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Mit Skylineblick: Zwischen Wohnungsneubauten und Kohlekran entsteht am Offenbacher Hafen bald noch der Neubau der Hochschule für Gestaltung (HfG).

Stadtentwicklung

Offenbach: Der Bauboom verändert die soziale Durchmischung

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Frankfurt und Offenbach wachsen aufeinander zu, es entstehen verbindende Quartiere. Für manche Normalverdiener wird Wohnraum zu teuer.

Offenbach und Frankfurt kommen sich näher. Gut beobachten kann man das am Kaiserlei: Wo zwischen Baumärkten, Bürotrakten und Brachen bis vor ein paar Jahren noch ein großer Kreisel unter der Autobahn die Fahrten von täglich 66 000 Autos abwickelte, entsteht durch den Bau neuer Zu- und Abfahrten derzeit viel Platz für Neues: Fünf Hochhäuser, etliche Büroblocks, mehrere Hotels, Hunderte Mikroapartments sowie ein neuer Park sind rund um den Verkehrsknotenpunkt auf Offenbacher Gemarkung geplant oder wachsen dort bereits in die Höhe. Die Bebauung nach Frankfurt hin wird dichter. Und sie rückt punktgenau bis zur Stadtgrenze vor.

Auch in Frankfurt sind nach der Entwicklung des Deutschherrnviertels auf dem Sachsenhäuser Schlachthofgelände in den 90er Jahren weitere Begehrlichkeiten entstanden, die Stadt in Richtung Offenbach weiterzubauen. Während Frankfurt nördlich des Mains entlang der Hanauer Landstraße schon seit Jahren immer urbaner und dichter wird, ist südlich des Flusses ein Neubau der Europäischen Schule auf dem Sportgelände Mainwasen im Gespräch. Der Frankfurter Architekt Karl Richter schlug jüngst vor, einen Großteil des von Sportplätzen und Kleingärten besetzten Areals zwischen Sachsenhausen und Kaiserlei mit Wohnungen zu bebauen. 3000 Menschen könnten dort einmal leben, schätzt Richter. Und ein Stück weiter, an der 2018 eröffneten Kaiserleipromenade, an deren Bordsteinkante Frankfurt auf Offenbach trifft, ist weiterhin der Bau einer Multifunktionsarena angedacht.

Doch das ist – ebenso wie die für die andere Mainseite vorgeschlagenen Neubauten für die Städtischen Bühnen – noch Zukunftsmusik. Deutlich konkreter sind da die Planungen einige Kilometer östlich auf dem Offenbacher Hafengelände. Anstelle des alten Ölhafens ist dort in den letzten Jahren ein Wohn-, Geschäfts- und Kulturquartier entstanden, das Jahr für Jahr weiter in Richtung Frankfurt wächst – zum Jahreswechsel lebten dort bereits rund 1600 Menschen.

Eines der größten Vorhaben am Offenbacher Hafen ist ein Ensemble aus Büro- und Hoteltürmen sowie Geschäften auf der Spitze der Halbinsel zwischen Main und Hafenbecken. Die Vermarktung des Projekts, das auch mit dem Blick auf die Frankfurter Skyline beworben wird, läuft. Rund um die Türme will die Stadt ab Herbst einen „Dünenpark“ anlegen. Am weiter östlich gelegenen Hafenplatz ist ein weiterer Büroturm geplant. Und in der Nähe der S-Bahn-Station Kaiserlei verwandelt die Berliner CG-Gruppe gerade die zwei in die Jahre gekommenen Siemens-Bürotürme in die „New Frankfurt Towers“: Inklusive Neubauten entstehen auf dem 3,5 Hektar großen „Kampus Kaiserlei“ 840 Mikroapartments und Wohnungen, Büros, Läden und Restaurants, ein Fitnessclub mit Schwimmbad, eine Kita und ein Hotel. Die Großbaustelle ist von einigen Frankfurter Mainbrücken aus gut zu sehen.

Viele Menschen, gerade jüngere, empfinden Offenbach und Frankfurt längst als eine Stadt – zumindest aber als gemeinsamen Stadtraum. Kein Wunder, gelangt man mit der S-Bahn doch in zehn Minuten vom einen ins andere Stadtzentrum. Eine Studentin, die an der Frankfurter Goethe-Universität studiert und in Offenbach wohnt, erzählt, dass sie ihre Freizeit ebenso gerne auf der Berger Straße in Frankfurt verbringt wie im Offenbacher Kulturzentrum Hafen 2. Deutlich lieber in Frankfurt unterwegs ist Nico C. – ein junger Mann, der am Flughafen arbeitet und 2017 in ein Mikroapartment am Offenbacher Hafenplatz gezogen ist. Das Gebäude, in dem er wohnt, wird als „Main Atrium Frankfurt-Offenbach“ beworben: Auf dem Dach kann man mit Skylineblick Basketball spielen, es gibt eine „Eventküche“ und einen „Workout-Spot“. All das hat seinen Preis. 21 Quadratmeter Wohnraum kosten dort im Monat 385 Euro – mehr als 18 Euro warm pro Quadratmeter.

Das Beispiel zeigt, dass sich Frankfurt und Offenbach längst auch bei den Mieten annähern. Oder besser gesagt: Offenbach holt – im negativen Sinne – auf. Laut einer Studie des Portals Immowelt sind die Mieten dort bei Neuvermietungen zwischen 2009 und 2019 von im Schnitt 7,30 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter auf 10,10 Euro gestiegen – ein Plus von 38 Prozent. In Frankfurt stiegen die Mieten noch stärker.

