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Obstanbau in Hessen: „So eine Trockenheit habe ich noch nie erlebt“

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Von: Gregor Haschnik

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Streuobstwiesen verkraften die Trockenheit etwas besser als Apfelplantagen, weil die Bäume tiefer wurzeln.
Auch Bäume auf Streuobstwiesen leiden unter der Trockenheit. Renate Hoyer (3) © Renate Hoyer

Gregor Betzel, Vorstand des Landesverbandes für Erwerbsobstanbau, spricht über die Lage auf den Apfelwiesen.

Gregor Betzel ist ein erfahrener Obstbauer, seit mehr als 30 Jahren aktiv. Den stellvertretenden ersten Vorsitzenden des Hessischen Landesverbandes für Erwerbsobstbau, der den Birkenhof Hofheim in dritter Generation bewirtschaftet, kann wenig in Unruhe versetzen. Doch in diesen Tagen macht er sich ernsthafte Sorgen um die Früchte und deren Ernte.

Herr Betzel, wie geht es dem hessischen Apfel?

Nicht gut, vor allem, weil ihm seit Wochen das Wasser fehlt. Das Problem betrifft sowohl Äpfel auf Streuobstwiesen als auch in Anlagen. In unserem Betrieb können wir einen Großteil der Fläche mit Tröpfchenbewässerung versorgen, was allerdings zeit- sowie kostenintensiv ist und den Regen nicht vollständig ersetzen kann. Hinzu kommt, dass nicht alle Obstbauern solche Möglichkeiten zur Bewässerung haben.

Wie sieht es beim Streuobst aus?

Hier haben die Bäume ein größeres, tiefer reichendes Wurzelwerk, so dass sie besser an Feuchtigkeit in der Erde kommen. Aber auch dort kann nicht mehr viel Wasser sein. Es ist ein außergewöhnliches Jahr; eine so lange Trockenheit habe ich noch nie erlebt.

Welche wesentlichen Folgen hat die Trockenheit?

Die Bäume merken, dass ihnen die Bedingungen zusetzen und werfen zu ihrem Schutz viele Früchte ab, noch bevor diese reif sind. Deshalb liegt schon viel Obst auf dem Boden, obwohl es erst Mitte August ist. Außerdem bekommen viele Äpfel durch die lang anhaltende Strahlung Sonnenbrand. Dadurch entstehen nicht nur Flecken und Risse auf der Schale, was viele Kund:innen nicht sehen wollen, sondern die Äpfel können auch verfaulen.

Wie groß ist der Anteil der Äpfel, die von Sonnenbrand betroffen sind?

Bei Boskoop und Elstar könnten es 15 Prozent sein. Ungefähr die Hälfte davon wird vermutlich nicht zu gebrauchen sein, die andere Hälfte kann gemostet werden. Die Lage ist äußerst schwierig. Wir sind es ja schon gewohnt, dass es kaum noch „normale“ Jahre gibt, sondern immer wieder „Kapriolen“, aber jetzt ist es extrem.

Zur Person

Gregor Betzel ist stellvertretender erster Vorsitzender des Hessischen Landesverbandes für Erwerbsobstanbau. In Hessen wird Obstanbau vor allem im Rhein-Main-Gebiet (in den Gegenden um Kriftel, Darmstadt, Friedberg und Wiesbaden) sowie im Werra-Meißner-Kreis (im Raum Witzenhausen) betrieben.

Der Vorsitzende führt den 1928 gegründeten Birkenhof Hofheim. Die Betzels bauen 20 Sorten Äpfel mit etwa 30 000 Obstbäumen an, außerdem Himbeeren, Steinobst sowie Saisonobst. gha

Mehr Info: www.taunusobst.de

Können Sie schon abschätzen, wie die Apfelernte insgesamt ausfallen wird?

In jedem Fall wird sie aufgrund der Umstände bei den frühen Sorten bereits in der nächsten Woche beginnen und damit etwa zehn Tage früher als sonst. Wie das Gesamtergebnis sein wird, lässt sich noch nicht genau sagen. Das ist erst möglich, wenn wir am Ernten sind. Natürlich wird es in diesem Jahr auch zufriedenstellende Erträge von hoher Qualität geben. Besonders dort, wo ordentlich bewässert wurde beziehungsweise der Boden relativ gute Bedingungen bietet.

Über welche Maßnahmen für die Zukunft denken Sie nach?

Es ist schwierig. Ein Ansatz wäre, stärker auf robustere Sorten zu setzen, die besser mit dem veränderten Klima zurechtkommen. Doch die Verbraucher:innen möchten ein vielfältiges Spektrum, und wir können nicht den kompletten Markt umkrempeln. Am Bodensee sichern viele Obstbauern ihre Felder mit Hagelnetzen, besonders weil es dort oft zu diesem Niederschlag kommt. Die Netze haben aber auch den Vorteil, dass sie vor übermäßiger Sonnenstrahlung schützen. Bei uns in Hofheim und Kriftel haben wir jedoch recht kleine Parzellen, was das Aufstellen solcher Netze, das ohnehin erst genehmigt werden müsste, stark erschweren würde.

Wie ist die ökonomische Situation im hessischen Erwerbsobstbau?

Sie ist angespannt. Die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Krieges, zum Beispiel höhere Energiepreise, treffen uns zum Teil direkt, zum Teil indirekt über den Handel. Einige Anbieter locken die Kundschaft in dieser Zeit mit besonders niedrigen Preisen für Äpfel, die von weit her kommen. Ich kann diejenigen, die zugreifen, zum Teil verstehen. Viele müssen sparen, aber nicht jeder. Der Mindestlohn wird bei uns auch zu größeren Kostensteigerungen führen. Ich bin dafür, ihn zu zahlen. Aber ich muss zumindest einen Teil der Kosten weitergeben können.

Was tun Sie, um Ihren Betrieb unter diesen Bedingungen stabiler zu machen?

Wir und andere, die im Obstanbau tätig sind, versuchen unter anderem, uns möglichst breit aufzustellen, etwa mit einer Kelterei und einer Bembelschänke.

Interview: Gregor Haschnik

Gregor Betzel ist stellvertretender erster Vorsitzender des Hessischen Landesverbandes für Erwerbsobstanbau.
Gregor Betzel ist stellvertretender erster Vorsitzender des Hessischen Landesverbandes für Erwerbsobstanbau. © privat

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