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Eine Mitarbeiterin der Archäobotanik am Landesamt für Denkmalpflege Hessen in Wiesbaden-Biebrich untersucht am Mikroskop Olivenkerne, die bei Ausgrabungen am römischen Stützpunkt Waldgirmes gefunden wurden.

Wissenschaft

Ötzis Körner und die Archäobotanik

Maria Hopf hat die Erforschung pflanzlicher Reste von Ausgrabungen vorangetrieben. Mit den Erkenntnissen lassen sich auch frühgeschichtliche Kochrezepte rekonstrieren.

Zwei Getreidekörner hingen im Fell von Gletschermann Ötzi, dessen Kleidung und Ausrüstung 1991 im Mainzer Forschungsmuseum RGZM untersucht wurden. "Das war etwas für unsere Archäobotanikerin Maria Hopf", erinnert sich der Leiter der RGZM-Restaurierungswerkstätten, Markus Egg. "Sie hat die schön erhaltenen Funde als Einkorn bestimmt, eine Weizenart." Hopf gilt als Pionierin der Archäobotanik - diese Wissenschaft erforscht Überreste von Pflanzen für die frühe Vegetations- und Agrargeschichte. Nach der 2008 gestorbenen Forscherin soll eine neue Straße in Mainz benannt werden, die voraussichtlich in diesem oder Anfang nächsten Jahres im Universitätsviertel angelegt wird.

"Wo andere bei archäologischen Grabungen auf Relikte menschlicher Bautätigkeit oder Handwerkskunst stießen, erforschte Dr. Maria Hopf vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz die Überreste aus der Pflanzenwelt und gab so Aufschluss über die Entstehung und Entwicklung von Kulturpflanzen", heißt es in der Beschlussvorlage des Stadtrats. Geboren in Wettin bei Halle, studierte Hopf in Berlin bei Elisabeth Schiemann (1881-1972), die sich der Geschichte der Kulturpflanzen widmete. 1956 kam Maria Hopf zum Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) nach Mainz, wo sie 1961 eine eigene Abteilung für Archäobotanik aufbaute. 1979 ging sie in den Ruhestand, behielt aber noch viele Jahre ein Arbeitszimmer im RGZM.

"Ich mochte sie sehr gerne", erinnert sich Angela Kreuz, Leiterin der Archäobotanik der Hessenarchäologie im Landesamt für Denkmalpflege. "Neben ihrem großen Fachwissen hatte sie einen ganz trockenen, verschmitzten Humor." Mit den Ausgrabungen frühgeschichtlicher Siedlungen wie Feddersen Wierde nahe der Wesermündung oder Ehrenstein im Alb-Donau-Kreis stieg die Aufmerksamkeit für pflanzliche Funde. "Damals war alles neu", erinnert sich Professorin Kreuz. "Archäologen waren noch nicht gewohnt, mit Naturwissenschaftlern zusammenzuarbeiten."

Verkohlte Erbsen und Bohnen, die bei Ausgrabungen am Dünsberg bei Gießen gefunden wurden.

Inzwischen werde die archäobotanische Forschung systematisch betrieben und habe methodisch neue Wege eingeschlagen, sagt Kreuz. In ihrem Arbeitsbereich im Schloss in Wiesbaden-Biebrich gehen regelmäßig Bodenproben ein, die durch nasses Sieben aufbereitet und in organisches und mineralisches Material getrennt werden. Pfanzliche Funde werden sorgfältig untersucht. Unterm Mikroskop werden dann etwa verkohlte Erbsen und Bohnen aus der Forschungsgrabung Dünsberg bei Gießen oder Olivenkerne aus dem römischen Stützpunkt Waldgirmes im Lahn-Dill-Kreis bestimmt.

Die Ergebnisse hält Angela Kreuz auch in einer Datenbank für pflanzliche Funde bei ärchäologischen Ausgrabungen fest. Inzwischen erfasst "ArboDat" 1,75 Millionen Pflanzenreste von 435 Pflanzenarten aus mehr als 200 Ausgrabungen. Die Erkenntnisse der Archäobotanik stammten weniger aus spektakulären Funden wie der Gletschermumie Ötzi, erklärt die Wissenschaftlerin. "Wir benötigen ganz viele Momentaufnahmen, um zu einer Epoche wirklich etwas sagen zu können."

Ihr besonderes Interesse gilt der Ernährung. Für die mehr als 7000 Jahre zurückliegende Zeit der Bandkeramik "habe ich 76 Pflanzenarten nachgewiesen, die essbar sind, ohne die Gräser", sagt Kreuz. "Das Essen war viel bunter, als wir es uns üblicherweise vorstellen." Die Nutzung von Wildpflanzen sei von elementarer Bedeutung gewesen, da die angebauten Kulturpflanzen nicht in gleichem Maße Mineralstoffe und Vitamine enthielten.

Frühgeschichtliche  Kochrezepte entwickelt

Kreuz hat aus ihren Erkenntnissen eine Reihe von frühgeschichtlichen Kochrezepten entwickelt, etwa einen "Linseneintopf mit Speck nach Wilma Feuerstein" oder eine gegarte Bachforelle, die mit Wiesenkerbel, Gundermann und Giersch gefüllt und in Blätter von Beinwell eingewickelt wird.

"Was der Mensch mit den Pflanzen macht - das war die große Leidenschaft von Maria Hopf", erinnert sich Egg am RGZM, dem Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie. Die Nutzung von Gräsern im frühen Ackerbau sei für sie ein zentraler Moment der Menschheitsentwicklung gewesen. "Das hat sie bewegt, für die Wissenschaft hat sie gelebt." Ihr zusammen mit Daniel Zohary veröffentlichtes Hauptwerk "The Domestication of plants in the Old World", erschien 1988 und wurde seitdem mehrfach neu aufgelegt.

Die Sammlung von Maria Hopf, darunter neben wissenschaftlichen Arbeiten auch Früchte und Samen als Bestimmungshilfe für fossile Funde, befindet sich inzwischen im Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven. Diese Sammlung stehe nun allen Forschern weiter zur Verfügung, sagt dort der Botaniker Felix Bittmann. Maria Hopf habe die Entwicklung der Archäobotanik maßgeblich geprägt. (dpa)

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