Bei den Wohnungs- und Hauspreisen ist die Entwicklung ähnlich. Das sieht man etwa am „Maison Schiller“: einem Mehrfamilienhaus mit 15 Wohnungen, das in einem Hinterhof am Kaiserlei entsteht. Der Investor wirbt mit „exklusivem Wohnen an der Schnittstelle zu Frankfurt“. Eine 2-Zimmer-Wohnung mit 72 Quadratmetern kostet dort 439 999 Euro – ein Preis, wie er vor ein paar Jahren in dieser Lage noch undenkbar gewesen wäre.

Während die Mietwohnungen in Offenbachs Trendvierteln aus Frankfurter Sicht weiterhin günstig sind, können sich manche Offenbacherinnen und Offenbacher die Mieten dort nicht mehr leisten. Die Fraktion der Linken im Stadtparlament hat deshalb kürzlich gefordert, für das beliebte Offenbacher Nordend eine Milieuschutzsatzung zu erlassen, um Luxussanierungen und die Verdrängung ärmerer Menschen zu verhindern. Doch der Antrag fand keine Mehrheit. Oliver Stirböck von der Offenbacher FDP, die mit CDU, Grünen und Freien Wählern eine Koalition bildet, sagte, er könne „in einer Aufwertung des Gebiets keinen Nachteil sehen“. Quartiersmanager Marcus Schenk hingegen hofft, dass „das Offenbacher Nordend nicht zum Frankfurter Nordend wird“.

Mit dem Boom verändert sich auch die soziale Mischung Offenbachs. Mittelschichtler, die in Frankfurt keine 3- oder 4-Zimmer-Wohnung mehr bezahlen können, suchen in der Nachbarstadt. Die lokale Politik hat das über Jahre hinweg gefördert. Man wünsche sich eine „gute Durchmischung“ sagen in der Stadt Vertreter fast aller Fraktionen.

So kam es auch, dass am Hafen keine einzige Sozialwohnung entstanden ist. Der Unterschied des neuen Viertels zum benachbarten Nordend, wo auch viel gebaut wird, ist deutlich. Das zeigt die Statistik: Während der Ausländeranteil im Nordend bei 50 Prozent liegt, sind es im Hafen 24 Prozent – ein sehr niedriger Wert für einen Offenbacher Stadtteil, der sich wohl damit erklären lässt, dass sich viele ärmere Migranten das neue Viertel nicht leisten können. Am Hafenplatz führt die Nähe der Milieus vor allem an Sommerabenden immer wieder zu Konflikten: Dann drängen die Jugendlichen aus den engen Wohnungen ihrer Familien im Nordend auf dem treppenartig angelegten Platz. Dort gibt es den Skylineblick und Frischluft vom Main umsonst. Manch neuer Anwohner reagiert genervt – und ruft wegen Ruhestörung das Ordnungsamt.

In vielerlei Hinsicht unterscheiden sich Frankfurt und Offenbach immer noch sehr. So lag die Arbeitslosenquote in Offenbach im Februar bei 8,7 Prozent – in Frankfurt waren es 5,3. Deutlich sind auch die Unterschiede beim Geld: In Offenbach lag das verfügbare Einkommen pro Person 2016 bei 17 687 Euro. Dieser Wert ist zwar eine rein statistische Größe, da zum Beispiel kleine Kinder kein Einkommen haben – zum Vergleichen taugt er aber allemal. Und siehe da: In Frankfurt lag der Einkommenswert im gleichen Zeitraum bei 21 690 Euro. Zudem haben die Städte extrem unterschiedliche Einkünfte: Zwar leben in Frankfurt nur rund fünfmal so viele Menschen wie in Offenbach – doch nimmt die Stadt über die Gewerbesteuer 34-mal so viel ein wie die Nachbarstadt: 2019 waren es 2,014 Milliarden Euro. In Offenbach: 60 Millionen.

„Wir müssen auch wegen bezahlbaren Wohnens dort Büroraum entwickeln“, sagt Offenbachs Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD), wenn man ihn fragt, warum rund um den Kaiserlei trotz Wohnungsnot fast nur Gewerbe entsteht. Wenn die Gewerbesteuer in der vom Strukturwandel getroffenen ehemaligen Industriestadt Offenbach wieder sprudelt, so der Gedanke, könne sich die Stadt auch wieder den Bau bezahlbarer Wohnungen leisten. Derzeit werden solche zwar von der landeseigenen Nassauischen Heimstätte gebaut – kaum aber von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GBO.

Auch Offenbachs in den letzten Jahren befördertes Image als hipper Kreativstandort soll dazu beitragen, dass mehr Geld in die Stadtkasse strömt. So entschieden sich in letzter Zeit mehrere Frankfurter Firmen für einen Umzug nach Offenbach: Im letzten Jahr etwa die Agentur Kastner, die unter anderem das Werbekonzept für den Energydrink „Red Bull“ betreut. Und die Deutschlandzentrale von Levi’s ist 2017 mit ihren rund 60 Angestellten vom Frankfurter Bahnhofsviertel in eine ehemalige Industriehalle im Offenbacher Nordend gezogen.

Mit der Hochschule für Gestaltung (HfG), die am Hafen einen Neubau erhält, plant Offenbach einen „Designpark“. Das muss kein Ort sein – das Konzept ist vor allem als Stärkung der lokalen kreativen Infrastruktur zu verstehen. Trifft man sich mit Designprofessor Frank Zebner, der das Projekt leitet, fällt in seinen Unterlagen ein Stadtplan ohne Städtenamen auf: Er zeigt Frankfurts Osten und Offenbachs Westen: Der Frankfurter Teil, zwischen EZB und Ratswegkreisel, heißt dort „Eastside“. Auf Offenbacher Gemarkung steht „Designpark“. Die Städte wirken auf der Karte wie eine einzige Metropole. So abwegig ist diese Vorstellung nicht mehr.

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