marien an. Seitdem sind auch Gemeindemitglieder jede Woche an der Essensausgabe beteiligt, zu der manchmal Hunderte, darunter viele Alte, kommen. Derzeit wird aber nichts verteilt, die Ausgabestelle ist geschlossen. Essenspakete gibt es nur noch am Stadtrand, wo die Wartenden mehr Platz haben.

Mehr Informationen

Aktuelle Informationen rund um die katholische Gemeinde St. Marien in Offenbach gibt es hier: bistummainz.de/pfarrei/offenbach-st-marien.

Auch eine von Blamms Glocken verkündet jeden Abend um 21 Uhr eine kritische Botschaft: Die Heiliggeistglocke, die 1999 in den Kirchturm gehoben wurde, verbreite seitdem mit ihren Tönen die „Bitte um Frieden“, wie Blamm erklärt – es habe „seitdem keinen Tag gegeben, wo man diese Bitte hätte auslassen müssen“.

„Bei einem Geläut schwingt mehr mit, als man in Worte fassen kann“, sagt Blamm. Es begeistert ihn, wenn die Glocken fein aufeinander abgestimmt sind, wenn die schweren Klöppel die passende Stelle der Glocke im passenden Moment berühren. Wenn noch lange danach Schwingungen zu vernehmen sind. Und so war es naheliegend, dass er, als klar war, dass durch den S-Bahn-Bau in den 90ern entstandene Schäden an der Kirche in Millionenhöhe behoben werden müssen, mit Spenden gleich auch das Geläut ausbauen ließ. „Das Rumpfgeläut von damals hat für Kenner danach geschrien, dass man die Glocken ergänzt“, erzählt Blamm.

Gerne würde er dieser Tage vor mehr Menschen die Osterbotschaft verkünden. Denn es sei eine Botschaft, die nicht nur vom Tod handele, sondern davon, wieder aufzustehen – und „nach Möglichkeiten zu suchen“. Zumindest die Glocken in St. Marien verkünden diese Botschaft dennoch für viele. Mehrfach am Tag.

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